{"id":445,"date":"2013-06-27T09:00:24","date_gmt":"2013-06-27T08:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=445"},"modified":"2015-09-06T16:22:48","modified_gmt":"2015-09-06T15:22:48","slug":"7-das-chaos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/7-das-chaos\/","title":{"rendered":"(7) Chaos"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Ausw\u00e4rtige Amt hatte eine dringende Reisewarnung erlassen. Und unsere Firma hatte diese sofort aufgegriffen und eine Reisesperre verh\u00e4ngt. Niemand konnte ab sofort mehr nach Libyen. Hektische Betriebsamkeit, allerorts. Die Deutsche Botschaft in Tripolis wusste, wie \u00fcblich, am wenigsten. Was war geschehen?<!--more--> Am Wochenende waren sieben Deutsche Staatsb\u00fcrger aus ihren H\u00e4usern in Tripolis gelockt, festgenommen und abtransportiert worden. Zwei von diesen geh\u00f6rten zu uns. Der eine war Projektleiter, der andere Ingenieur. Da hatten wir den Salat. Ausgerechnet zwei von uns mussten sie mitnehmen. Die Frauen der M\u00e4nner aus dem H\u00e4uschen, verst\u00e4ndlich! Die Frau des Projektleiters hielt sich gerade in M\u00fcnchen auf, die Frau des Ingenieurs reiste einige Tage sp\u00e4ter aus. Mein Kollege und ich sa\u00dfen bei unseren Chefs und zerbrachen uns den Kopf. Offiziell gab es aus Tripolis, wie \u00fcblich, keine Informationen, aber jedermann, der sich ein wenig mit dem Land auskannte, wusste es, und die Zeitungen schrieben es, gleichsam als Best\u00e4tigung. Die Libyer hatten sich die Deutschen als Geiseln gegrabscht. Einer ihrer Landsleute war nach einer Messerstecherei\u00a0festgenommen worden, ich meine, es war in einer Diskothek in D\u00fcsseldorf, aber ich kann mich auch irren, spielt aber zur Sache keine Rolle. Das Opfer tot. Mord oder Todschlag, je nach Betrachtung und juristischer Bewertung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war sonnenklar, sie wollten ihren Mann freipressen. Aber das geht nat\u00fcrlich mit einem Staat wie Deutschland nicht, jedenfalls nicht ohne weiteres.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frauen sa\u00dfen uns aufgew\u00fchlt im Nacken. Wir arrangierten ein Treffen in Starnberg, im\u00a0<i>Undosa.<\/i>\u00a0Mein Kollege und ich versuchten, was wir konnten, die beiden zu beruhigen, aber, was kannst du da schon sagen? &#8222;Wir fahren hin&#8220;, sagte mein Kollege nach einem Blickkontakt mit mir. Wir waren uns selten so einig, wie zu diesem Zeitpunkt. Die Frauen beruhigten sich etwas, darauf vertrauend, unsere mittlerweile exzellenten Kontakte \u00fcberall hin w\u00fcrden helfen, das Los ihrer M\u00e4nner aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag besprachen wir die Situation mit dem Vertriebsleiter. Zu unserer \u00dcberraschung sagte er, er habe uns sowieso fragen wollen, wie wir unser pers\u00f6nliches Risiko einsch\u00e4tzten, wenn wir nach Tripolis reisten. Von der Bundesregierung, sprich vom Ausw\u00e4rtigen Amt, erfuhren wir nichts. Das war insofern verst\u00e4ndlich, als sie nicht mehr wissen konnten, als die Botschaft in Tripolis und die wussten eben auch nichts, was uns der Botschafter ohne Umschweife best\u00e4tigte, als wir in Tripolis ankamen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt waren wir hier. Es stimmte, wir kannten eine Reihe von Leuten, einflussreiche Personen, da sollten wir einigerma\u00dfen unbehelligt bleiben. Vor einigen Monaten waren wir wieder mal bei einer der obligatorischen Einladungen und lernten bei dieser Gelegenheit einen interessanten Mann kennen. Er kam aus dem Sudan, glaube ich. Was ihn besonders machte, war der Umstand, dass er Befehlshaber einer Schutztruppe um Gaddafi war. \u00a0Falls wir einmal in Schwierigkeiten steckten, sagte er, sollten wir darauf bestehen, ihn zu verst\u00e4ndigen, und er erg\u00e4nzte noch, diesen Wunsch w\u00fcrde uns niemand abschlagen, daf\u00fcr sei sein Name Garant. Was konnte uns also schon passieren? Wir fingen an, unsere zahlreichen Kontakte abzuklappern, aber entweder wusste wirklich keiner etwas oder, was wir vermuteten, sie wollten nicht zugeben, von der Sache zu wissen. Offiziell gab es dieses Thema ja auch nicht, jedenfalls nicht in Tripolis. Einige Tage verbrachten wir auf diese Weise und wollten schon mutlos abreisen, als uns doch noch eine Information zugetragen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unseren Leuten w\u00fcrde es gut gehen und sie w\u00e4ren nicht in einem Gef\u00e4ngnis untergebracht. Es w\u00fcrde noch etwas Zeit brauchen, aber wir sollten uns keine