{"id":3780,"date":"2018-01-19T18:43:15","date_gmt":"2018-01-19T17:43:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3780"},"modified":"2018-07-03T13:13:39","modified_gmt":"2018-07-03T12:13:39","slug":"hintergrund-kriminologisches-aus-bayern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/hintergrund-kriminologisches-aus-bayern\/","title":{"rendered":"Hintergrund &#8211; Kriminologisches aus Bayern"},"content":{"rendered":"<p>Dagmar Hochfellner und ihr Team waren bereits vor Ort.<\/p>\n<p>Die Kollegen der Spurensicherung in ihren wei\u00dfen Overalls wirkten irgendwie bizarr, ja unwirklich, wie sie mit den Kameras, Ma\u00dfb\u00e4ndern und Plastikt\u00fcten hantierten, in die sie Dinge vom Tatort hineinpackten und per Zip verschlossen.<!--more--><\/p>\n<p>Hinten in der Grube lag er noch immer, genauso, wie ihn der Willi aufgest\u00f6bert hatte. Der Willi, eine Mischung aus mehreren Rassen, einem Sch\u00e4ferhund aber noch am \u00c4hnlichsten, war, wie jeden Morgen, mit dem Hinterhofer Xaver an der Isar Gassi gewesen.<\/p>\n<p><em>Und pl\u00f6tzlich ist er wie verr\u00fcckt zu dieser Grube gelaufen. Der Herr Hinterhofer hat sich erst gar nichts dabei gedacht, wie der Hund aber dann schwanzwedelnd zur\u00fcckkam und der Herr Hinterhofer sah, was sein Willi da im Maul hatte, wurde es ihm richtig pl\u00fcmerant,\u00a0<\/em>kl\u00e4rte der Assistent die Hauptkommissarin auf.\u00a0<em>Genau so hat er mir&#8217;s berichtet,\u00a0<\/em>f\u00fcgte er noch an.\u00a0<em>Bl\u00fcmerant, das hei\u00dft bl\u00fcmerant, mit einem weichen B,\u00a0<\/em>korrigierte Dagmar Hochfellner ihren Assistenten.<\/p>\n<p><em>Aber, erz\u00e4hl weiter!,\u00a0<\/em>ermunterte sie den jungen Mann, auf den Punkt zu kommen.\u00a0<em>Ja, sehen Sie, Frau Hauptkommissarin,\u00a0<\/em>Dagmar Hochfellner war kurz versucht, ihn zu unterbrechen, unterlie\u00df es aber, und nickte ihm stattdessen zu,\u00a0<em>ja also, um es direkt zu sagen, der Hund, also der Willi&#8230;<\/em><\/p>\n<p><em>Kommst du mal r\u00fcber!,\u00a0<\/em>rief einer der Kollegen.\u00a0<em>Einen Augenblick,\u00a0<\/em>sagte Dagmar,\u00a0<em>bin gleich zur\u00fcck,\u00a0<\/em>und eilte hin\u00fcber zur Grube.\u00a0<em>Schau dir mal den Toten an, <\/em>sagte der Kollege,\u00a0<em>dem fehlt ein Ohr, pr\u00e4zise das linke. Merkw\u00fcrdig! Der Willi!,\u00a0<\/em>durchzuckte es Dagmar.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in der Maillinger Stra\u00dfe, in M\u00fcnchen, sa\u00df das Team versammelt in einem der Besprechungszimmer des LKA. Die Spurensicherung hatte<em>\u00a0<\/em>keine Hinweise auf eine Fremdeinwirkung erbracht, bis auf das Ohr&#8230;! <em>Ja, das Ohr,\u00a0<\/em>sagte Dagmar und kl\u00e4rte die Leute auf, weswegen es dem Hinterhofer Xaver bl\u00fcmerant, also flau, geworden war.<\/p>\n<p><em>An was ist der denn gestorben und vor allem wann?,\u00a0<\/em>fragte einer aus der Runde.<\/p>\n<p><em>Ja, das ist eben auch wieder merkw\u00fcrdig,\u00a0<\/em>meinte ein anderer und erl\u00e4uterte, was der Gerichtsmediziner ihm vor wenigen Minuten erl\u00e4utert hatte. Danach sah alles nach einem akuten Herzstillstand aus, der den Mann praktisch wie aus dem Nichts dahingerafft hatte. Und das nur vielleicht zwei Stunden bevor der Willi mit dem Xaver die Isar l\u00e4ngs kam.<\/p>\n<p>Chronisch unterbesetzt entlie\u00df Dagmar Hochfellner ihre Leute, war aber selbst von der Variante,\u00a0<em>Tod durch Herzversagen, <\/em>alles andere als \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p><em>An der Isar, da erholt man sich, verstehst du, da f\u00e4llt man nicht einfach tot um!,\u00a0<\/em>sagte sie,\u00a0<em>und deshalb werden wir zwei H\u00fcbschen die Sache weiterverfolgen! <\/em><\/p>\n<p><em>Als Erstes stellen wir die Identit\u00e4t des Toten fes<\/em>t.