{"id":4606,"date":"2019-08-29T18:16:21","date_gmt":"2019-08-29T17:16:21","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=4606"},"modified":"2019-11-19T13:47:34","modified_gmt":"2019-11-19T12:47:34","slug":"tragik-einer-beziehung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/tragik-einer-beziehung\/","title":{"rendered":"Tragik einer Beziehung"},"content":{"rendered":"<p>Als der Magistrat in M\u00fcnchen 1891 den&nbsp;<em>Verein f\u00fcr Feuerbestattung <\/em>damit beauftragte, bei der Bayerischen Staatsregierung den n\u00f6tigen Antrag zum Bau eines Krematoriums zu stellen, konnte niemand die weitreichenden Beziehungen bis in die j\u00fcngste Geschichte hinein vorhersehen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gleich hinter M\u00fcnchen bei Dorfen, dort wo demn\u00e4chst die neue Verbindungsautobahn A 94 nach M\u00fchldorf zur Weiterfahrt nach Passau das bis vor Kurzem noch kaum ber\u00fchrte Isental durchquert, war Jolandeus Waagrechter zuhause. In einem winzigen Weiler, dessen Name nichts zur Sache tut, erblickte er einst das Licht der Welt und wie es sein Schicksal wollte, trat er dort auch \u00fcber die ewige Schwelle.<\/p>\n<p>Jolandeus, schon als Kind, ob seines merkw\u00fcrdigen Namens, hinl\u00e4nglich geh\u00e4nselt und gefoppt, verfolgten diese Unbillen sogar bis in den Tod.<\/p>\n<p>Wer hei\u00dft schon Jolandeus und dazu noch Waagrechter, fragten die Leute, machten sich lustig und zogen \u00fcber ihn her.<\/p>\n<p>Mehr als eine einfache Volksschule besuchte Jolandeus nicht, obwohl er durchaus das Zeug zu mehr gehabt h\u00e4tte, wie einige seiner damaligen Lehrer meinten.<\/p>\n<p>Die Eltern, einfache Leut&#8216;, die ihren Unterhalt mit Tagewerk verdienten und gelegentlich auch des L\u00e4ngeren auf einem der gro\u00dfen H\u00f6fe Arbeit fanden.<\/p>\n<p>Bei Jolandeus traf zu, was jedes Klischee zeigt: Kommst von nirgendwo her und deine Eltern sind weit entfernt jeglicher akademischer Abkunft oder Bildung, dann wird auch aus dir nix rechtes werden.<\/p>\n<p>Als Hungerleider haben die Leute ihn und die ganze Familie beschimpft. Selbst seine Hochw\u00fcrden der Herr Pfarrer sah ihn lieber vor der Kirch&#8216; als darin. <i>Soll der Hundsfott bleiben wo er will, aber mir die B\u00e4nke nicht&nbsp;schmutzig machen, <\/i>soll seine Barmherzigkeit (weil doch katholisch!) ge\u00e4ussert haben.&nbsp;Soviel zur Herkunft und Stellung des Mannes, um den sich sp\u00e4ter noch so vieles drehen sollte.<\/p>\n<p><em>Wer kommt f\u00fcr das Begr\u00e4bnis auf?,&nbsp;<\/em>war des Pfarrers einzige Sorge, der nichts umsonst machte, auch wenn er dem Verblichenen die Sterbesakramente zwar nicht direkt verweigert, aber diese doch geschickt verhindert hatte.<\/p>\n<p><em>Wenn nix da ist, dann die Gemeinde,&nbsp;<\/em>die Auskunft vom Landratsamt.<\/p>\n<p>Also fuhr der schwarze Mercedes Spezialkombi mit dem erh\u00f6htem Aufbau hinten des von der Gemeinde beauftragten Bestatters im Weiler vor. Zugegen war eine \u00e4ltere Frau, die dem Jolandeus zu Lebzeiten den Haushalt besorgt und den Toden auch aufgefunden hatte.<\/p>\n<p><em>Wo is a?,&nbsp;<\/em>fragte einer der Bestatter, die zu zweien angefahren waren.<\/p>\n<p><em>Was wollt&#8217;s ihr denn?,&nbsp;<\/em>fragte die Frau zur \u00dcberraschung der beiden M\u00e4nner in den schwarzen Anz\u00fcgen.<\/p>\n<p><i>Na, was wohl? Die&nbsp;Leich&#8216; abholen!