{"id":4684,"date":"2019-12-18T15:34:43","date_gmt":"2019-12-18T14:34:43","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=4684"},"modified":"2020-01-17T17:53:09","modified_gmt":"2020-01-17T16:53:09","slug":"unheil-am-horizont","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/unheil-am-horizont\/","title":{"rendered":"Unheil am Horizont"},"content":{"rendered":"<h5>Eine bayerische Silvestergeschichte<\/h5>\n<p>Der vierte Advent ist noch nicht ins Land gezogen, da beginnen die Damen und Herrn Kom\u00f6dianten, Kabarettisten und andere Darsteller, \u00fcberall, wo sie eine B\u00fchne ergattern, ihren bissigen Humor \u00fcber uns &nbsp;auszugie\u00dfen. 2019 ist gelaufen und den Spassmachern ist&#8217;s recht so, denn \u00e4ndern k\u00f6nnen auch sie nichts mehr. Wir k\u00f6nnen uns dem Spassgemetzel durch den Griff zur&nbsp; Fernbedienung entziehen, was sich aber ggf. als Rohrkrepierer herausstellt, weil wir unweigerlich auf einem Kanal mit einer Liebesschnulzen-Wiederholung landen, die schon im Originaljahr vor 20 Jahren kaum zu ertragen war.<\/p>\n<p>In Dingharting jedoch tut sich etwas!<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Auf leisen Sohlen schleichen dunkel vermummte Gestalten durch die n\u00e4chtlichen Gassen. Die sp\u00e4rliche Beleuchtung im Ortskern dringt kaum bis in die Ritzen des Basalts auf den Stra\u00dfen und Wegen, geschweige denn, dass es die Umtriebigen kenntlich macht.<\/p>\n<p>An der Scheune beim&nbsp;<em>Adler,&nbsp;<\/em>einer der \u00e4ltesten Wirtschaften im Ort, fand der Spuk ein Ende. Eine Anzahl M\u00e4nner und zwei Frauen hatten sich dort eingefunden. Die Lichter im Gasthaus waren l\u00e4ngst gel\u00f6scht, niemand, der um diese Zeit noch bei einem Bier sass.<\/p>\n<p><em>Also, dann gehen wir&#8217;s an!, <\/em>sagte&nbsp;eine dunkle, kr\u00e4ftige M\u00e4nnerstimme. An die beiden Frauen gewandt:&nbsp;<em>Ihr passt auf! Sollte wider Erwarten jemand auftauchen, gebt ihr das vereinbarte Zeichen!<\/em><\/p>\n<p>Niemand tauchte auf. Niemand nahm Notiz von diesem merkw\u00fcrdigen Treiben in der Nacht.<\/p>\n<p>Ein verdeckter Beobachter, wohl in der Lage, dem forschenden Blick der Frauen zu entgehen, w\u00e4re verwundert Zeuge geworden, wie die M\u00e4nner mit traumwandlerischer Sicherheit Kabel und Dr\u00e4hte verlegten, da und dort etwas in die Ritzen der alten Scheune Stopften, um unversehens so pl\u00f6tzlich zu verschwinden, wie sie aufgetaucht waren.<\/p>\n<p>Der Gendarm h\u00e4tte, ob solcher Art gemeldeter Beobachtungen, den Einwand geltend gemacht, dass es sich um eine wahrscheinliche T\u00e4uschung des Beobachters handeln m\u00fcsse, weil die \u00f6rtliche Strassenbeleuchtung nach dem Gemeinderatsbeschluss, wonach alle bisher so wundervoll hell leuchtenden R\u00f6hren und Birnen gegen dimmbare LEDs auszutauschen waren, f\u00fcr eine solche Beobachtung keinesfalls ausgereicht h\u00e4tte. Zur Untermauerung seiner Argumentation h\u00e4tte er weiter ausgef\u00fchrt, dass sich die Bev\u00f6lkerung bereits bei Anbruch der D\u00e4mmerung nur noch mittels Taschenlampen oder Stirnlampen, wie sie H\u00f6hlenforscher benutzen, durch den Ort bewegten und, ganz entscheidend, b\u00fcrgerliche Initiativgruppen Vorlagen eingereicht h\u00e4tten, wonach Fu\u00dfg\u00e4nger bei Dunkelheit Glocken, Hupen, Nebelh\u00f6rner oder andere L\u00e4rmerzeuger als akustische Warnmittel mitzuf\u00fchren und auch zu gebrauchen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Aber soweit kam es eben mangels anwesender Beobachter nicht.