{"id":363,"date":"2013-06-24T09:00:33","date_gmt":"2013-06-24T07:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=363"},"modified":"2015-09-06T16:22:11","modified_gmt":"2015-09-06T15:22:11","slug":"6-die-zentralbank","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/6-die-zentralbank\/","title":{"rendered":"(6) Einladung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mein Kollege war stinksauer. Weniger auf mich, als auf den Chef des St\u00fctzpunkts. Zu mir sagte er nur, ich sei verr\u00fcckt, mich auf so etwas einzulassen. Meine Argumente dagegen lie\u00df er nicht gelten. Das w\u00fcrde noch ein Nachspiel haben, sagte er.<!--more--> Samstag ist in Libyen, wie \u00fcbrigens in allen arabischen Staaten, normaler Arbeitstag. Die Europ\u00e4er, einschlie\u00dflich uns, nahmen es da manchmal allerdings nicht so genau, wissend, dass in der fernen Heimat die B\u00fcros geschlossen sind und die Leute ihren Freizeitvergn\u00fcgungen fr\u00f6nen. Niemand, der sie h\u00e4tte erreichen wollen. Da l\u00e4sst man es dann schon mal etwas langsamer angehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hatten uns vorgenommen, in der Zentralbank nachzuforschen, wie es mit der Er\u00f6ffnung unseres Akkreditivs aussah. Man muss wissen, solche Dinge laufen immer \u00fcber die Zentralbank. Unser Partner im Ministerium hatte versichert, alles sei beantragt und wir sollten einfach noch etwas Geduld haben. Nach langem Gehadere und vielen Anl\u00e4ufen bis hin zum kaufm\u00e4nnischen Bereichsleiter hatte ich intern durchgesetzt, dass endlich, gerade noch innerhalb der vorgesehenen Frist, der Performance Bond ausgefertigt wurde. Und das war auch der Grund, warum unser Akkreditiv erst sehr sp\u00e4t auf die Reise geschickt werden konnte. Das eine bedingte das andere, so einfach war das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zentralbank ist nat\u00fcrlich bewacht. An jedem Eingang zwei Posten in Uniform und auf den Fluren uniformierte Aufpasser. Es gab aber keine Personenkontrollen und auch keine Anmeldeprozeduren. Wir konnten das Geb\u00e4ude also gefahrlos betreten. Irgendwie gelang es uns, herauszufinden, bei wem die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr die Er\u00f6ffnung lag. Es war ein B\u00fcro gleich in der N\u00e4he des Eingangsbereichs, kein Treppensteigen nach oben oder unten. Den Namen des B\u00fcrochefs habe ich vergessen, er spielt f\u00fcr unser Vorgehen auch keine Rolle. Wir schlendern den Flur rauf und wieder runter und studieren die Schilder links von den T\u00fcren. Ja ich glaube sie waren links, bei uns sind sie meistens rechts angebracht. Wir konnten nat\u00fcrlich nicht die Bohne lesen, alles arabisch. Schlie\u00dflich konnten wir\u00a0<em>unser<\/em> B\u00fcro identifizieren. Wir hatten es deshalb nicht sofort lokalisieren k\u00f6nnen, weil die T\u00fcre offen stand und den Blick auf die Tafel verwehrte, die wir allerdings, wie gesagt, sowieso nicht h\u00e4tten lesen k\u00f6nnen, mit Ausnahme \u00a0der Nummer des Zimmers. Ja, ja, es ist gut, wenn du \u00a0Ziffern lesen kannst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das jetzt war ein Gl\u00fccksfall. Mein Kollege bedeutete mir, Bescheid zu geben, sobald sich einer der Posten n\u00e4hern w\u00fcrde, dann war er auch schon in diesem B\u00fcro. Ein riesiger Stapel von Dokumenten auf dem Schreibtisch, Akkreditivantr\u00e4ge, fein s\u00e4uberlich in Englisch. Hastig sichtete mein Kollege den Stapel und konnte tats\u00e4chlich den uns betreffenden Antrag herausfischen und zu oberst legen. Keine Sekunde zu fr\u00fch! Einem aufmerksamen Posten war unser Verhalten offensichtlich suspekt vorgekommen, worauf er eiligen Schrittes auf uns zukam. Im Bruchteil einer Sekunde erkannten wir, wie brenzlig es nun f\u00fcr uns werden k\u00f6nnte und beeilten uns,\u00a0beinahe im Laufschritt,\u00a0das Geb\u00e4ude durch den gegen\u00fcberliegenden Ausgang zu verlassen. Dem Posten schien es jetzt klar zu sein, dass da etwas faul war, und er wechselte von Eilschritt in Laufschritt. Es gab nur eine einzige Frage, w\u00fcrden wir es rechtzeitig schaffen? Denn falls nicht, w\u00fcrden sie uns zweifellos erst einmal einbuchten. Und das konnte dauern, woran uns verst\u00e4ndlicherweise nicht gelegen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir schafften es! Der Posten fing an irgendetwas zu rufen, es konnte nur uns betreffen, aber wir ignorierten es und eilten weiter auf den Ausgang zu. Ein paar Schritte noch, und wir standen im Freien. &#8222;Nichts wie weg&#8220;, raunte mein Kollege und wir schlugen trotz der Hitze einen z\u00fcgigen Laufschritt an. Entfernt h\u00f6rten wir den Posten schimpfen und br\u00fcllen, aber uns sollte er nicht mehr erwischen k\u00f6nnen. Das war geschafft, unser Akkreditivantrag im Stapel jetzt oben auf liegend, sollte gute Chancen haben. Die Leute arbeiten nach dem Prinzip, was oben liegt kommt zuerst dran. Manchmal gehen sie allerdings her und