{"id":4381,"date":"2019-07-15T17:23:48","date_gmt":"2019-07-15T16:23:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=4381"},"modified":"2019-08-01T21:36:39","modified_gmt":"2019-08-01T20:36:39","slug":"der-gruene-tisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/der-gruene-tisch\/","title":{"rendered":"Der gr\u00fcne Tisch"},"content":{"rendered":"\n<p>Heutzutage spricht man allerorts von runden Tischen, wobei die Form des M\u00f6belst\u00fcckes keinerlei Rolle spielt und noch nicht einmal, ob es sich dabei tats\u00e4chlich um einen Tisch handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Dingharting soll&#8217;s gewesen sein, so die Chronik, wo sich das nachfolgend Geschilderte zugetragen haben soll.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich selbst habe jenes geschichtstr\u00e4chtige Ereignis leider nicht miterlebt, konnte aber sehr nahe am tats\u00e4chlichen Geschehen recherchieren. Schuld war der \u00f6ffentliche Nahverkehr. <em>Friday for future<\/em>-gem\u00e4\u00df habe ich meine immer noch benzingetriebene Karosse in der Garage stehen lassen und mich geradewegs zur Bushaltestelle begeben, um mittels des alle zwanzig Minuten verkehrenden Vehikels die n\u00e4chste S-Bahn zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist es passiert &#8211; der Ausl\u00f6ser allen weiteren Ungemachs! Dem Fahrplan nach (Internetapp) sollte der Bus in exakt drei Minuten eintreffen, als ich gerade noch sein Hinterteil in der Ferne entschwinden sah. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Ist klar, <\/em>bemerkte ein des Weges kommender Zeitgenosse, <em>am Wochenende fahren weniger Leute, da sind die Stops an den Haltestellen k\u00fcrzer.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mein fragender Blick rang ihm eine Zugabe ab: <em>Wenn er nicht sowieso versp\u00e4tet ist, was eigentlich immer der Fall ist (<\/em>er meinte den Bus)<em>, dann ist er halt auch mal schneller, so wie jetzt! <\/em>Damit zog er seines Weges.<\/p>\n\n\n\n<p>Geduldig wartete ich zwanzig Minuten, das war der Takt, aber es kam keiner. Nirgendwo ein Bus und erstaunlicherweise au\u00dfer mir auch keine weiteren Fahrg\u00e4ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Verwundert, zugegeben, schon ein wenig ver\u00e4rgert, blickte ich auf den Fahrplan. Hier stand des R\u00e4tsels L\u00f6sung schwarz auf wei\u00df: Der letzte im zwanzig Minuten Takt war der <em>Schnelle<\/em> von vorhin. Danach galt bis 16:00 Uhr ein vierzig Minuten Intervall. <\/p>\n\n\n\n<p>Macht nix, obwohl ich mangels eigener Weitsicht innerlich kochte. Selbst, wenn der n\u00e4chste Bus p\u00fcnktlich w\u00e4re, w\u00fcrde ich mein Ziel in Dingharting unwiderruflich zu sp\u00e4t erreichen. Nichts auf der Welt h\u00e4tte mir hier noch helfen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich spare mir an dieser Stelle eine Detailschilderung der weiter erfahrenen Unbillen (lt. Duden veralteter Sprachgebrauch, aber f\u00fcr die erlebten Ereignisse gerade deshalb besonders zutreffend) und fasse lediglich zusammen: Weichenst\u00f6rungen, omin\u00f6se Polizeieins\u00e4tze und anderes, rauben mir insgesamt mehr als zwei Stunden. <\/p>\n\n\n\n<p>In der gleichen Zeit, dachte ich fl\u00fcchtig, f\u00e4hrst du mit dem Auto an einem Sonntag von M\u00fcnchen nach Z\u00fcrich, nicht blo\u00df nach Dingharting, meinem Lieblingsort so zahlreicher politischer Ereignisse und nur etwas weniger als   vierzig Kilometer entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich schlie\u00dflich ins Wirtshaus <em>Zum Hirschen<\/em> polterte, war alles l\u00e4ngst vorbei. Nur eine Handvoll j\u00fcngere Leute waren noch zugange, aufzur\u00e4umen und Tische und St\u00fchle wieder an die angestammten Pl\u00e4tze zu verfrachten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der gr\u00fcne Tisch, <\/em>stammelte ich verzweifelt, <em>der gr\u00fcne Tisch?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gibt&#8217;s nimma, war schon, bist zu sp\u00e4t dran!, <\/em>zischte mir schlie\u00dflich ein J\u00fcngling so um die Zwanzig herablassend zu.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mia hams aufgezeichnet, kannst es gerne anh\u00f6ren, solange wir hier noch zu tun haben, <\/em>sagte der kn\u00e4blich wirkende junge Mann und dr\u00fcckte mir ein Diktierger\u00e4t in die Hand. <em>Mia hams scho \u00fcberspuit, <\/em>sagte er noch, <em>f\u00fcr den Fall, dass&#8217;t a falsche Tast&#8217;n dr\u00fcckst und der ganze Quatsch gel\u00f6scht wird.