{"id":4220,"date":"2019-05-29T18:31:38","date_gmt":"2019-05-29T17:31:38","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=4220"},"modified":"2019-07-15T17:26:22","modified_gmt":"2019-07-15T16:26:22","slug":"nenne-mir-einen-grund","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/nenne-mir-einen-grund\/","title":{"rendered":"Nenne mir einen Grund&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p>Der klobige, von zahlreichen Zechgelagen gezeichnete Tisch h\u00e4lt sie auf Abstand. Vier M\u00e4nner auf jeder Seite. Energische Blicke bohren sich in die Antlitze gegen\u00fcber. Grobe Furchen zerteilen ihre Gesichter, Zeugen eines Daseins voll Entbehrung. Feinde bis in den Tod, seit sie denken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zwei M\u00e4nner fehlen noch. Schwerer Atem schw\u00e4ngert die Luft. Nicht einer  spricht auch nur das geringste Wort und dennoch dringt gerade dies beharrliche Schweigen tief ein in die Gem\u00fcter der M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht so an die zwanzig Minuten mochten sie so auf den schweren B\u00e4nken vor dem Tisch verharrt haben, als die T\u00fcre zur\u00fcckschl\u00e4gt und ein eisiger Hauch die zwei noch Fehlenden in die H\u00fctte spuckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand h\u00e4tte sp\u00e4ter zu berichten gewu\u00dft, wer von den beiden als erster den Raum betrat und niemand h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, nach welcher Regel sie den jeweiligen Platz an der Stirnseite einnahmen, den sie einnahmen. Es geschah einfach so, wie gesetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re ein Chronist auf die Idee verfallen, von Bequemlichkeit zu sprechen, h\u00e4tte er die beiden St\u00fchle, auf denen sich die beiden M\u00e4nner niederlie\u00dfen, als eine Art Sessel beschrieben. Grobschl\u00e4chtig zwar, wie die M\u00e4nner selbst, trotzdem aber von einer gewissen Eleganz, die deren Benutzern zweifellos zu schmeicheln schien.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00e4uspern. Die M\u00e4nner auf den B\u00e4nken erstarren, halten unwillk\u00fcrlich den Atem an.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nenne mir einen Grund, warum unsere Familien verfeindet sind, seit Generationen sich mi\u00dftrauen, sich aus dem Wege gehen und, wenn es so war, auch den Sch\u00e4del einschlugen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Augen aller sind auf den Sprechen an der Stirnseite n\u00e4chst zum H\u00fctteneingang gerichtet. Nichts r\u00fchrt sich. Wie Statisten verfolgen die M\u00e4nner Marionetten gleich das Geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich habe lange nachgedacht, <\/em>f\u00e4hrt der Sprecher fort, <em>habe andere um Rat gefragt, aber niemand konnte es mir sagen. Niemand!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du hast um diese Zusammenkunft gebeten und wir haben unsere S\u00f6hne und Gewichtige der Familie mitgebracht. Sollen sie erst reden<\/em>,<em> bevor ich dir antworte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ihr habt uns bei jeder Gelegenheit beleidigt, \u00fcbel nachgesprochen, Unwahrheiten unterstellt und des Diebstahls bezichtigt, <\/em>sagt ein Sohn das letzten Sprechers.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und ihr, habt ihr nicht unsere Schwestern und M\u00e4gde verfolgt, sie betatscht und unredlich behandelt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und ihr&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Halt, ich bin noch nicht fertig<\/em>! <em>Brandschatzend<\/em> <em>sind euresgleichen<\/em> <em>immer wieder \u00fcber unsere H\u00e4user und Scheunen hergefallen. Gestohlen und gepl\u00fcndert habt ihr, Vieh auf der Weide vergiftet und vieles mehr!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und ihr, was habt ihr anderes getan? So manche unserer Frauen habt ihr geschw\u00e4ngert&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eure Frauen? Sind sie etwa euer Eigentum?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bald schon wogten die Worte hin und her. Schm\u00e4hungen flogen \u00fcber den Tisch und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die M\u00e4nner sich an die Gurgel gehen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Halt! Stop! Aufh\u00f6ren!, <\/em>donnerte die Stimme des Mannes von der anderen Stirnseite \u00fcber den Tisch. <em>Aufh\u00f6ren, es reicht!, <\/em>wiederholte er.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nun, es ist so, wie mein Vorredner sagte. Wir bezichtigen uns gegenseitig schwerster Vergehen und manches von dem Gesagten mag auch so gewesen sein, auf beiden Seiten, aber es beantwortet nicht die Frage nach dem warum. Es scheint, wir sind verfeindet, weil wir es nicht anders kennen<\/em>, <em>weil unsere V\u00e4ter es nicht anders kannten und vielleicht noch nicht einmal unsere Gro\u00dfv\u00e4ter<\/em>. <em>Der Schl\u00fcssel zur Feindschaft liegt irgendwo in der Vergangenheit und hat keinen Bezug mehr zu dem Hier und Heute!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>H\u00f6ren wir einfach auf damit! Lasst uns die Vergangenheit begraben!, <\/em>sagt der erste Redner.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ja, h\u00f6ren wir auf damit!, <\/em>schlie\u00dft sich der letzte Redner an.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, da alles gesagt war und die Familienoberh\u00e4upter ihr Machtwort gesprochen hatten griffen die M\u00e4nner zu den Kr\u00fcgen. Und so ging es noch eine ganze Weile recht friedlich zu in der H\u00fctte. Die S\u00f6hne sollten sich zusammensetzen und ausbaldowern, wie das Miteinander zu verbessern war und auch Vorschl\u00e4ge zur gemeinsamen Nutzung von Maschinen und Arbeitskr\u00e4ften ausarbeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Als sie schlie\u00dflich auseinandergingen reichten sich alle die H\u00e4nde zum Gru\u00df, die beiden Alten umarmten sich, klopften sich auf die Schultern und gelobten fortan Besserung.