{"id":3681,"date":"2017-11-06T02:48:07","date_gmt":"2017-11-06T01:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3681"},"modified":"2017-12-16T00:48:32","modified_gmt":"2017-12-15T23:48:32","slug":"wohin-wir-steuern-einfach-so-gedacht-bericht-aus-bayern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wohin-wir-steuern-einfach-so-gedacht-bericht-aus-bayern\/","title":{"rendered":"Wohin wir steuern&#8230;(einfach so gedacht &#8211; Bericht aus Bayern)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Stammtisch im\u00a0<em>Br\u00e4u,\u00a0<\/em>Freitag, kurz vor halb neun: Seit ewigen Zeiten schon treffen sich die f\u00fcnf M\u00e4nner dort am ersten Freitag im Monat. Zw\u00f6lf Mal im Jahr. Allerdings, so wu\u00dften manche der Alteingesessenen zu berichten, hat man die f\u00fcnf des \u00f6fteren auch an anderen Abenden zusammen gesehen. <!--more-->Mal im\u00a0<em>Br\u00e4u,\u00a0<\/em>aber auch anderenorts. Fr\u00fcher, als es noch mehr Wirtschaften am Ort gab, waren sie \u00fcberall gern gesehene G\u00e4ste. Dann hat es begonnen: Erst der\u00a0<em>Klosterhof,\u00a0<\/em>dann der <em>Prinzregent,\u00a0<\/em>ja und jetzt gab es au\u00dfer dem <em>Br\u00e4u\u00a0<\/em>nur noch den\u00a0<em>Valentin,\u00a0<\/em>daf\u00fcr aber zwei dieser neuen Bistros oder Cafes, wie sie sich nannten, f\u00fcr die Jugend und die Zuagroasten, also, die von ausw\u00e4rts zugezogenen.<\/p>\n<p>Sogar der B\u00e4cker hat seinen Betrieb aufgeben m\u00fcssen.\u00a0<em>Zu wenig Kundschaft,\u00a0<\/em>sagte er.\u00a0<em>Die geh&#8217;n zum Supermarkt oder zum Billigb\u00e4cker, dr\u00fcben in Oberreitingen.\u00a0<\/em>Metzger gab es schon lange nicht mehr.\u00a0<em>Mia schlachten nimmer. Zu viele Auflagen. Die fahren&#8217;s Vieh in&#8217;d Stadt. Es sei billiger, sagen sie.<\/em><\/p>\n<p>Ja sogar mit der Schule kam es immer wieder zu Problemen.\u00a0<em>Zu wenige Sch\u00fcler. Die Klassen zu klein. Da m\u00fcssen wir aufl\u00f6sen,\u00a0<\/em>sagten die Verantwortlichen. Wurscht war es denen, dass die Eltern, meistens die M\u00fctter, nicht wussten, wie sie die Kinder in die benachbarten Orte h\u00e4tten bringen sollen.\u00a0<em>Is nix organisiert,\u00a0<\/em>sagten sie. Und:\u00a0<em>Warum machen&#8217;s net die Klassen wo anders dicht und schicken die Kinder zu uns?<\/em><\/p>\n<p>So ging es langsam aber best\u00e4ndig den Bach hinunter und was die Leute wollten, schien schon lange niemanden mehr zu interessieren.<\/p>\n<p>So dachten die einen. Die anderen aber, die von dieser Entwicklung profitierten, argumentierten v\u00f6llig entgegengesetzt.\u00a0<em>Neue Arbeit. Es gibt neue Arbeitspl\u00e4tze,\u00a0<\/em>sagen sie und schoben sich das Geld in die Taschen.<\/p>\n<p>So tun sich zwei Lager auf. Unsere F\u00fcnf schlie\u00dfen sich gerne dem einen an, gleichzeitig aber auch dem anderen. Wie es eben gerade passt.\u00a0<em>Am Dorf mu\u00dft schau&#8217;n wo du bleibst,\u00a0<\/em>sagen sie gerne und verstehen sich dann als so etwas wie Volksphilosophen.<\/p>\n<p><em>Bring noch a Runde,\u00a0<\/em>rufen sie der Bedienung zu und meinen damit noch ein dunkles Wei\u00dfbier f\u00fcr jeden. Pr\u00e4zise: Weizenbock. Von November bis etwa Januar brauen sie ihn, den s\u00fcffigen aber extrem starken Weizenbock. F\u00fcnf bis sieben gehen immer am Freitagabend.<\/p>\n<p>Je mehr der Bock seine Wirkung tut, und er tut sie auf eine besonders hinterh\u00e4ltige Weise immer, desto hitziger werden die Wortgefechte. Nicht nur am Stammtisch.<\/p>\n<p><em>Ist doch Wurscht,\u00a0<\/em>sagt einer,\u00a0<em>morgen ist doch Samstag. Blei&#8217;ma halt a Stund&#8216; l\u00e4nger lieg&#8217;n! Hast recht, aber du kennst mei Oide net,\u00a0<\/em>meint ein anderer.