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Da sa\u00df ich nun in diesem Wirtshaus, ein Wei\u00dfbier auf dem Tisch und ein Diktierger\u00e4t in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich habe<\/em> <em>diesen gr\u00fcnen Tisch einberufe<\/em>n, vernahm ich die sonore Stimme des B\u00fcrgermeisters, <em>weil <\/em>(jetzt ungeziemendes Gel\u00e4chter im Hintergrund) <em>ich meine, dass ein paar Wahrheiten nicht nur gesagt sein m\u00fcssen<\/em>, <em>sondern auf den Tisch geh\u00f6ren und ausdiskutiert werden m\u00fcssen<\/em> (<em>dann mach mal<\/em>, schrie jemand, <em>aber schnell, <\/em>eine andere Stimme, <em>weil, wir wollen wieder heim zum Mittagessen, verstehst? &#8211; <\/em>ungez\u00fcgeltes Gejohle).<\/p>\n\n\n\n<p><em>So geht des net, <\/em>der B\u00fcrgermeiseter, <em>lasst&#8217;s euer Zwischengepl\u00e4rre, umso schneller san ma durch!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Soweit ich den weiteren Ausf\u00fchrungen entnahm, waren Vertreter des Gemeinderates aller Parteien anwesend ohne die AfD (weil es selbige in Dingharting, bisher jedenfalls, noch nicht in dieses Gremium geschafft hatte). <\/p>\n\n\n\n<p><em>Was wollen wir eigentlich, <\/em>fuhr der B\u00fcrgermeister fort und meinte mit dem <em>WIR <\/em>ganz offensichtlich und explizit die Gr\u00fcnen. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Es geht net, dass wir (<\/em>geschickt wieder dieses <em>WIR<\/em>), <em>auf der einen Seite Forderungen erheben und gleichzeitig<\/em> <em>gegen alles sind, was die Ausf\u00fchrung zunichte macht. Da braucht\u2018s scho no a bisserl mehr Disziplin!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Irgendein Neuling fiel dann doch tats\u00e4chlich auf des B\u00fcrgermeisters Rhetorik herein und lieferte die ersehnte Steilvorlage. <em>Werden Sie doch endlich konkret, was meinen Sie denn?<\/em>, feuerte er seine Frage ab.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re ich anwesend gewesen, h\u00e4tte ich ganz sicher den verschmitzten Schalk in des B\u00fcrgermeisters Augen wahrgenommen. Ein Diktierger\u00e4t kann so ein wichtiges Detail nat\u00fcrlich nicht festhalten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Schau&#8217;n Sie mal, <\/em>sagte der B\u00fcrgermeister und entrollte offensichtlich ein Plakat, Flipchart oder \u00e4hnliches.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will es Ihnen, uns allen (UNS!), erl\u00e4utern: <em>Wir alle wollen einen sauberen Strom, aber Sie, <\/em>und vermutlich zeigte er jetzt dezidiert auf die Gr\u00fcnen, <em>verweigern sich bei allem, was dazu geh\u00f6rt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Unerh\u00f6rt!, <\/em>trommelte eine Stimme dazwischen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Warten&#8217;s es ab!,<\/em> der B\u00fcrgermeister.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kein Atom, keine Kohle, kein Erdgas, das scheint Konsens, aber dann Sie, <\/em>und wieder ist zu vermuten, dass er dabei die Gr\u00fcnen anpeilte, <em>keine Windr\u00e4der, keine Biogasgro\u00dfanlagen, keine Solarparks und schon gar keine Stromtrassen, weder unter noch \u00fcber der Erde, und, lassen sie mich das noch anf\u00fcgen, auf keinen Fall Stauseen zum Betrieb von Turbinen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie verk\u00fcrzen alles!, <\/em>rief eine aufgeregte Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich verk\u00fcrze da gar nix, weil, wenn man f\u00fcr das eine ist, k\u00f6nnt&#8217;s bei den Konsequenzen net den Schwanz einziehen<\/em>!<em> Des sind doch immer Sie und Ihre<\/em> <em>Sympathisanten, die lauthals kundtun, dass alles noch viel schneller gehen sollte, aber dann, schon am n\u00e4chsten Tag, bei irgendeiner Demonstration in der vordersten Reihe mit marschieren und lauthals proklamieren, blo\u00df keines der vorher genannten Projekte zu realisieren!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Pause. <em>Merkw\u00fcrdig denke ich, wieso sagt da keiner etwas?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kr\u00fcge klirren. Ich verstehe, die Kellnerinnen bringen Nachschub.