<\/p>\n<p><strong>Exkursion:<\/strong> Es k\u00f6nnte angeraten sein, die Zu- und Umst\u00e4nde im Freistaat durch wissenschaftliche Erhebungen zu verifizieren, um daraus allgemeinverbindliche Vorgaben f\u00fcr die Land- und Stadtbev\u00f6lkerung zu erarbeiten. Insbesondere sollten neben den rein betriebswirtschaftlichen Bezugsgr\u00f6\u00dfen der \u00f6ffentlichen Energieversorger weitere Faktoren Ber\u00fccksichtigung finden, wie, die Wohlf\u00fchl-Qualit\u00e4t (WQ) der Bev\u00f6lkerung, der Anstieg der Unfallh\u00e4ufigkeit (AU) aufgrund mangelhafter Beleuchtung, sowie der Anstieg der Belegung der \u00f6rtlichen Krankenh\u00e4user und der Landes-Spezialkliniken (KH\/LS).<\/p>\n<p>Bis zur Realisation k\u00f6nnte hilfsweise die im Verwaltungsblatt 4711\/0815, Ziffer 1\/III, Unterziffer 2\/II, Abs\u00e4tze ii &#8211; nn hinterlegte mathematische Formel f\u00fcr stussologische Vorhaben zur Anwendung kommen. Daraus erg\u00e4be sich nach der stussologischen Transkriptionstheorie die Transkribierte Tolleranzschwelle (R in Watt) &nbsp; x &nbsp;{(AU : (KH+LS) (WQ : 100)}<\/p>\n<p>Bis zum Silvesterabend h\u00e4tte eigentlich nichts weiter passieren sollen, das war jedenfalls der Plan.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re auch so geblieben, h\u00e4tte es da nicht den Hundebesitzer Emanuel Wei\u00dfkragen gegeben, der just am Heiligen Abend zur sp\u00e4ter Stunde noch eine Runde ums Haus drehte. Entgegen den Gepflogenheiten weder mit Taschenlampe noch Stirnlampe. Daf\u00fcr war Waldemar, sein Hund, mit einem Leuchthalsband ausgestattet, das jede \u00f6ffentliche Laterne vor Neid erblassen lie\u00df.<\/p>\n<p>Wie \u00fcblich, schoss Waldemar, kaum von der Leine, wie ein Pfeil davon. &nbsp;Er schien Augen wie ein milit\u00e4risches Nachtsichtger\u00e4t zu besitzen, denn trotz Dunkelheit fand er immer seinen Weg und genoss es, die Stra\u00dfen weitr\u00e4umig zu queren.<\/p>\n<p>Emanuel Wei\u00dfkragen hatte sich die St\u00f6psel in die Ohren gedr\u00fcckt, um sich von einem H\u00f6rbuch in Bann schlagen zu lassen. Wen es interessiert: <em>Warum schweigen die L\u00e4mmer,&nbsp;<\/em>der Titel.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich, Waldemar war weit voraus an der Scheune, wie sein Halsband signalisierte, meinte Emanuel, etwas Unbekanntes, oder besser Unerkl\u00e4rliches wahrzunehmen. Kabel. Im Schein des Halsbandes traten f\u00fcr einen Augenblick, kein Zweifel, Kabel oder Dr\u00e4hte in sein Blickfeld. Jetzt wieder! <em>Was auch immer es ist, es geh\u00f6rt da nicht hin!<\/em>, h\u00e4mmerte sein Gehirn.<\/p>\n<p>Aber es war zu sp\u00e4t! Ein f\u00fcrchterlicher Rums ersch\u00fctterte unversehens die Stille der Nacht. Dann gleich noch einer, gefolgt von einem weitern, heftigen Knall, dessen Echo vom nahen Wald lautstark \u00fcber den Ort zur\u00fcckgeworfen wurde.<\/p>\n<p>Sekunden Sp\u00e4ter waren nahezu alle H\u00e4user in Dingharting hell erleuchtet. Nur die Stra\u00dfenbeleuchtung blieb tr\u00fcbe wie zuvor.<\/p>\n<p>Jaulend kam Waldemar Schutz suchend auf seinen Herrn zugelaufen, das Halsband immer noch hell leuchtend.<\/p>\n<p>Verwundert starrte Emanuel Wei\u00dfkragen auf die Scheune. Sie stand, wie eh und je, aufrecht und alt, wie seit ewigen Zeiten, nun aber umgeben von einem Ring, einem Mehr aus Licht, hell auflodernd, faszinierend, dann in sich zusammenbrechend, da und dort noch kurz aufflackernd, dann aus, Dunkelheit, Nacht.