{"id":4760,"date":"2020-01-26T14:59:32","date_gmt":"2020-01-26T13:59:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=4760"},"modified":"2020-02-18T15:11:33","modified_gmt":"2020-02-18T14:11:33","slug":"apollonia-ein-bayerischer-fall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/apollonia-ein-bayerischer-fall\/","title":{"rendered":"Apollonia &#8211; ein bayerischer Fall&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Nehmen Sie doch Platz! Sie sind also Frau Apollonia Winkelmoser?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was meinen Sie mit <em>also<\/em>?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nichts Bestimmtes, wie man halt so sagt.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Verstehe ich nicht, weil bei uns sagt man nicht so. <em>Also<\/em> w\u00fcrde man h\u00f6chstens sagen, wenn man damit eben gerade etwas Bestimmtes ausdr\u00fccken will, sagen wir, beispielsweise, die stadtbekannte Apollonia, die Betr\u00fcgerin Apollonia oder die Apollonia mit dem schr\u00e4gen Lebenswandel, verstehen Sie, eine besondere, mit bestimmten Attributen versehene Apollonia, nicht einfach eine Apollonia, wie ich es bin.&#8220;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Wie Sie meinen, dann lassen wir das&nbsp;<em>also&nbsp;<\/em>halt weg.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Na, dann&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir haben Sie heute hergebeten&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Halt, bevor wir gleich wieder in eine falsche Interpretation abgleiten&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wie meinen&#8230;?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das ist doch nun wirklich&#8230;, ich bitte Sie! Ich wurde nicht <em>hergebeten<\/em>, wie Sie sagen, sondern einbestellt oder vorgeladen, denn&nbsp;<em>gebeten&nbsp;<\/em>h\u00e4tte die M\u00f6glichkeit eingeschlossen, Ihrer Aufforderung auch nicht nachkommen zu k\u00f6nnen, was aber bei dem, im Falle des Fernbleibens, angedrohten Bu\u00dfgeld nur eine rein hypothetische Option war.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber, Frau Winkelmoser, wenn wir so weitermachen, sitzen wir morgen noch hier.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich verstehe schon, was Sie meinen, aber es liegt ja nicht an mir, wenn Sie sich st\u00e4ndig derart missverst\u00e4ndlich ausdr\u00fccken, nicht wahr?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Also, Frau Winkelmoser, wenn Sie in diesem Fall das&nbsp;Wort <em>also<\/em> akzeptieren wollen&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, selbstverst\u00e4ndlich, warum auch nicht? Es bezieht sich doch nicht auf mich als Person, sondern stellt lediglich quasi eine Verbindung her, die es Ihnen erm\u00f6glicht fortzufahren, ohne den Satz einfach nur mit meinem Namen zu beginnen, was Sie ganz offensichtlich vermeiden wollen.&#8220;<\/p>\n<p>Seufzen<\/p>\n<p>&#8222;Frau Apollonia Winkelmoser&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Warum nicht gleich so? Wir k\u00f6nnten schon viel weiter sein und h\u00e4tten nicht unn\u00fctz Zeit vertan. Bitte&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sie wurden einbestellt oder, um erneuten Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen, vorgeladen, weil Sie Ihren Nachbarn, den Herrn Aloisius Hinterbachler, beleidigt haben sollen, indem Sie zu ihm gesagt haben sollen, er sei ein Hanswurst. Geben Sie diesen Ausspruch Ihrem Nachbarn gegen\u00fcber zu?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wie soll ich Sie eigentlich ansprechen? Mit Herr Rat oder Herr Richter oder eure Ehrw\u00fcrden oder&#8230;?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Einfach mit Herr Richter oder Herr Vorsitzender.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gut, dann mal so und mal so, wenn&#8217;s recht ist. Nun, Herr Vorsitzender, ja, ich gebe zu, den Begriff <em>Hanswurst<\/em> gebraucht zu haben. Allerdings, und das mu\u00df ich zum Zwecke der Wahrheitsfindung hinzuf\u00fcgen, keinesfalls in beleidigender Absicht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nicht in beleidigender Absicht? Wie denn dann?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich hole ein wenig aus, nur um den Kontext herzustellen&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Kontext&#8230;, nun gut, fahren Sie fort!