{"id":3553,"date":"2017-05-20T13:31:51","date_gmt":"2017-05-20T12:31:51","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3553"},"modified":"2017-10-15T19:50:06","modified_gmt":"2017-10-15T18:50:06","slug":"wahljahr-skurril-aber-vielleicht-doch-wahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wahljahr-skurril-aber-vielleicht-doch-wahr\/","title":{"rendered":"Wahljahr &#8211; skurril, aber (vielleicht) doch wahr &#8211;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Nennen Sie mich einfach Ix,\u00a0<\/em>sagte der Mann, schmiss seinen massigen K\u00f6rper in einen der bequem anmutenden Sessel und grinste sein Gegen\u00fcber unverhohlen an. I<em>x,\u00a0<\/em>sagte dieser,\u00a0<em>ist ja nicht gerade originell, nicht wahr? Warum nicht 007? Ist schon belegt,\u00a0<\/em>sagte der Mann und grinste noch breiter.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Verr\u00fcckt, dachte der Parteisekret\u00e4r, warum musste ausgerechnet er sich mit Typen wie diesem\u00a0einlassen?\u00a0<em>Sie sind nun mal der Wahlkampfmanager,\u00a0<\/em>hatte der Parteivorsitzende gesagt\u00a0und keinen Zweifel daran gelassen, dass er ganze Arbeit erwarte und vor allem Wahlergebnisse jenseits der Zahl 48. <em>Achtundvierzig<\/em><em>\u00a0plus,\u00a0<\/em>hatte er noch angef\u00fcgt,<em> unser Motto, mein Lieber!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die absolute Mehrheit &#8211; koste es was es wolle &#8211; darum ging es und nur darum. Ein Scheitern h\u00e4tte das Aus\u00a0seiner politischen Karriere bedeutet. Alleine schon deshalb durfte ein solch verheerender Gedanke noch nicht einmal im Ansatz Platz greifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Also, dann h\u00f6ren Sie genau zu, Herr Ix,\u00a0<\/em>sagte der umtriebige Passauer Sekret\u00e4r und erl\u00e4uterte seinen Plan. Die Parteizentrale in der Nymphenburger Stra\u00dfe bot das richtige Ambiente f\u00fcr dieses Treffen und er war stolz, ein Teil des Apparates zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Fast zur gleichen Zeit sassen sich in einem mitten im Wald gelegenen, altehrw\u00fcrdigen Gasthaus am Rande M\u00fcnchens eine Frau und zwei M\u00e4nner gegen\u00fcber. Einer der M\u00e4nner, der Mundart nach zweifellos Schweizer, erl\u00e4uterte in knappen Worten, wie sie seiner Meinung nach vorzugehen h\u00e4tten. Der zweite der M\u00e4nner nickte mehrmals bed\u00e4chtig w\u00e4hrend die Frau, ein sp\u00f6ttisches Grinsen um die Mundwinkel, wie es schien, aufmerksam zuh\u00f6rte. Den Schweizer hatte man im Fernsehen bisher wenig, vielleicht sogar niemals, zu Gesicht bekommen, die anderen beiden Herrschaften dagegen schon. Sie waren st\u00e4ndig pr\u00e4sente Figuren auf der Scheibe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Frau mit dem sp\u00f6ttischen Grinsen stellte noch ein paar Fragen und meinte dann:\u00a0<em>Ich mische mich da nicht ein. Wenn Sie es f\u00fcr richtig halten, machen Sie es. <\/em>Der Nichtschweizer nickte und meinte lakonisch:\u00a0<em>Okay, dann machen wir es so!\u00a0<\/em>Sp\u00e4ter h\u00e4tte man den Mann in einem schweren Wagen\u00a0mit Stuttgarter\u00a0Kennzeichen beobachten k\u00f6nnen, als er vom Gasthaus kommend z\u00fcgig nach rechts auf die Stra\u00dfe nach Gr\u00fcnwald einbog.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wahlen kosten viel, bringen aber auch viel Geld ein. Genauer gesagt ist es der Wahlkampf, die Werbung der Parteien, die das Geld verschlingen. Die Anzahl der gewonnenen Stimmen bei Landtags-, Bundestags- und Europawahlen dagegen sp\u00fclen Millionenbetr\u00e4ge an staatlichen Zusch\u00fcssen in die Kassen der Parteien. Stiftungen und dubiose Interessengemeinschaften machen sich die Sache von Parteien\u00a0zu eigen und werben unverhohlen f\u00fcr deren Interessen. Welcher Art Verflechtungen hierbei entstehen, bleibt der \u00d6ffentlichkeit weitgehend verborgen. Staatsanw\u00e4lte k\u00f6nnten sich daf\u00fcr interessieren, tun es aber nicht. Wie jemand aus dem Justizapparat hierzu k\u00fcrzlich bemerkte, seien die ma\u00dfgeblichen Gesetze und Vorschriften zu l\u00f6chrig als dass sie geeignet w\u00e4ren, diesen Filz tats\u00e4chlich wirkungsvoll