Sorgen machen, alles w\u00fcrde gut ausgehen. Wochen sp\u00e4ter waren die M\u00e4nner frei, kamen nach Hause. Es hat wohl einen Deal mit der deutschen Justiz gegeben, schrieben die Zeitungen. Wir wussten hierzu auch nicht mehr. Tats\u00e4chlich waren sie nur wenige Kilometer entfernt von unserem G\u00e4stehaus in einem Haus festgehalten worden. Anfangs war es schwer f\u00fcr sie gewesen, die Situation, keinen Kontakt zur Au\u00dfenwelt, Verh\u00f6re, nicht wissen, wie es weitergehen w\u00fcrde, Pr\u00fcgelszenen, begleitet von Schreien, gespielt, wie sie sp\u00e4ter wussten, da keiner von ihnen jemals einer solchen Prozedur unterzogen worden war. Schon bald konnten sie sich im Haus frei bewegen, hatten Fernsehen, allerdings halt nur libysche Sender, von denen es nicht all zu viele gab. Sie wurden den Umst\u00e4nden entsprechend anst\u00e4ndig behandelt, sagten sie sp\u00e4ter. Nach Libyen konnten sie allerdings nicht mehr. Da w\u00e4re noch anzumerken: Muammar al-Gaddafi hat zwei Heftchen geschrieben, das sogenannte\u00a0<i>Gr\u00fcne Buch.<\/i> Ich hab&#8217;s gelesen, von Geiselnahme und Terror stand darin nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Zeit in diesem facettenreichen Land ging zu Ende. Ich sollte in der Firma neue Aufgaben \u00fcbernehmen. Bis dahin war aus meinem Kollegen und mir ein super Team geworden. Wir kannten uns aus, wussten, wie das Klavier in Tripolis gespielt wird. Brachten Dinge zuwege, wo andere nur noch staunten und konnten uns blind vertrauen. Einmal befehligten wir quasi eine Gruppe Soldaten, die da so rumstanden, und, die wir aber dringend brauchten, um schweres Ger\u00e4t von einem Trailer abzuladen. Keiner von den jungen Burschen murrte und auch sonst legte niemand Widerspruch ein, und so hatten wir unsere Arbeitstruppe. Einer besorgte sogar einen Gabelstapler, woher wei\u00df ich nicht, weil wir selbigen nirgendwo vorher gesehen hatten. Es machte ihnen sogar Spass, den verr\u00fcckten Deutschen zur Hand zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein riesiger Fuhrpark von Fahrzeugen jeglicher Art umgab uns, man konnte wirklich sagen, soweit das Auge reichte. Milit\u00e4rfahrzeuge, mit und ohne Ketten, Krane, Kastenwagen, Fahrzeuge zum Transport schwerer Lasten und vieles mehr. Bei n\u00e4herem Hinsehen entdeckten wir dann, dass wir uns inmitten der gr\u00f6\u00dften Schrotthalde befanden, die wir je zu Gesicht bekommen hatten. Platte Reifen waren noch das Geringste. Von dem, was da fein s\u00e4uberlich aufgereiht herumstand, war nichts zu gebrauchen oder w\u00fcrde erst einmal einen immensen Aufwand ben\u00f6tigen, es wieder gangbar zu machen. Ein deutsches Ingenieurherz h\u00e4tte vor Freude gest\u00f6hnt, da waren wir uns sicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal gab es in Tripolis keine Eier, nirgendwo, bei keinem H\u00e4ndler, im sogenannten Supermarkt schon gleich gar nicht. Die waren die Ersten, die nichts mehr hatten. Wir fuhren los, ich wei\u00df nicht mehr wie lange und wohin. Wir landeten in einem Ort, niemand sprach dort Englisch, Deutsch sowieso nicht. Und trotzdem, alle ausnehmend freundlich, bestaunten uns regelrecht und holten schliesslich von irgendwo her einen Mann, der sich uns dann doch auf Englisch als der Lehrer des Ortes vorstellte. Er lachte, als wir im verklickerten, in Tripolis g\u00e4be es keine Eier und wir w\u00e4ren auf der Suche nach selbigen. Wie viele wir br\u00e4uchten, lachte er weiter und f\u00fchrte uns zu einem nahegelegenen Verschlag aus Holz. Er schrie irgend etwas durch eine schief in den Angeln h\u00e4ngende T\u00fcre, und nur wenig sp\u00e4ter tauchte ein von der Sonne gegerbtes Gesicht im T\u00fcrrahmen auf. Auch er lachte herzhaft, als er vernahm, wo uns der Schuh dr\u00fcckte und bedeutete uns, mit blendend wei\u00dfen Z\u00e4hnen, mitzukommen. Als wir gegen Abend wieder in Tripolis ankamen, hatten wir hunderte von Eiern geladen. Woher wir sie hatten, behielten wir f\u00fcr uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir erlebten viel in dieser Zeit, und of war es schwer, auch f\u00fcr uns, die Tage zu z\u00e4hlen, an denen nichts voranging und wir nur tatenlos warteten. Mein Kollege lernte Surfen, sehr gut sogar, aber als er eines Tages hundert oder hundertf\u00fcnfzig Meter vom Land entfernt im Meer trieb und drohte, immer weiter hinausgezogen zu werden, h\u00f6rte der Spass auf. Der Mast oder die Verankerung war gebrochen, und damit war er man\u00f6verierunf\u00e4hig. Bis ich etwas davon an Land merkte und zu