<\/p>\n<p>Vereinzelt sah man Stirnlampen des Weges wanken, auch Taschenlampen darunter. Gr\u00fcppchen diskutierten, was wohl geschehen sei. Niemand wusste eine Antwort. Nebelh\u00f6rner vernahm man nicht.<\/p>\n<p>Feuerwehr und Polizei waren inzwischen mit Get\u00f6se eingetroffen, aber es gab nichts zu l\u00f6schen. Gro\u00dfscheinwerfer auf Lafetten leuchteten die Szene aus.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich, Emanuel Wei\u00dfkragen sah jetzt ganz deutlich, was vorher nur schemenhaft zu ihm gedrungen war: Kabel und Dr\u00e4hte. Er pirschte sich n\u00e4her heran, um Wortfetzen von Polizei und Feuerwehr aufzuschnappen.<\/p>\n<p><em>Wir werden es n\u00e4her untersuchen,&nbsp;<\/em>h\u00f6rte er den Chef der Truppe sagen. Er kannte ihn gut, Alois Hirngiebel, einer seiner Nachbarn. <em>Die Anforderung<\/em><em> f\u00fcr ein Expertenteam aus M\u00fcnchen ist schon raus.<\/em><\/p>\n<p><em>Mir sieht das nach Feuerwerk aus. Ein gro\u00dfes, gekonntes Feuerwerk,&nbsp;<\/em>meinte einer der Polizeiuniformierten, den Emanuel Wei\u00dfkragen nicht pers\u00f6nlich kannte.<\/p>\n<p><em>Zu Schaden ist, soweit ich sehen kann, nichts und niemand gekommen, <\/em>bemerkte Alois Hirngiebel.&nbsp;<em>Trotzdem m\u00fcsst ihr absperren, wegen m\u00f6glicher Spuren,&nbsp;<\/em>wies er den Polizisten an.<\/p>\n<p>Langsam verliefen sich die Leute, Stirn- und Taschenlampen wurden weniger und verschwanden schlie\u00dflich v\u00f6llig.<\/p>\n<p>Ein paar Polizisten spannten ein Trassierband, die Feuerwehr r\u00fcckte ab und Emanuel Wei\u00dfkragen ging mit Waldemar nach Hause.<\/p>\n<p>Eine Gruppe von M\u00e4nnern und zwei Frauen harrten im Schutze der Dunkelheit aus, in dunkles Zeug geh\u00fcllt, wie schon einmal. <em>Wie konnte das blo\u00df passieren?, stellte<\/em> einer die entscheidende Frage. <em>Ja, wie? Ich wei\u00df es, ehrlich gesagt, auch nicht, <\/em>sagte der Mann mit der dunklen, kr\u00e4ftigen Stimme.&nbsp;<em>Aber so viel kann ich sagen, von selbst konnte die Z\u00fcndschnur sich nicht entz\u00fcnden! Da muss schon jemand nachgeholfen haben!<\/em><\/p>\n<p><em>Schade um unseren Silvesterspass,&nbsp;<\/em>klagte eine der Frauen.<\/p>\n<p>Einer, der ebenfalls unerkannt in der Nacht verharrte, war Ferdinand Schlaub\u00fcgel, ein durchaus angesehener B\u00fcrger der Gemeinde, geh\u00f6rte er doch zum Kollegium am Gymnasium. Hauptfach Chemie.<\/p>\n<p>Seit geraumer Zeit hatten sich manche Kollegen und Kolleginnen merkw\u00fcrdig verhalten. Es war, wie sie Gespr\u00e4che beendeten oder miteinander redeten, wenn er zuf\u00e4llig in die N\u00e4he kam. Sch\u00f6n war&#8217;s gewesen, wie&#8217;s gerumst hatte und wie das Lichtermeer, wie von Geisterhand getrieben, empor wuchs, um kurz darauf in sich zu st\u00fcrzen und zu versiegen.<\/p>\n<p>Ich schau&#8216; euch weiter auf die Finger, fl\u00fcsterte er, ging zur\u00fcck ins Haus und verschloss die T\u00fcre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4107,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1012,352,1113],"tags":[1131,1135,1134,1132,1133,1136,1138,1137,802],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4684"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4684"}],"version-history":[{"count":35,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4684\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4723,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4684\/revisions\/4723"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4107"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4684"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}