{"id":3898,"date":"2018-04-23T17:26:30","date_gmt":"2018-04-23T16:26:30","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3898"},"modified":"2018-07-03T13:12:05","modified_gmt":"2018-07-03T12:12:05","slug":"die-dachauer-bank-kriminologisches-aus-bayern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/die-dachauer-bank-kriminologisches-aus-bayern\/","title":{"rendered":"Die Dachauer Bank &#8211; Kriminologisches aus Bayern"},"content":{"rendered":"<p>Niemand lebt mehr, der Zeugnis \u00fcber Adele Spitzeder ablegen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Als Adele am 9. Februar 1832 das Licht der Welt erblickte, h\u00e4tte keiner der illustren zur Taufe geladenen G\u00e4ste dieser so lieblich blinzelnden Erdenb\u00fcrgerin auch nur im Ansatz ein verbrecherisches Talent zugeschrieben.<!--more--><\/p>\n<p>Feine Herrschaften hatten sich eingefunden, handelte es sich doch nicht um irgendeine Taufe, sondern immerhin um das Kind der Eltern Josef Spitzeder und Betty Vio, beide hinreichend bekannte Operns\u00e4nger.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter verbrachte Adele einige Jahre im Gef\u00e4ngnis. Was war geschehen? Zusammen mit einer Freundin hatte sie ein Schneeballsystem entwickelt. Gutgl\u00e4ubige Menschen zahlten gegen das Versprechen hoher Zinsertr\u00e4ge Geld ein, Adele nahm Kredite auf, baute das System immer weiter aus, und verf\u00fcgte auf diese Weise irgendwie \u00fcber ausreichende Mittel, die zugesagten monatlichen 10% auch tats\u00e4chlich auszahlen zu k\u00f6nnen, zumindest solange das System funktionierte.<\/p>\n<p>Was aber halt mit solch sch\u00f6nen Modellen immer passiert, so auch mit Adeles, der Knall kam, Adele wurde verhaftet, ihr Kreditinstitut, bekannt als <em>Die Dachauer Bank<\/em>, geschlossen. Tausende waren gesch\u00e4digt. Ihr blinder Glaube an Adele, dazu Adeles gro\u00dfz\u00fcgiger Lebensstil,\u00a0 das Engagement f\u00fcr die Armen und, nicht zuletzt, die Gier nach schnellem, leicht verdientem Geld, waren letztlich f\u00fcr das Desaster verantwortlich.<\/p>\n<p><em>Es g\u00e4b&#8216; noch sehr viel Interessantes \u00fcber Adele Spitzeder und die damaligen Lebensumst\u00e4nde zu berichten, aber dann k\u00e4me der Kriminalfall, der uns aktuell besch\u00e4ftigt, zu kurz,\u00a0<\/em>f\u00fchrte ein leitender Kriminaldirektor anl\u00e4\u00dflich eines Vortrages im LKA M\u00fcnchen aus.<\/p>\n<p>Ein Kreis von Spezialisten war zusammengekommen, um dar\u00fcber zu beraten, wie man am besten gegen die zunehmende Anzahl von Abzockern im Internet vorgehen k\u00f6nne, die, ganz dem Vorbild Adele Spitzeder folgend, den Menschen mit falschen Versprechungen das Geld aus der Nase zogen.<\/p>\n<p><em>Meistens werden zweihundertf\u00fcnfzig Euro als Einlage verlangt, mit dem Quasi-Versprechen verbunden, daraus sozusagen \u00fcber Nacht tausende zu generieren. Alles mit Hilfe einer Software, die angeblich irgendein dubioser Mensch entwickelt hat, und die nunmehr allen zur Verf\u00fcgung stehen soll, wenn er eben nur wenigstens die Mindestsumme einzahlt. Andere arbeiten mit Bin\u00e4roptionen oder Bitcoins.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Draufzahlen tun immer die Anleger,\u00a0<\/em>bemerkte einer der Teilnehmer.