<\/p>\n\n\n\n<p>So zogen die Tage ins Land und wer es nicht selbst gesehen hatte, mochte es kaum glauben: Die ehemals Verfeindeten fanden sich zu gemeinsamen Treffen in Wirtsh\u00e4usern ein, beredeten dieses und jenes, halfen sich mit Maschinen und Arbeitern aus und schienen jeden Groll begraben zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum Herbst, da geschah es, einem Donnerschlag gleich, und alsbald schon flammten die alten, \u00fcberkommen geglaubten Feindseligkeiten wieder auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Was war geschehen?<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Sonntag, alle fanden sich zur Messe ein, der hochw\u00fcrdige Herr Pfarrer schickte sich gerade an, den Segen zu sprechen, riss ein schm\u00e4chtiger Mann die Kirchent\u00fcre auf und br\u00fcllte mitten in die heilige Zeremonie hinein: <em>Hinten, er liegt hinten, furchtbar zu&#8217;gricht! Ein Graus!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die rechte Hand des Geistlichen verharrte wie angewurzelt vor seiner Brust, zitterte kaum merklich, bewegte sich aber um keinen Millimeter nach oben oder unten.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle dr\u00e4ngten sie durch die schmale Pforte ins Freie und liefen, so schnell die Beine sie trugen, zum r\u00fcckw\u00e4rtigen Teil der Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Da lag er! \u00dcbel zugerichtet sein Gesicht, verschwollen und von Blut verschmiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wort kam \u00fcber seine Lippen, nur ein leises St\u00f6hnen entrang sich dem m\u00e4chtigen Brustkorb.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer konnte das getan haben? Einen der S\u00f6hne der ehemals Verfeindeten derart herb zu verpr\u00fcgeln? Einer alleine konnte es wohl kaum zuwege gebracht haben. Zu stark war der am Boden Liegende.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Tross der anderen Familie fehlte einer, er war nicht bei der Messe gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wo ist dein Sohn Mathias, <\/em>fragte denn auch der Vater des Geschundenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er bekam keine Antwort und so gingen sie, t\u00f6dlich Blicke verspr\u00fchend, auseinander, den Sohn und Bruder mit sich schleppend.<\/p>\n\n\n\n<p>Tage sp\u00e4ter: Niemand hatte seither den Mathias gesehen, als h\u00e4tte der Erdboden ihn verschluckt. Niemand, der berichten k\u00f6nnte, die Mitglieder der Familien sowie deren Gefolge h\u00e4tten sich fortan im Dorf getroffen. Sie vermieden es, sich zu begegnen. Zuviel stand auf dem Spiel. Ein Aufeinandertreffen h\u00e4tte unweigerlich den Tod bedeuten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geschundene erholte sich zusehend und eines Tages verschwand er zur sp\u00e4ten Stunde in der Kirche. Zum Hochw\u00fcrden zog&#8217;s ihn hin. <em>Ich mu\u00df es Ihnen sagen, es zerrei\u00dft mich sonst! Willst du beichten, <\/em>entgegnete der Pfarrer. <em>Nein, es gibt nix zu beichten, es geht um neulich hinter der Kirch!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunt h\u00f6rte der hochw\u00fcrdige Pfarrer zu. <em>Und, was soll ich tun<\/em>?, fragte er den genesenen Sohn.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so passte der Herr Pfarrer bei n\u00e4chster Gelegenheit den Vater ab.  <em>Dein Sohn war bei mir. Wir m\u00fcssen reden! Du wei\u00dft davon?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wovon soll ich was wissen?, <\/em>entgegnete der stattliche Mann.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Mathias und die Vroni, deine Tochter<\/em>, <em>sie sind auf und davon<\/em>. <em>Du mu\u00df es wissen, weil das Madl just zum gleichen Zeitpunkt abg\u00e4ngig ist wie der Mathias. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Zefix, ja ich wei\u00df es nat\u00fcrlich, aber hat er dir auch erz\u00e4hlt, wer ihn so zugerichtet hat? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein, hat er nicht und ich wollt auch nicht insistieren, wenn er net von selber etwas sagen wollt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>A Ross wollt er aufhalten, des durchgegangen war, genau hinter der Kirch&#8217;n, und des hat aus&#8217;gschlagen und ihn am Kopf  getroffen. Des is die ganze Wahrheit, aber des konnst doch koam erz\u00e4hln, dass dein eigener Bua so dumm is und mit am Ross net umgehen kann, net wahr?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und so geschah es, dass die beiden V\u00e4ter ihre Kinder zur Kirche schleppten und das Aufgebot bestellten. <em>Werd a Zeit, <\/em>bemerkte der hochw\u00fcrdige Herr Pfarrer mit einem verlegenen Blick auf die leichte W\u00f6lbung unter des Tochters Sch\u00fcrze.<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Foto: CreativeCommons Lizenz, flickr, https:\/\/www.flickr.com\/photos\/wm_archiv\/<\/li><\/ul>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-gallery columns-0 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4244,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352,305],"tags":[1064,1061,1062,1059,796,1065,797,1066,1063,750],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4220"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4220"}],"version-history":[{"count":24,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4220\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4247,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4220\/revisions\/4247"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4244"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4220"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4220"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4220"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}