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, Kontext, weil sonst der Zusammenhang aus dem Blick ger\u00e4t, welcher aber f\u00fcr die Bewertung, ob eine Beleidigung vorliegen k\u00f6nnte oder nicht, von Bedeutung ist. Ich habe w\u00f6rtlich gesagt: Mein verehrter Herr Nachbar, w\u00fcrde sich jemand so verhalten, wie sie vorgeben, sich verhalten zu wollen, dann k\u00f6nnte man solches als Hanswurstigkeit bezeichnen, um keine st\u00e4rkeren Worte zu gebrauchen. Der Volksmund n\u00e4mlich, so kl\u00e4rte ich meinen Nachbarn, den Herrn Aloisius Hinterbachler, auf, der, obwohl er &nbsp;dem Anschein nach einen urbayerischen Namen tr\u00e4gt, nicht von hier stammt, sondern \u00fcber einige Umwege, die hier nichts zur Sache tun, durch Geburt zu diesem Namen gekommen ist, das Licht der Welt jedoch in D\u00fcsseldorf erblickt hat. Ich erkl\u00e4rte ihm also, dass als ein Hanswurst bezeichnet w\u00fcrde, wer sich derb komisch oder dumm g\u00e4be, was in seinem Fall eintreten k\u00f6nnte, wenn er sich eben so verhalten w\u00fcrde, wie er sich anschickte verhalten zu wollen. Eine Beleidigung kann schon deshalb nicht eingetreten sein, weil Herr Hinterbachler letztlich davon Abstand genommen hat, sich so zu verhalten, dass die Bezeichnung Hanswurst h\u00e4tte &nbsp;gerechtfertigt sein k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Abstand genommen? Wie&#8230;, was&#8230;?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ist ganz einfach Herr Richter: Herr Hinterbachler ist offensichtlich wutentbrannt unter Ausstoss der Bezeichnung, Sie bl\u00f6de Kuh, womit er m\u00f6glicherweise mich gemeint haben k\u00f6nnte, weil ein n\u00e4mliches Lebewesen nicht zugegen gewesen war, von dannen gezogen. Einen weiteren Diskurs hat es mangels Anwesenheit des Herrn Hinterbachlers nicht gegeben, folglich auch keine Beleidigung. Was mir \u00fcbrigens auch die Gelegenheit genommen hat, nachzufragen, ob Herr Hinterbachler die <em>bl\u00f6de Kuh<\/em> mir gegen\u00fcber in beleidigender Absicht ge\u00e4ussert h\u00e4tte. Herrn Hinterbachlers Absicht bleibt insofern ungekl\u00e4rt. Ich erw\u00e4hne dies nur, um dem werten Gericht weitere Untersuchungen zu ersparen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich verstehe&#8230;, verstehe! Um was ist es denn nun eigentlich zwischen Ihnen und Herrn Hinterbachler gegangen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Auch dieses lie\u00dfe sich nur feststellen, wenn Herr Hinterbachler selbst zu gegen w\u00e4re, was aber nicht der Fall ist, weil er sich nur durch seinen Anwalt vertreten l\u00e4\u00dft. Meiner r\u00fcckschauenden Betrachtung nach und der Erinnerung entnommen, ging es darum, dass ich zu ihm sagte, er solle sich nicht so aufplustern, wie ein reing&#8217;schmeckter Prei\u00df. K\u00f6nnte auch sein, dass ich die Bezeichnung Sauprei\u00df gew\u00e4hlt hatte, blo\u00df weil ich beim R\u00fcckw\u00e4rtsfahren mit dem Traktor ein St\u00fcck seines Gartenzauns niedergew\u00e4lzt hatte.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;So, ja, &#8230;das steht aber hier gar nicht zur Verhandlung an.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sehen Sie, Herr Vorsitzender, wie recht ich habe. Wer sich anschickt, sich so aufzuplustern und dabei noch nicht einmal zu benennen wei\u00df, um was es wirklich geht, der kann doch im besten Falle nur als Hanswurst bezeichnet werden.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Im Namen des Volkes&#8230; Frau Apollonia Winkelmoser wird vom Vorwurf der Beleidigung zu Lasten des Aloisius Hinterbachler freigesprochen.<\/p>\n<p>Begr\u00fcndung: Das Gericht ist zu dem Schlu\u00df gekommen, dass den Ausf\u00fchrungen der Beklagten nichts hinzuzuf\u00fcgen ist und es deshalb zu einer Beleidigung nicht gekommen sein kann. Zugereisten und mit dem bayerischen Umgang in Wort und Tat nicht Vertrauten wird empfohlen, sich vor Klageeinreichung \u00fcber das hiesige Brauchtum kundig zu machen. Dies m\u00f6chte das Gericht insbesondere auch jenen Anw\u00e4lten anraten, deren bisheriger Praxisbezug angestammtes bayerisches Verhalten nicht zum Gegenstand hatte.<\/p>\n<p>Die Verhandlung ist geschlossen!&#8220;<\/p>\n<p><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">Anmerkungen:<\/span><\/strong> Die Verhandlung umfasste selbstverst\u00e4ndlich auch zahlreiche Einlassungen des Anwaltes der klagenden Partei, deren Erw\u00e4hnung jedoch nichts zum Verst\u00e4ndnis der Urteilsfindung beigetragen h\u00e4tte und auf die deshalb g\u00e4nzlich verzichtet wurde.<\/p>\n<p>Manche der Gerichtspassagen waren mundartlich gepr\u00e4gt und f\u00fcr nicht des Dialektes M\u00e4chtige nur schwer verst\u00e4ndlich. Aus diesem Grund und der juristischen Bedeutung europaweit wegen, konnte eine Person von internationalem Rang mit der \u00dcbersetzung und Vereindeutschung des Bayerischen gewonnen werden.<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commonslizenz, flickr, https:\/\/www.flickr.com\/photos\/129231073@N06\/<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4779,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304,352],"tags":[1149,899,1152,1154,1150,1151,1153,1155],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4760"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4760"}],"version-history":[{"count":23,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4801,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4760\/revisions\/4801"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4779"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}