drehen den Stapel einfach um. Ich hoffte, in diesem Fall w\u00fcrde es nicht so sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr konnten wir heute nicht erreichen. Gestern, am Freitagmorgen, warte ich vergebens auf den angek\u00fcndigten Wagen, auch meinen Kollegen holt niemand ab. Was ist geschehen? Ein mulmiges Gef\u00fchl macht sich in mir breit, schneidet in meine Eingeweide. Ist die Sache am Ende aufgeflogen, noch bevor sie stattgefunden hat? Mein Kollege merkt nat\u00fcrlich, dass etwas faul ist, sagt aber nichts. So gegen elf Uhr taucht dann doch jemand auf und erkl\u00e4rt ohne Umschweife: &#8222;Die Fahrt braucht&#8217;s nicht mehr, wir haben ihn heute Nacht von Tobruk aus mit einem Flugzeug ausgeflogen. Ist alles glatt gegangen, aber sch\u00f6nen Dank f\u00fcr Ihre Hilfe.&#8220; Mein Kollege muss ziemlich bedeppert dreingeschaut haben. &#8222;Ach ja&#8220;, sagte der Besucher zu ihm, &#8222;Sie wissen ja von gar nichts, war so vereinbart, aber das ist ja jetzt gegenstandslos.&#8220; Er verst\u00fcnde nur Bahnhof, meint mein Kollege daraufhin und schlurft in sein Zimmer. Als der Fremde wieder gegangen war, erkl\u00e4re ich meinem Kollegen die Lage. &#8222;Ich konnte dir nichts sagen, sie haben mich darauf festgenagelt&#8220;, sage ich. Er aber meint, dies sei eine riesen Sauerei und unverantwortlich von unserem Office. Ich aber mache mir Gedanken, warum erst dieser ganze Brimborium mit Auto und so weiter, wenn sie schon wissen, sie machen es mit einem Flieger. Vielleicht wollten sie einfach eine Alternative haben, dachte ich. Mein Kollege aber glaubt, die h\u00e4tten absichtlich eine falsche Spur gelegt, falls es irgendwo eine undichte Stelle g\u00e4be. Und das erboste ihn besonders, weil sie mich auf jeden Fall in eine nicht kalkulierbare Gefahr gebracht hatten. &#8222;Stell dir bloss mal vor, da packt einer aus, und nennt deinen Namen? Dann haben sie dich am Arsch, und da kommst du \u00a0nicht mehr raus.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Abend fuhren wir ins Camp, eine Ansammlung von Wohncontainern f\u00fcr einige Monteure eines anderen Bereiches unserer Firma. Sie bauten ein Fernmeldenetz oder erg\u00e4nzten es, so etwas in der Richtung. Unser Projektleiter wohnte ebenfalls noch im Camp, hatte aber vor, demn\u00e4chst ins G\u00e4stehaus umzuziehen. Es gab reichlich Selbstgebrautes. Das beinahe Abenteuer erw\u00e4hnten wir mit keiner Silbe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal war ich eingeladen und es gab Dampfnudeln. Dampfnudeln in Libyen! Mit Vanillesauce, ganz wie zuhause, fr\u00fcher, als meine Mutter noch lebte. Aber in Tripolis, da erwartest du alles andere, bloss keine Dampfnudeln. Und es war nat\u00fcrlich einigerma\u00dfen schwierig, diese Riesendinger, luftig, wie sie waren, durch den trockenen Hals zu bekommen. Das war f\u00fcr mich schon als Kind immer schwer gewesen und brauchte einen gewaltigen Vorrat an Vanillesauce, als Schmiermittel sozusagen. Was tun? Mein Gehirn arbeitete fieberhaft. Eine L\u00f6sung musste her, bevor das Desaster seinen Verlauf nehmen w\u00fcrde. Die Rettung! Bier! Der Gastgeber war weithin bekannt f\u00fcr seinen Trunk. Dunkelgoldgelb, ja, das war die Farbe des un\u00fcbertroffenen Gebr\u00e4us. Er nicht, aber die Gastgeberin, seine Frau, zog eine Augenbraue leicht in die H\u00f6he, als sie meinen Wunsch vernahm. Mit Kaffee hatte sie gerechnet, aber mit Bier, nein, zu Dampfnudeln? Das schien ihr bisher nicht untergekommen zu sein, aber ich bekam ein Glas, genau genommen eine original bayerische Halbe. Der Hausherr schmunzelte und zwinkerte mir verstohlen zu, er wusste Bescheid, keine Frage, und schenkte sich sofort selbst eines ein. Ich muss sagen, das waren mit Abstand die besten Dampfnudeln, seit Erfindung dieser Speise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><span style=\"color: #808080;\">Foto von <a title=\"Neil Weightman\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/neil_weightman\/with\/6902371512\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">Neil Weightman<\/span><\/a> unter einer <a title=\"creative commons 2.0\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">Creative Commons Lizenz<\/span><\/a>.<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":388,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[710],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/363"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=363"}],"version-history":[{"count":45,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/363\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2080,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/363\/revisions\/2080"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/388"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=363"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=363"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=363"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}