unterbinden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Gr\u00fcnwald, dem schicken Vorort M\u00fcnchens mit den nicht einsehbaren, von Mauern und dichten Hecken umgebenen Villen, in denen Leute mit Geld, bekannte Fussballspieler und solche, die gerne dazu geh\u00f6ren wollten, lebten, steuerte der Mann mit dem Stuttgarter Kennzeichen eine dieser Villen an. Wie von Geisterhand \u00f6ffnete sich ein schweres Tor, das den Wagen verschluckte und die Zufahrt augenblicklich wieder verschloss, kaum, dass das Heck des Wagens die Schwelle zum Anwesen\u00a0passiert hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Parteisekret\u00e4r, als sehr rege\u00a0und eloquent beschrieben und in der \u00d6ffentlichkeit als Poltergeist bekannt, war f\u00fcr Herrn Ix eine Nummer zu klein. Seine F\u00e4higkeiten waren, wie man auch zahlreichen seiner \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen entnehmen konnte, durchaus\u00a0limitiert. Er gab sich zwar staatsm\u00e4nnisch, durchschaute aber in keiner Weise die von Herrn Ix offerierten Dienste. Herr Ix w\u00e4re nun nicht Herr Ix gewesen, wenn er dies nicht sofort durchschaut h\u00e4tte. Im Prinzip war es ohnehin egal, was der Sekret\u00e4r sagte oder glaubte, mit ihm vereinbart zu haben, denn die Linie war zwischen ihm und einem f\u00fchrenden Kopf der Partei l\u00e4ngst abgestimmt und beschlossen.\u00a0<em>Offiziell l\u00e4uft die Sache \u00fcber den Sekret\u00e4r,\u00a0<\/em>hatte dieser Mann gesagt und weiter:\u00a0<em>Lassen wir ihn in dem Glauben, er sei wichtig. Sollte etwas schiefgehen, wird er es ausbaden m\u00fcssen, so sind die Regeln!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Schweizer Herr aus dem Gasthof im Wald nickte seiner Sekret\u00e4rin zu, nahm den Espresso entgegen, und bemerkte beil\u00e4ufig, sie m\u00f6ge ihm f\u00fcnf Minuten Spanne verschaffen, wenn alle anwesend w\u00e4ren. Sekunden sp\u00e4ter war er am Telefon und h\u00f6rte aufmerksam zu, ohne ein einziges Wort zu sprechen, was ihm sein Mann aus M\u00fcnchen berichtete. Erst am Ende des Gespr\u00e4ches sagte er kurz und trocken: <em>P<\/em><em>asst, gut gemacht!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Sie wissen, ich unterst\u00fctze Sie und Ihre Partei. Sorgen Sie aber bitte daf\u00fcr, dass es so bleibt, wie es ist. Wenn auch nur das Geringste an die \u00d6ffentlichkeit dringt, werde ich zwar nichts dazu sagen, rein gar nichts, ich kenne Sie nicht einmal, Ihnen aber meine Anw\u00e4lte auf den Hals hetzen, dass Sie w\u00fcnschten, nie geboren worden zu sein. Haben wir uns verstanden?\u00a0<\/em>Der Mann aus Stuttgart nickte.\u00a0<em>Keine Sorge, wir arbeiten mit einem Profi aus Z\u00fcrich, der dieses Metier beherrscht wie kein zweiter. <\/em>Die n\u00e4chste halbe Stunde erl\u00e4uterte<em>\u00a0<\/em>er, was er damit konkret meinte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im obersten Stockwerk eines eleganten Hauses in der Innenstadt Z\u00fcrichs waren mittlerweile die geladenen Teilnehmer eingetroffen. Man h\u00e4tte annehmen k\u00f6nnen, Sie seien allesamt Experten aus dem Verlagswesen, denn eine Tafel an dem \u00fcber einige Stufen erreichbaren Eingang im Hochparterre k\u00fcndete von einem <em>Verlag f\u00fcr historische und zeitgen\u00f6ssische<\/em>\u00a0<em>Publikationen.\u00a0<\/em>Zugang fand nur, wer angemeldet war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Gr\u00fcezi zusammen,\u00a0<\/em>sagte der Mann zur Begr\u00fc\u00dfung, nachdem er die Anwesenden exakt f\u00fcnf Minuten hatte warten lassen. <em>Wir haben zwei diffizile Auftr\u00e4ge erhalten. Der eine kommt von der gro\u00dfen Partei aus M\u00fcnchen, der andere von dieser neuen, rechtsgerichteten Partei, die im Aufwind ist und im n\u00e4chsten Deutschen Bundestag vertreten sein will. Was haben wir zu tun?