\u00a0<em>Und was dabei noch besonders ins Gewicht f\u00e4llt,\u00a0<\/em>sagte ein anderer,\u00a0<em>der Schutz des Internets, die Anonymit\u00e4t macht es beinahe unm\u00f6glich, diesen Leuten das Handwerk zu legen. Die sitzen irgendwo auf der<\/em> Welt, meinte der Direktor,\u00a0<em>bevorzugt in L\u00e4ndern, wo sie straffrei v\u00f6llig ungest\u00f6rt ihre perfide Masche immer weiter verfeinern k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p>Hin und her wogten die Beitr\u00e4ge und Argumente, aber konnten sie, immerhin\u00a0 die Polizei, tats\u00e4chlich etwas dagegen unternehmen?<\/p>\n<p><em>Ist das nicht Sache der BaFin oder in der Schweiz beispielsweise der FINMA?,\u00a0<\/em>wollte einer aus der Runde wissen.<\/p>\n<p><em>Verbraucherschutz, das stimmt schon, geh\u00f6rt zu deren Metier,\u00a0<\/em>sagte der Direktor,\u00a0<em>aber wir sprechen in unserem Fall von illegalen Geldmarktaktivit\u00e4ten, die vom Ausland aus auf unserem Territorium betrieben werden. Da sind schon wir gefragt!<\/em><\/p>\n<p>Am Abend zerstreute sich der exklusive Zirkel, um am n\u00e4chsten Tag p\u00fcnktlich um acht Uhr die Arbeit wieder aufzunehmen.<\/p>\n<p>Wichtige und weitreichende Regeln wurden beschlossen.\u00a0<em>Ich fasse zusammen,\u00a0<\/em>sagte der Direktor zum Abschluss,\u00a0<em>wir setzen ein Spezialteam ein, dessen Aufgabe darin besteht, das Internet kontinuierlich auf illegale Finanzdienstleister hin zu scannen, also solche, die keine BaFin-Zulassung besitzen. Die gravierendsten filtern wir heraus und leiten in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren ein. Gleichzeitig werden speziell ausgebildete Beamte undercover versuchen, in das Gef\u00fcge solcher Organisationen einzudringen. Ziel ist es, im ersten Schritt, die gro\u00dfen Player zu zerschlagen. Noch Fragen?<\/em><\/p>\n<p>Eine geheime Organisation hatte ihre Arbeit aufgenommen. Ausgegliedert in die Orleansstra\u00dfe waren sie direkt einem Oberstaatsanwalt mit weitreichenden Befugnissen unterstellt.<\/p>\n<p>Niemand erfuhr davon. Die eingesetzten Mitarbeiter hielten dicht. Auch die ausgebufftesten unter den Enth\u00fcllungsjournalisten wussten nichts. Ihre sonst so hervorragend sprudelnden Quellen waren an dieser Stelle versiegt.<\/p>\n<p>Bis auf einen winzigen, eigentlich kaum zu entdeckenden Vorgang schien es tats\u00e4chlich so, als w\u00e4re alles paletti.<\/p>\n<p>Eines sonntags fuhr Kriminalkommissar Klaus Hagenauer am Vormittag aufs Land. Hagenauer liebte das querfeldein Radeln. Das Wetter spielte mit, typisch bayerisches Wei\u00df Blau am Himmel. Nach Berg am Starnberger See nahm er einen schmalen Weg zur Linken, der ihn hinauf nach Aufkirchen f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Hagenauer fuhr konzentriert; er wu\u00dfte, wie schnell ein unfreiwilliger Abstieg das Resultat von Unachtsamkeit im Gel\u00e4nde sein konnte. Vorbei am Kloster mit seinem majest\u00e4tischen Kirchturm wollte er gerade auf einen Trampelpfad einbiegen, als er ihn sah. Zuerst nur schemenhaft, dann in voller Gr\u00f6\u00dfe. Kein Zweifel, er war es.<\/p>\n<p>Was ihn aber mehr irritierte als der Umstand, diesen Mann hier in diesem l\u00e4ndlichen Ort anzutreffen, war das Begleitszenario. Er winkte jemandem zu und stieg in den vor einem pomp\u00f6sen Haus geparkten Wagen, einen Austin Martin.<\/p>\n<p>Das war der Punkt. Wie kann jemand in seiner Gehaltsklasse einen solchen Wagen fahren? Dieser Gedanke nagte an Klaus Hagenauer. Dann war er schon vorbei und strampelte weiter nach Icking.<\/p>\n<p>Hagenauer w\u00e4re nicht Polizist gewesen, h\u00e4tte er sich das Kennzeichen nicht gemerkt.\u00a0<em>Kannst du f\u00fcr mich eine Halterfeststellung machen,\u00a0<\/em>fragte er einen Kollegen \u00fcbers Handy, den er von verschiedenen Lehrg\u00e4ngen her kannte und in der Maillinger Stra\u00dfe schon oft zusammengearbeitet hatte.