Hilfe eilen konnte, verging viel Zeit. Nachher fragte er mich, ob ich sein Rufen nicht geh\u00f6rt h\u00e4tte. Da h\u00f6rst du absolut nichts. Die anlandenden Wellen schlucken jedes andere Ger\u00e4usch. Es gibt nur eins, n\u00e4her an der K\u00fcste bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sommer war vor\u00fcber und der Herbst k\u00fcndigte sich an. St\u00fcrme peitschten das Meer \u00fcber die Br\u00fcstung des Hafens. Tonnen von Zement in S\u00e4cken waren \u00fcberflutet und wohl nicht mehr zu gebrauchen. Wie vieles andere auch, das bis zur Zollabfertigung im Freien gelagert wurde. Nur gut, dass wir nicht davon betroffen waren. Seit Jahren arbeiteten wir mit einer der erfahrensten Speditionen zusammen, die wussten, wie es geht, die ihre Leute vor Ort hatten und sich mit den Gepflogenheiten auskannten. Als ich Jahre sp\u00e4ter, es muss so um 2001 oder 2002 gewesen sein, einmal einen der Gaddafis\u00f6hne in Genf traf, und wir \u00fcber meine Erfahrungen von damals plauderten, erfuhr ich, vieles habe sich nicht so sehr ver\u00e4ndert. Es gab immer noch zahlreiche Firmen, die eine Menge Geld daf\u00fcr hinbl\u00e4tterten, weil sie glaubten, den richtigen Vermittler f\u00fcr ihr Gesch\u00e4ft gefunden zu haben. &#8222;Sinnlose Ausgaben&#8220;, sagte mir der Sohn, und erkl\u00e4rte, dass viele die Verh\u00e4ltnisse v\u00f6llig falsch einsch\u00e4tzten und die Zust\u00e4ndigkeiten nicht kennen w\u00fcrden. Bis sie&#8217;s dann spitz kriegten, war das sch\u00f6ne Geld schon weg. So muss jeder seine Erfahrungen machen, dachte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gute zweieinhalb Stunden vor Abflug waren wir am <i>International Airport<\/i>. Geschiebe und Gedr\u00e4nge am check in, dann eine Rolltreppe hoch. Als ich das erste Mal hierher kam, gab es diese noch nicht, glaube ich. Damals waren die Arbeiten noch nicht alle erledigt, die den Begriff <i>International <\/i>gerechtfertigt h\u00e4tten. Am Ende dieser Rolltreppe er\u00f6ffnete sich das bis dahin verborgene, absolute Chaos. Tische in L-Form. Dahinter Bedienstete in Zivil, umgeben von Gep\u00e4ckst\u00fccken ohne Ende, und es kamen immer noch neue dazu. Wir kannten das l\u00e4ngst von den vielen Trips, die wir hinter uns hatten. Du musst zusehen, dich durch die Menschen vor dir durchzuw\u00fchlen, bis du in die N\u00e4he einer der Tische kommst. Der n\u00e4chste Akt verlangt, die Aufmerksamkeit einer der Personen jenseits der Tische auf dich zu lenken. Fast schon gewonnen! Jetzt musst du schnell sein, bevor dein Nachbar oder ein anderer die Gunst des Mannes auf sich zieht, und ihn mit Blicken und Gesten dazu bewegen, aus dem Wulst, deinen Koffer herauszufischen. Mein Kollege hatte es wegen des Orangentransportes da immer etwas schwerer, weil mindesten zwei Koffer zu identifizieren waren. Hattest du Gl\u00fcck, machte der Mann den obligatorischen wei\u00dfen Kreidehaken auf dein Gep\u00e4ckst\u00fcck und du warst durch. Manchmal aber w\u00fchlte er alles durch und du konntest dann zusehen, wie du ihn wieder zu bekamst. Manche Reisende waren entweder bl\u00f6d oder lernten nichts dazu. Sie verbargen im Gep\u00e4ck Dinge, die man einfach nicht dabei haben durfte. Sandrosen zum Beispiel, absolutes Ausfuhrverbot, sonstige Kunstgegenst\u00e4nde, vielleicht sogar Ausgrabungen, Schwachsinn per Excellence. Jetzt endlich warst du im Wartebereich, ohne Last und guten Mutes, dein Flugzeug w\u00fcrde hoffentlich auch fliegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>Foto von <a title=\"Ferdinand Reus\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/ferdinandreus\/\"><span style=\"color: #808080;\">Ferdinand Reus<\/span><\/a> unter einer <a title=\"creative commons 2.0\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">Creative Commons Lizenz<\/span><\/a><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":461,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[710],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/445"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=445"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/445\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2081,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/445\/revisions\/2081"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/461"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=445"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=445"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=445"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}