<\/p>\n\n\n\n<p>Und schon ist der B\u00fcrgermeister wieder in seinem Element. <em>Andere Beispiele Ihrer Halbherzigkeit: Warum sagen Sie den Leuten nicht, was auf sie zukommt, wie durch die geplante CO 2 Steuer alles teuerer werden wird? Oder glauben Sie vielleicht, die Unternehmen w\u00e4lzen diese Kosten nicht auf ihre<\/em> <em>Produkte und Leistungen ab? Und wie deshalb auch die Mieten weiter ansteigen werden!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich staune, immer noch kein Veto, kein Zwischenruf, was ist los?<\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00fcrgermeister: <em>Und was passiert \u00fcberhaupt mit den zus\u00e4tzlich erhobenen Steuern? Staatseinnahmen, denen wieder mal nichts zweckgebundenes folgen wird? Wollen Sie das? Oder wollen Sie vielleicht doch noch mal ein wenig nachdenken?<\/em> <em>Nehmen wir als Beispiel das Benzin, den Diesel<\/em>: <em>Oben drauf wollen Sie jetzt noch die CO 2 Steuer knallen!<\/em> <em>Da haben wir dann schon die Mineral\u00f6lsteuer, andere Steuerumlagen und nun noch die CO 2 Steuer, alles sch\u00f6n eingebettet in den Preis an der Zapfs\u00e4ule, deren geringerer Anteil \u00fcbrigens den Preisanteil der Mineral\u00f6lfirmen ausmacht. Und sozusagen als Zugabe zahlen wir oben drauf noch die Mehrwertsteuer &#8211; also, eine Steuer von der Steuer. Absurd, nicht wahr?! <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Jemand wollte einen Einwand anmelden, aber der B\u00fcrgermeister war so in Fahrt: <em>Nix da, sp\u00e4ter! Und ich wiederhole meine Frage: Was geschieht mit dem Geld?<\/em> <em>Und warum glauben Sie \u00fcberhaupt, dass sich dadurch der CO 2 Aussto\u00df tats\u00e4chlich verringern soll?<\/em> <em>Was, wenn das ganze Modell lediglich zu einem betriebswirtschaftlichen Hokuspokus verk\u00fcmmert? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00fcrgermeister nahm einen Schluck (vermutlich aus dem Krug) und fuhr fort: <em>Und deshalb schlage ich vor, dass wir uns gef\u00e4lligst hinsetzen, alle, und Ziele erarbeiten und daran orientiert Ma\u00dfnahmen kn\u00fcpfen, die uns wirklich weiterbringen. Und wo dann keiner mehr, aus Parteir\u00e4son oder anderen Gr\u00fcnden abspringen kann. Und dieses Paket machen wir \u00f6ffentlich und schicken es an unsere Parteizentralen auf allen Ebenen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jetzt reicht&#8217;s!, <\/em>donnerte eine Stimme &#8230;.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann brach die sch\u00f6ne Aufzeichnung zusammen oder was auch immer, jedenfalls konnte ich nichts mehr vernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Batterie!, <\/em>sagte der junge Mann, der mir das Ger\u00e4t gegeben hatte. <em>Bevor wir neue einlegen konnten, war der ganze Zauber schon vorbei. Geeinigt haben sie sich schlie\u00dflich auf nix, aber, so wie ich unsern B\u00fcrgermeister kenne, hatte er damit auch gar nicht gerechnet. Er wollte den Gr\u00fcnen halt eins reinw\u00fcrgen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und die Roten, die Freien W\u00e4hler, die FDP&#8230;?, <\/em>merkte ich an.<\/p>\n\n\n\n<p><em>K\u00f6nnen&#8217;s grad vergessen. Die Roten werden immer weniger und sagen gar nix mehr, die Freien reden viel, stimmen dann aber sowieso dem B\u00fcrgermeister zu und die FDP, na ja, die gibt&#8217;s zwar schon, aber eigentlich gibt&#8217;s es doch net.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auch eine Taktik, dachte ich, studierte den Fahrplan und machte mich auf den Weg. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re ich blo\u00df mit dem Auto gefahren, ich h\u00e4tte schon einiges zu sagen gewu\u00dft. Aber dank meiner vorbildlichen Entscheidung hat mich der \u00f6ffentliche Nahverkehr gerade noch rechtzeitig ausgebremst. <\/p>\n\n\n\n<p>Bild: Foto, Hans K. Reiter<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4056,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352,714],"tags":[1081,741,1079,1076,1078,1080,885,838,1077],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4381"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4381"}],"version-history":[{"count":28,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4381\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4409,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4381\/revisions\/4409"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4056"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4381"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4381"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4381"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}