\u00a0<em>Nimmst dir halt a Neue,\u00a0<\/em>kommt prompt der wohl gemeinte Rat eines Dritten und ihre vom Bier rot angelaufenen und etwas aufgedunsenen Sch\u00e4del brechen in wieherndes Gel\u00e4chter aus.<\/p>\n<p>Trotz fortger\u00fcckter Stunde kam, was kommen mu\u00dfte, und, was einfach zu jedem Stammtisch geh\u00f6rte: der unb\u00e4ndige Wille, Dinge nicht mehr hinnehmen zu wollen, wie sie bisher gelaufen waren.<\/p>\n<p>Die achte Runde.\u00a0<em>Heut&#8216; l\u00e4uft&#8217;s aber b&#8217;sonders guad,\u00a0<\/em>sagte einer der f\u00fcnf bereits ein wenig lallend. Und sp\u00e4ter dann beim Neunten war es soweit.\u00a0<em>Es darf nimmer mehr so weitergehen.\u00a0<\/em>Und alle wu\u00dften was er meinte.<\/p>\n<p>Und alles ging so weiter wie bisher. Ein Gesch\u00e4ft nach dem anderen machte zu. Die kleinen L\u00e4den waren eines Tages pl\u00f6tzlich verschwunden. Die alten H\u00e4user mussten neuen weichen. Gr\u00f6\u00dfer, mehr Stahl und Glas, moderner eben. Karge, von Architektur gepr\u00e4gte G\u00e4rten. Kitas, wo es fr\u00fcher keine gab, Kinderg\u00e4rten, die es gegeben hatte, geschlossen.<\/p>\n<p><em>Das ist der Wandel,\u00a0<\/em>sagten manche,\u00a0<em>der Fortschritt,\u00a0<\/em>meinten andere,\u00a0<em>beides geht zusammen, <\/em>wieder andere.\u00a0<em>Es treibt sie auseinander,\u00a0<\/em>auch solche Stimmen mehrten sich.<\/p>\n<p>Unsere F\u00fcnf haben sich auseinander gelebt, aus den Augen verloren, Familien gegr\u00fcndet, sich mit den Verh\u00e4ltnissen arrangiert, sind weggezogen, haben neue Berufe gelernt, und vielleicht noch anderes. Aber wir wissen es nicht, k\u00f6nnen nichts dar\u00fcber berichten, weil wir ihre individuellen Wege nicht kennen und auch nicht mehr zusammenf\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Den Stammtisch im\u00a0<em>Br\u00e4u\u00a0<\/em>gibt es auch nicht mehr. Den\u00a0<em>Br\u00e4u\u00a0<\/em>gibt es nicht mehr. An seiner Stelle hat sich dort ein nobler Landgasthof etabliert, mit einem Sternekoch.<\/p>\n<p>Der Ort, das Dorf, ist nicht mehr das fr\u00fcherer Jahre. Heruntergekommene Viertel gibt es nicht mehr. Sie sind wohl situierten Quartieren gewichen. Leute mit Geld, mit gut bezahlten Berufen, Selbst\u00e4ndige, \u00c4rzte und Rechtsanw\u00e4lte haben sich dort niedergelassen. Sie haben den Ort ver\u00e4ndert, ihn zu dem gemacht, was er heute ist.<\/p>\n<p>Eines Tages war auf einem der Tische im noblen Restaurant mit dem Sternekoch ein dezentes Schild angebracht worden:\u00a0<em>Stammtisch\u00a0<\/em>war darauf eingraviert und dazu die Namen sehr bedeutender Herren mit honorigen Titeln.<\/p>\n<p>Und wie fr\u00fcher treffen sie sich jetzt jeden ersten Freitag im Monat, sprechen \u00fcber dies und das, trinken statt Bier, einen vornehmen Wein, und genie\u00dfen das Mal des privilegierten Kochs.<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1509932135313_400\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/travelswiss1\/\">Travelswiss1<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3693,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[722,979,977,817,981,978,980],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3681"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3681"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3681\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3696,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3681\/revisions\/3696"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3693"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3681"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3681"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3681"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}