<\/em><em>\u00a0<\/em>\u00a0<em>Als erstes gr\u00fcnden wir eine Interessengemeinschaft, deren einziger Zweck es ist, diese Rechtspartei in Deutschland salonf\u00e4higer zu machen. Dazu wird die Interessengemeinschaft die Medien und das Internet mit Anzeigen, Textbeitr\u00e4gen und Berichten \u00fcberschwemmen, die der \u00d6ffentlichkeit deutlich machen werden, wie die Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me das deutsche Rechtssystem unterwandern, den Terrorismus f\u00f6rdern und, ganz wichtig, die eigene Bev\u00f6lkerung nach und nach von allen Sozialleistung abschneiden. Ein Team von Spezialisten wird hierzu aktuelle Nachrichten scannen, Inhalte in Nuancen geschickt ver\u00e4ndern und der \u00d6ffentlichkeit dann als gut recherchierte &#8222;echte&#8220; Wahrheit verkaufen. Wer etwas anderes berichtet, wird als L\u00fcgenpresse denunziert.\u00a0Die ben\u00f6tigten Mittel werden dieser neuen Interessengemeinschaft aus unterschiedlichen Quellen zuflie\u00dfen, die teils aus anderen Interessengemeinschaften oder Vereinen, aber auch von Privatpersonen oder Unternehmen herr\u00fchren.\u00a0Stellen Sie sich ein Netzwerk vor, das wir zu diesem Zweck aufbauen, beziehungsweise aus bereits vorhandenen Strukturen speisen.\u00a0Juristisch wird selbstverst\u00e4ndlich alles so wasserdicht sein, dass Gesetze und Vorschriften weder in Deutschland noch in der Schweiz verletzt werden.<\/em> <em>Niemand wird eine Verbindung zwischen uns, der neuen Interessengemeinschaft und der unterst\u00fctzten Partei feststellen k\u00f6nnen. Alles paletti und legal!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Und wo ist die Verbindung nach M\u00fcnchen?, <\/em>fragte einer der Herren aus der Runde.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Der Plan ist einfach<\/em>, <em>ben\u00f6tigt aber bei der Ausf\u00fchrung Geschick und Fingerspitzengef\u00fchl,\u00a0<\/em>erl\u00e4uterte der Gastgeber. <em>Was wir f\u00fcr die\u00a0eine Partei tun, werden wir der anderen Partei als Information zur Verf\u00fcgung stellen. \u00a0Die gro\u00dfe Partei aus M\u00fcnchen wird dadurch in die Lage<\/em> versetzt, <em>wann immer sie wollen, den politischen Gegner \u00f6ffentlich zu diskreditieren.<\/em>\u00a0<em>Dies ist unser prim\u00e4rer Auftrag aus M\u00fcnchen, meine Herren: Zerst\u00f6ren der neuen rechten Gruppierung durch Indiskretion und Diskreditierung.\u00a0<\/em>Im \u00dcbrigen, so erl\u00e4uterte er noch kurz, sei es im Interesse der M\u00fcnchner Auftraggeber, das rechte Ges\u00e4usel und Gezerre\u00a0immer wieder mit neuer Nahrung zu versorgen, weil, so deren Kalk\u00fcl, das rechte W\u00e4hlerpotenzial sich zunehmend der Partei aus M\u00fcnchen zuwenden werde, wenn die Newcomer-Partei durch unsere Arbeit f\u00fcr die\u00a0rechten W\u00e4hler und \u00a0die Protestw\u00e4hler immer weniger attraktive wirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Weder der Parteisekret\u00e4r noch der Besucher der sch\u00f6nen Villa in Gr\u00fcnwald, noch die Frau mit dem sp\u00f6ttischen Zug in den Mundwinkeln hatten auch nur einen Schimmer dieser Zusammenh\u00e4nge. Die F\u00e4den spann der Mann aus Z\u00fcrich. Einen Fehler durfte er sich dabei nicht erlauben, zu hoch w\u00e4re der Preis daf\u00fcr gewesen. Inwieweit der Ministerpr\u00e4sident von den geheimen Vereinbarungen eines seiner engsten Vertrauten mit Z\u00fcrich wusste, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Vielleicht nach den Wahlen, wer wei\u00df&#8230;?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00dcbrigens, so wurde berichtet, sei der Ministerpr\u00e4sident nebst Gattin k\u00fcrzlich bei einem privaten Empfang in der schon erw\u00e4hnten Villa in Gr\u00fcnwald gesehen worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0<span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1495282185896_368\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/128406688@N07\/\">opposition24.de<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3576,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[955,949,950,956,953,885,951,954,952],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3553"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3553"}],"version-history":[{"count":23,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3553\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3579,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3553\/revisions\/3579"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3576"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3553"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}