{"id":3638,"date":"2017-10-15T19:38:23","date_gmt":"2017-10-15T18:38:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3638"},"modified":"2017-11-16T02:22:36","modified_gmt":"2017-11-16T01:22:36","slug":"zeitweilig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/zeitweilig\/","title":{"rendered":"zeitweilig&#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Bewegte Wochen waren das!,\u00a0<\/em>meinte Ferdinand Lechner in Anspielung auf die zur\u00fcckliegenden Wahlen. Ferdinand war einer der kleineren Bauern am Ort. Nicht so klein, dass er und seine Familie nicht h\u00e4tten davon leben k\u00f6nnen, aber nicht so gro\u00df, wie einige der anderen am Tisch. Der Hinterkofler zum Beispiel, der besa\u00df einen Hof mit an die zweihundert bester Milchk\u00fche. Oder der Markthaler Alfons, der weniger mit der Viehwirtschaft im Sinn hatte, daf\u00fcr aber jeden Quadratmeter, den er pachten oder kaufen konnte, mit dem Ertragreichsten bebaute, das der Boden hergab und von der EU subventioniert wurde &#8211; das musste man dazu schon auch sagen.<!--more--><\/p>\n<p><em>Da war doch nix bewegt,\u00a0<\/em>sagte einer aus der Runde. <em>Langweilig war&#8217;s, was uns die Gro\u00dfen da vorgemacht haben.<\/em><\/p>\n<p>So ging es eine ganze Weile hin und her, bis am Ende, auch Dank des Bieres, niemand mehr h\u00e4tte so genau sagen k\u00f6nnen, wie es tats\u00e4chlich zu dem folgenschweren Ereignis gekommen war.<\/p>\n<p><em>Stammtische entwickeln oft eine ganz besondere, eigene Dynamik, <\/em>meinte\u00a0sp\u00e4ter ein psychologischer Experte eines Radiosenders, der dem Ganzen als einziger minimale Beachtung zollte, wobei der Experte allerdings nicht die leiseste Ahnung davon hatte, was tats\u00e4chlich geschehen war.<\/p>\n<p>Fakt war, dass pl\u00f6tzlich einer einen Hirschf\u00e4nger in der Hand hatte und ein anderer blut\u00fcberstr\u00f6mt zusammenbrach. Fakt war auch, dass die beiden einander nicht gekannt hatten und Fakt war auch, dass niemand \u00fcberhaupt wusste, was geschehen war. Der guten Ordnung halber sollte erw\u00e4hnt sein, dass\u00a0<em>nicht gekannt\u00a0<\/em>nicht einschloss, man sei sich nicht fr\u00fcher oder vorher schon einmal \u00fcber den Weg gelaufen, sondern lediglich meinte, dass man nichts oder nur sehr wenig von einander wu\u00dfte.<\/p>\n<p><em>Geh, hock dich nieder,\u00a0<\/em>sagte der zuf\u00e4llig anwesende Dorfarzt zu dem Blut\u00fcberstr\u00f6mten und zerrte den Mann auf einen Stuhl.\u00a0<em>Lass ihn doch,\u00a0<\/em>sagte einer,\u00a0<em>siehst doch, wie er aussieht!<\/em><\/p>\n<p><em>Wo is&#8217;n der mit dem Messer, dem Hirschf\u00e4nger?<\/em>, br\u00fcllte einer. Ferdinand Lechner sch\u00fcttelte den Kopf:\u00a0<em>Hirschf\u00e4nger? Was f\u00fcr ein Hirschf\u00e4nger? Ich hab&#8216; nichts gesehen.\u00a0<\/em>Auch andere bedeuteten, nichts dergleichen bemerkt zu haben.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen indessen, hinter der Wirtschaft, blickte der Hinterkofler verstohlen um sich, bewegte sich dann sehr schnell weiter, einen schmalen Weg entlang durch G\u00e4rten hindurch, hin zu den nahen Feldern und Wiesen, bog in einen Seitenweg ein und erreichte wenig sp\u00e4ter seinen Hof.