\u00a0<em>Ich komm&#8216; grad nicht dazu, bin unterwegs.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>5 Minuten sp\u00e4ter kannte er Namen und Anschrift des Halters: Brigitte Lebeneiner, Agnesstra\u00dfe, nicht weit vom Elisabethmarkt. Wie die Dinge halt so spielen, war Hagenauers Jagdtrieb jetzt so richtig entflammt.<\/p>\n<p>Es war nicht schwer, herauszufinden, dass Brigitte Lebeneiner eine geborene Kronthaler war und just die Schwester von&#8230;, nun, er mochte es immer noch nicht so recht glauben.<\/p>\n<p>F\u00e4hrt also dieser Herr mit dem Auto seiner Schwester durch die Lande?\u00a0 <em>Nein,\u00a0<\/em>entfuhr es Hagenauer. Die liebe Schwester besitzt zwei Fahrzeuge, einen VW Golf und eben diesen Austin Martin.\u00a0<em>Ergo, der Austin geh\u00f6rt ihm, die Schwester ist nur Strohmann.<\/em><\/p>\n<p>Fein s\u00e4uberlich brachte Kriminalkommissar Klaus Hagenauer die Ergebnisse seiner Beobachtungen und Recherchen zu Papier.\u00a0<em>Wie mache ich es?\u00a0<\/em>Hagenauer war nicht so naiv, anzunehmen, alle w\u00e4ren ihm wohl gesonnen, wenn er nunmehr die Bombe platzen lassen w\u00fcrde.\u00a0<em>Also, warte ich noch ein wenig!<\/em><\/p>\n<p>Monate sp\u00e4ter: Das Kernteam und der Direktor er\u00f6rterten hei\u00df, woran es liegen mochte, dass ihnen eine der Hauptfiguren immer wieder durchs Netz schl\u00fcpfen konnte. Egal, wie sie es auch anstellten. Er war entweder schon weg oder erst gar nicht eingereist. Seine Methoden gewannen an Pr\u00e4zision, waren zweifelsfrei dreist, aber ausgefeilt, das musste man ihm lassen.\u00a0<em>Schwer zu knacken!,\u00a0<\/em>meinte der Direktor.<\/p>\n<p><em>Ich m\u00fcsste sie mal kurz sprechen,\u00a0<\/em>sagte Klaus Hagenauer, als die Sitzung zu Ende war. F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter zog Hagenauer seine Notizen aus der Tasche und schob sie dem Direktor \u00fcber den Tisch.\u00a0<em>Ich glaube, daran liegt&#8217;s, dass wir ihn nicht kriegen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Der Direktor studierte Zeile f\u00fcr Zeile. Vieles hatte Hagenauer mittlerweile zusammengetragen. Es gab nur einen Schlu\u00df:\u00a0<em>Sie meinen, er steckt dahinter, ist einer der K\u00f6pfe, die wir eigentlich jagen?<\/em><\/p>\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter wu\u00dfte es jeder. Die Medien posaunten es hinaus, mehrfach am Tag und in der Nacht.<\/p>\n<p><em>Oberstaatsanwalt Kronthaler suspendiert! Seine eigenen Sonderermittler kamen ihm auf die Spur! Die Beweise sind erdr\u00fcckend!<\/em><\/p>\n<p>Klaus Hagenauer, jetzt Kriminalhauptkommissar, wurde vorsorglich in einen anderen Dienstbereich und an einen anderen Ort versetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1524499285282_366\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/silentbike\/\">Silentbike<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3916,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[703],"tags":[1021,1020,1022,1027,1018,1023,1025,775,720,1019,1024,1026],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3898"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3898"}],"version-history":[{"count":15,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3898\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3917,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3898\/revisions\/3917"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3916"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}