\u00a0<em>Das m\u00fcssen wir sowieso machen,\u00a0<\/em>sagte sie.\u00a0<em>Fingerabdr\u00fccke, Genanalyse, Zahnabdr\u00fccke und so weiter, wei\u00dft eh.\u00a0<\/em>Dagmars mahnender Blick verhinderte gerade noch, dass der Assistent mit einem\u00a0<em>Jawohl, Frau Hauptkommissarin,\u00a0<\/em>antwortete.<\/p>\n<p>Dagmar seufzte und res\u00fcmierte, dass es wohl f\u00fcr alle Zeiten aussichtslos bleiben w\u00fcrde, dem Assistenten das Du beizubringen.\u00a0<em>Hier in der Abteilung duzen wir uns alle!,\u00a0<\/em>hatte sie dem jungen Mann immer wieder beizubringen versucht, vergeblich.<\/p>\n<p>Kurzentschlossen rief Dagmar in der Gerichtsmedizin an. Tats\u00e4chlich gibt es den Sekundentod, erfuhr sie. H\u00e4ufigste Ursache sei eine Verkalkung der Herzkranzgef\u00e4\u00dfe, bekannt unter der Bezeichnung koronare Herzkrankheit. <i>Und,\u00a0<\/i>meinte der Amtsarzt,\u00a0<em>der kommt, wenn es soweit ist, ob an der Isar oder sonst wo!\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hatte sie noch wissen wollen, ob man selbiges Ableben auch anderweitig herbeif\u00fchren k\u00f6nnte, durch ein nicht nachweisbares Gift zum Beispiel. Gift w\u00e4re durchaus eine Option, meinte der Amtsarzt, aber dass man es bei der Obduktion nicht nachweisen k\u00f6nne, das w\u00e4re schon sehr unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter wu\u00dfte Dagmar mehr, schlauer war sie deshalb aber nicht geworden. Der Befund lag vor: Keine Verkalkung und kein Gift. An was oder vielmehr warum war der Mann an der Isar gestorben?<\/p>\n<p>Der Assistent war flei\u00dfig gewesen und so wu\u00dften sie wenigstens, wer der Tote war.\u00a0<em>Auf zu den Eltern,\u00a0<\/em>sagte Dagmar.\u00a0<em>Adoptiert, mia ham ihn adoptiert g&#8217;habt,\u00a0<\/em>sagte die Frau.\u00a0<em>Mei Mo is scho lang gschdoam, bin Witwe,\u00a0<\/em>war ihr Kommentar.\u00a0<em>Eam,\u00a0<\/em>und sie meinte zweifellos den Adoptivsohn,\u00a0<em>hab&#8216; ich scho ewig nimma g&#8217;sehn! Der hat sich eher selten bei mia g&#8217;meldet.\u00a0<\/em><em>Au\u00dferdem hat a g&#8217;suffa und a Rumtreiber wars a, soviel ich wei\u00df.<\/em><\/p>\n<p>\u00dcbersetzt ins Hochdeutsche war der Tote also ein Nichtsnutz gewesen. Die Adoptivmutter musste sich irren. Teurer Anzug, teure Schuhe, alles vom Feinsten, so hatten sie ihn in der Grube vorgefunden.<\/p>\n<p><em>Der Obduktionsbericht!\u00a0<\/em>Dagmar eilte hin\u00fcber an ihren Schreibtisch, nahm das Exemplar und vertiefte sich darin. Unwillk\u00fcrlich runzelte sie die Stirn. Beim ersten oberfl\u00e4chlichen Durchbl\u00e4ttern waren ihr tats\u00e4chlich zwei wichtige Ergebnisse entgangen. Keine Anzeichen auf \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Alkoholgenuss oder Drogenkonsum, das Gerde der Adoptivmutter also Quatsch, aber hier: Linkes Ohr mittels Skalpell oder \u00c4hnlichem abgetrennt&#8230;und minimale R\u00fcckst\u00e4nde im Muskelgewebe von einer Substanz, es folgte ein komplizierter lateinischer Ausdruck, die allgemein auch unter KO-Tropfen bekannt ist.<\/p>\n<p>Der Willi, soviel war klar, der Willi hatte das Ohr zwar gebracht, aber nicht abgebissen. Der Mann war nicht vergiftet, wohl aber mit KO-Tropfen traktiert worden. <em>Warum das Ohr?,\u00a0<\/em>fragte sich Barbara. Hatte man es ihm am Fundort abgeschnitten? Wozu?<\/p>\n<p>Die Spurensicherung hatte nichts Verwertbares zutage gef\u00f6rdert.