<\/i><\/p>\n<p><em>Nix da, ihr&nbsp;<\/em><i>macht&#8217;s da gar nix. Des wird scho von andere besorgt!<\/i><\/p>\n<p><em>Von anderen? Was f\u00fcr andere?,&nbsp;<\/em>fragte einer der Schwarzen h\u00f6hnisch.<\/p>\n<p>Kaum war seine Frage verklungen, tauchte in der Ferne die Silhouette eines Fahrzeuges auf, das sich beim N\u00e4herkommen als ein beinahe identisches Gef\u00e4hrt wie jenes der beiden Schwarzen entpuppte, jedoch mit einem gro\u00dfen, nicht zu \u00fcbersehenden Unterschied. Was jetzt und hier auf dem Weiler vorfuhr, war eine Luxuskarosse vom Feinsten. <em>Irgend etwas Ausl\u00e4ndisches<\/em>, wie sp\u00e4ter einer der schwarzen Bestatter berichtet. Zwei gro\u00dfe, &nbsp;verschlungene&nbsp;<em>R&nbsp;<\/em>habe er ausmachen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zwei st\u00e4mmige M\u00e4nner in dunkelgrauen Anz\u00fcgen aus feinem Zwirn schoben die beiden Schwarzen zur Seite, gingen auf die Frau zu und fragten nach dem Weg.<\/p>\n<p>Sorgf\u00e4ltig verschloss die Frau das kleine H\u00e4uschen, steckte den Schl\u00fcssel ein, stieg auf ihr Fahrrad und entfernte sich, ohne die beiden Schwarzen auch nur eines Blickes noch zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Das gab Gespr\u00e4chsstoff. Wer war die Frau? Wer hat den Leichnam abgeholt? Und, was den Pfarrer interessierte, wer hat das bezahlt?<\/p>\n<p>Licht kam nur sp\u00e4rlich ins Dunkl. Die Frau blieb wie vom Erdboden verschluckt, auch am Gemeindeamt sprach niemand vor.<\/p>\n<p><em>Zefix,&nbsp;<\/em>entfuhr es seiner Hochw\u00fcrden so gar nicht katholisch gl\u00e4ubig,&nbsp;<em>wo wird denn der&nbsp;<\/em><i>Hundsf&#8230;,&nbsp;<\/i>gerader noch konnte er seinen w\u00fctenden Ausspruch unterdr\u00fccken, zu viele h\u00e4tten ihn geh\u00f6rt.&nbsp;<em>Wo oder wie soll denn jetzt die Beerdigung stattfinden?<\/em><\/p>\n<p><em>Habt&#8217;s es net g&#8217;lesen,&nbsp;<\/em>rief einer aus der um den Pfarrer und den B\u00fcrgermeister versammelten Menge.<\/p>\n<p><em>Hier, die Todesanzeige!<\/em><\/p>\n<p>Eine&nbsp;<i>Jolandeus Waagrechter&nbsp;Handelsgesellschaft <\/i>bezeugte, wie tief betroffen sie alle vom pl\u00f6tzlichen Ableben des hochverehrten Inhabers und Chefs des Hauses seien.<\/p>\n<p><em>Die haben mit Luxusautos und anderen Dingen von feinster&nbsp;<\/em><i>Qualit\u00e4t und Ausstattung gehandelt,&nbsp;<\/i>wu\u00dfte jemand zu berichten, der sich im Internet kundig gemacht hatte.<\/p>\n<p><em>Der Waagrechter&#8230;,&nbsp;<\/em>murmelten sie verhalten und verstanden die Welt nicht mehr.<\/p>\n<p><em>Wann und wo ist denn jetzt die Beerdigung?&nbsp;<\/em>Die B\u00fcrger waren aufgebracht. Wenigsten die letzte Ehre&#8230;, <em>das war man dem Verstorben schlie\u00dflich schuldig,&nbsp;<\/em>meinte der Herr Pfarrer.&nbsp;<em>Wenigstens eine Abordnung&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Weiter kam er nicht, denn die verschwundene Frau entstieg einem Wagen, dessen Ankunft den Leuten aufgrund ihrer Aufgeregtheit entgangen war.<\/p>\n<p><i>Hermine Bleibtreu, ich hab&#8216; mich ein wenig um Herrn Waagrechter gek\u00fcmmert, war sozusagen seine Privatsekret\u00e4rin. Hab&#8216; mich ums Saubermachen seines H\u00e4uschens im Weiler&nbsp;gek\u00fcmmert und auch sonst halt alles erledigt, was so anfiel.