<\/p>\n<p><em>Des wirst schon \u00fcberleben,\u00a0<\/em>sagte der Arzt. <em>Is nur a Fleischwundn, &#8230;am Oberarm. Deswegen des viele Bluat. Und an der linken Seiten hast a no was, aber nur oberfl\u00e4chlich, an de Rippen. Was is \u00fcberhaupt passiert?<\/em><\/p>\n<p>Einer wollte gerade anheben, etwas zu sagen, aber ein Blick des Markthaler Alfons lie\u00df in augenblicklich verstummen.\u00a0<em>Kennt ihn doch keiner. Von hier is er jedenfalls nicht. Na, von uns is des koaner,\u00a0<\/em>bemerkte auch der Lechner Ferdinand.<\/p>\n<p>Damit schien alles gesagt.\u00a0<em>Gehts?,\u00a0<\/em>fragte der Arzt und verlie\u00df, den Verletzten st\u00fctzend, das Wirtshaus.\u00a0<em>Gehn mia n\u00fcber in mei Praxis,\u00a0<\/em>sagte er noch.<\/p>\n<p>Nachmittags, der Hinterkofler war gerade bei seinen K\u00fchen im Stall, dr\u00fcckten sich zwei Gestalten am Seiteneingang durch die nur angelehnte T\u00fcr des Wohntraktes und waren wenig sp\u00e4ter in einem der unteren Zimmer verschwunden.<\/p>\n<p><em>Spuren gab es da keine mehr,\u00a0<\/em>sagte einer der Polizisten. Irgend jemand, niemand wu\u00dfte, wer, hatte schlie\u00dflich mit einiger Versp\u00e4tung die Polizei, das hei\u00dft, den Dorfposten verst\u00e4ndigt. Der Dienststellenleiter blickte fragend auf. <em>Zwei Stiche mit einem Messer, meinte der Doktor, k\u00f6nnten es gewesen sein,\u00a0<\/em>erkl\u00e4rte der andere Beamte,\u00a0<em>sonst nix, waren alle schon weg.<\/em><\/p>\n<p><em>Bist du a bisserl deppert?,\u00a0<\/em>fragte der Lechner den Hinterkofler, als der nach getaner Arbeit zur\u00fcck ins Haus gekommen war und dort auf die beiden Unerkannten von vorhin traf.\u00a0<em>Und mit dem Hirschf\u00e4nger!, <\/em>bemerkte der Markthaler. <em>Au\u00dfer uns zwoa hat dich a no a anderer g&#8217;sehn, aber der wird nix sagen. Den hab i blo\u00df angschaut, dann hat er&#8217;s Mei ghoitn.<\/em><\/p>\n<p>Nach dem obligatorischen Schnaps und noch einen oder zwei oben drauf formte sich bed\u00e4chtig ein von starken Erinnerungsl\u00fccken gepr\u00e4gtes Bild der Geschehnisse. Warum der Hinterkofler zugestochen haben soll, <em>wenn \u00fcberhaupt<\/em>, wie er meinte, erschlo\u00df sich keinem der drei.<\/p>\n<p><em>Wenn du des net warst, warum bist dann so schnell abghaut?,\u00a0<\/em>fragte der Markthaler. &#8230;<em>u<\/em><em>nd mia genau den Hirschf\u00e4nger in deiner Hand g&#8217;sehn ham,\u00a0<\/em>erg\u00e4nzte der Lechner.\u00a0<em>Ja, was wei\u00df den ich?,\u00a0<\/em>war alles, was dem Hinterkofler dazu einfiel.<\/p>\n<p>Wie schon einer der Polizisten berichtet hatte, war bei deren Eintreffen au\u00dfer den Wirtsleuten und Bedienungen niemand mehr vor Ort gewesen.\u00a0<em>So ist&#8217;s halt hier,\u00a0<\/em>sagte einer,\u00a0<em>niemand m\u00f6chte in etwas verwickelt werden, das im sp\u00e4ter vielleicht leid t\u00e4t.\u00a0<\/em>Nur zu gut verstanden die Polizisten was damit gesagt war. Mochte man zwischendurch auch anderer Meinung sein als der Nachbar, so galt dies nichts, wenn es um den Zusammenhalt ging. Einem Fremden, also einem, der noch nicht einmal hierher geh\u00f6rte, war etwas passiert. Das konnte schon einmal vorkommen, Beispiele hierf\u00fcr gab es deren gen\u00fcgend. Aber, warum war er auch hier gewesen? Zum falschen Zeitpunkt noch dazu!