\u00a0<em>Da laufen bei sch\u00f6nem Wetter am Tag hunderte, wenn nicht tausende entlang, da findest vor lauter Spuren praktisch nichts. Die werfen alles M\u00f6gliche weg und das liegt dann eben auch am Tatort herum, vom Kaugummi \u00fcber Kippen bis zu Tempos oder sogar Kleidungsst\u00fccke, Str\u00fcmpfe, Schuhe, Jacken, einfach alles.<\/em><\/p>\n<p>Jedes noch so winzige Fusselchen war registriert und in die Asservatenkammer verbracht, aber eben nichts dabei, was erkennbar auf einen M\u00f6rder h\u00e4tte schlie\u00dfen lassen.<\/p>\n<p><em>Wir wissen nicht, wie es passiert ist, aber dass es dort geschehen ist, wo der Mann lag, das ist nach dem Ergebnis der Obduktion zweifelsfrei. Sand und anderes Erdreich unter den N\u00e4geln, Schmutz an den Schuhen, den Kleidungsst\u00fccken, ja sogar an Gesicht und H\u00e4nden und, h\u00f6rt euch das genau an, keinerlei solcher Art Verschmutzungen in der Wunde am Kopf. Folglich hat man ihm das Ohr abgeschnitten, als er schon am Boden lag. <\/em>Das Meeting war zu Ende und jeder ging wieder seiner Arbeit nach.<\/p>\n<p>Dagmar und der Assistent sa\u00dfen noch eine Weile in Gedanken versunken, als der junge Mann pl\u00f6tzlich sagte:\u00a0<em>Frau Hauptkommissarin, haben Sie schon einmal an die Mafia gedacht? Mafia, bei uns, hier in M\u00fcnchen, an der Isar?,\u00a0<\/em>erwiderte Dagmar erstaunt.\u00a0<em>Wie kommst du darauf? Wieder dieses Du-, Sie-Verh\u00e4ltnis,\u00a0<\/em>dachte Dagmar.<\/p>\n<p><em>Ja, weil die Mafia das so macht. Die schneiden ein Ohr oder die Nase ab, um damit Abweichler oder Verr\u00e4ter zu stigmatisieren und andere zu warnen, die etwa Gleiches im Sinn haben.<\/em><\/p>\n<p><em>Was Du so alles wei\u00dft, aber du k\u00f6nntest Recht haben. Dann wird es allerdings noch schwerer werden, den Fall jemals aufzukl\u00e4ren, vielleicht sogar unm\u00f6glich.<\/em><\/p>\n<p>Derweilen sa\u00dfen in einem Intercity nach S\u00fcden zwei M\u00e4nner, der eine um die drei\u00dfig, der andere \u00e4lter, vielleicht so um die f\u00fcnfzig.\u00a0<em>Sie werden nichts finden,\u00a0<\/em>sagte der \u00c4ltere auf Italienisch. <em>Und<\/em>\u00a0<em>sie werden lange dar\u00fcber nachdenken, wie wir es gemacht haben,\u00a0<\/em>erg\u00e4nzte der J\u00fcnger und lachte verhalten vor sich hin.\u00a0<em>Es wird in den Zeitungen stehen und im Fernsehen berichtet,\u00a0<\/em>sagte der \u00c4ltere,\u00a0<em>und darauf kommt es an!\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Der Zug rumpelte \u00fcber den Brenner, weiter nach Rom, weiter nach Neapel und immer weiter nach dem S\u00fcden. Abwechselnd sah man die M\u00e4nner im Speisewagen, dann wieder im Abteil, Reisende eben, die gerne mit der Bahn fahren.<\/p>\n<p>Schon lange vorher hatten sie bei einem Zwischenstopp unbemerkt einen Beutel in den Abfallbeh\u00e4lter eines Bahnhofes gestopft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: J.Reiter, M\u00fcnchen<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":698,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[703],"tags":[1009,768,1006,1005,1004,775,1007,953,1011,1008,812,1010],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3780"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3780"}],"version-history":[{"count":45,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3780\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3901,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3780\/revisions\/3901"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/698"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3780"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3780"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3780"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}