<\/i><\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeister bat die Frau schlie\u00dflich, ihm doch auf&#8217;s Amt zu folgen.<\/p>\n<p>Hier erfuhr er nun die ganze Wahrheit. Jolandeus Waagrechter war ein eifriger Mensch gewesen, hatte sein Abitur nachgeholt und studiert, irgendetwas mit \u00d6konomie, und war sehr schnell in der Firma eines Autoimporteurs aufgestiegen. Sein Geschick bescherte dem Autohaus enorme Umsatzzahlen und dem Jolandeus satte Provisionen. \u00dcber die Zeit verstarb die Frau des Autoimporteurs, er selbst setze sich in hohem Alter zur Ruhe und \u00fcbergab das Gesch\u00e4ft an seinen besten Mann. Eigene Kinder hatte er nicht.<\/p>\n<p><em>Und wissen Sie,&nbsp;<\/em>sagte die Frau, <em>Herr Waagrechter hat auch an Sie, das hei\u00dft an die Gemeinde und die Leute hier gedacht. Es gibt ein Testament.&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Die Augen des B\u00fcrgermeister wurden gr\u00f6\u00dfer und begannen zu funkeln.&nbsp;<em>Und was steht darin?,&nbsp;<\/em>fragte er nicht frei von Gier in der Stimme.<\/p>\n<p><em>Das wei\u00df niemand,&nbsp;<\/em>sagte die Frau.&nbsp;<em>Es ist alles beim Notar hinterlegt, aber der Passus, der die Gemeinde betrifft, ist so gefasst, dass sein letzter Wille zu erf\u00fcllen ist, wie es in dem Schriftst\u00fcck festgelegt ist, das er bei sich tr\u00e4gt.<\/em><\/p>\n<p><em>Ja, und wo ist dieses Schriftst\u00fcck?,&nbsp;<\/em>fragte der B\u00fcrgermeister eine Spur zu laut.<\/p>\n<p><i>Ich kann es&nbsp;Ihnen nicht sagen,&nbsp;<\/i>meinte die Frau,&nbsp;<em>vielleicht zusammengerollt in der Schmuckkapsel, die er st\u00e4ndig um den Hals trug.&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Und wo ist diese?&nbsp;<\/em>Schwei\u00df trat dem B\u00fcrgermeister auf die Stirn.&nbsp;<em>Wo ist diese Kapsel?,&nbsp;<\/em>fragte er noch einmal.<\/p>\n<p><em>So viel ich wei\u00df, hat man sie dem Toden belassen.<\/em><\/p>\n<p><em>Er wird sie also mit ins Grab nehmen? Dann ist Eile geboten. Wann ist denn nun diese&nbsp;<\/em><i>vermaledei&#8230;,&nbsp;<\/i>gerade noch den Fluch unterdr\u00fcckend, &#8230;diese Beerdigung?<\/p>\n<p><em>Es gibt keine Beerdigung. Jolandeus Waagrechter wird Feuerbestattet.<\/em><\/p>\n<p><em>Na, dann auf, und nichts wie hin!,<\/em>&nbsp;br\u00fcllte der B\u00fcrgermeister wenig gut erzogen.<\/p>\n<p><em>Zu sp\u00e4t,&nbsp;<\/em>sagte die Frau.<\/p>\n<p><em>Zu sp\u00e4t! Was hei\u00dft denn das? Wir, ich brauche dieses Schriftst\u00fcck, verstanden!<\/em><\/p>\n<p><em>Gestern, die Ein\u00e4scherung war gestern!,<\/em>&nbsp;sagte die Frau, stand auf und verlie\u00df das Amt, wobei die winzige Spur eines sp\u00f6ttischen L\u00e4chelns zu bemerken gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte der B\u00fcrgermeister darauf geachtet.<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4632,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304,935],"tags":[1110,1111,1109,1107,1059,1112,797,1106],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4606"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4606"}],"version-history":[{"count":29,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4606\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4637,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4606\/revisions\/4637"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4632"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}