\u00a0<em>Selber Schuld,\u00a0<\/em>sagten da die Leute.<\/p>\n<p>Es hat sich nichts aufgekl\u00e4rt, weder von selbst noch durch die Polizei, die das ganze noch nicht einmal als\u00a0<em>Fall\u00a0<\/em>einstufte. Jedenfalls gab es hier\u00fcber in den Akten weder eine Notiz noch ein Protokoll.\u00a0<em>Weswegen auch?,\u00a0<\/em>wie der Dienststellenleiter meinte. Viel wahrscheinlicher, als ein Stich mit einem Messer, war es doch, dass sich dieser Fremde seine Verletzungen selber beigebracht hatte, was, danach befragt, im \u00dcbrigen auch der Doktor nicht ausschlie\u00dfen konnte oder wollte.<\/p>\n<p>Hatte dieser Mensch nicht ein H\u00e4ndel mit einer der Frauen vom Dorf gehabt, die ihm den Laufpass gegeben hatte? War es nicht so, wurde hinter vorgehaltener Hand erz\u00e4hlt, dass die ihm, als er zudringlich werden wollte, eine mordsdrum Watsch&#8217;n gegeben hatte, dass es ihn hinterr\u00fccks auf seinen Allerwertesten gehauen hatte und dort zuf\u00e4llig ein paar Scherben auf dem Boden gelegen waren? Auf Nachfrage konnte allerdings niemand sagen, um welche der allseits bekannten Frauen es sich gehandelt haben sollte.<\/p>\n<p>Den Fremden hat man \u00fcbrigens fortan im Dorf nicht mehr gesehen. Kolportiert wurde allerdings, dass die drei Spezln, also der Hinterkofler, der Lechner und der Markthaler, gesehen worden sein sollen, wie sie just diesem Fremden irgendwo weiter drau\u00dfen vor dem Dorf, ein paar Scheine in die Tasche gestopft und ihm dann noch ein paar gute Ratschl\u00e4ge eindeutigen Charakters mit auf den Weg gegeben haben sollen.<\/p>\n<p>Erst viel, viel sp\u00e4ter sickerte durch, dass jene damals ins Gerede gekommene Frau, eine von Hinterkoflers Bediensteten gewesen sein soll, die auch mit dem Bauern ein Techtelmechtel unterhalten h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Heute redet schon lange niemand mehr \u00fcber diese Geschichte. Es war halt nur zeitweilig interessant und das auch nur, weil damals keiner etwas Genaues gewu\u00dft haben wollte und, wie es sich gab, die Hinterkoflerin, also des Bauern Weib, sich\u00a0 nur wenig sp\u00e4ter aus dem Staub gemacht haben soll.<\/p>\n<p>Hirschf\u00e4nger tr\u00e4gt der Hinterkofer \u00fcbrigens keinen mehr.<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1508091764674_400\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/65363769@N08\/\">albularider<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3659,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[935],"tags":[969,966,842,965,720,971,970,968,967,839],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3638"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3638"}],"version-history":[{"count":22,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3638\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3725,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3638\/revisions\/3725"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3659"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3638"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3638"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3638"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}