{"id":4828,"date":"2020-06-25T15:43:04","date_gmt":"2020-06-25T14:43:04","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=4828"},"modified":"2020-09-05T22:54:53","modified_gmt":"2020-09-05T21:54:53","slug":"abgrund-1-der-verlorene-wille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/abgrund-1-der-verlorene-wille\/","title":{"rendered":"Abgrund (1) &#8211; der verlorene Wille"},"content":{"rendered":"\n<p>Als Ferdinand am Vierzehnten dieses Monats gegen 17:35 Uhr die Br\u00fccke betrat, sollte es das Letzte sein, das seinem Leben noch einen Sinn geben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Das anschwellende, pfeifende Gemisch aus rhythmischem Takt und aneinander gleitendem Stahl k\u00fcndigte den Zug der&nbsp;<em>Bayerischen Oberlandbahn<\/em>&nbsp;an. Das Stakkato der l\u00e4ngeren S-Bahn-Z\u00fcge w\u00e4re um Nuancen h\u00e4rter ausgefallen, auch die Vibration der Luft irgendwie volumin\u00f6ser gewesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinand registrierte diese feinen Unterschiede nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Seit \u00fcber 160 Jahren verbindet die Br\u00fccke \u00fcber die Isar hinweg zwei M\u00fcnchener Stadtteile und ebnet dem Schienenverkehr den Weg nach Holzkirchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als 300 Menschen haben seither an der Br\u00fccke ihr Leben gelassen, weshalb sie im Volksmund auch&nbsp;<em>Die Selbstm\u00f6rder Br\u00fccke<\/em>&nbsp;genannt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch dies ber\u00fchrte Ferdinands Gedanken nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bahn, jetzt direkt \u00fcber ihm, h\u00e4mmerte im Takt der Schienenabst\u00e4nde und wenige Sekunden sp\u00e4ter nur, war der Spuk vor\u00fcber. Fu\u00dfg\u00e4nger und Radfahrer queren den Fluss unterhalb der Schienentrasse in einer Konstruktion, die einem in die L\u00e4nge gezogenen K\u00e4fig gleicht. Einst verliefen die Fu\u00dfwege beiderseits parallel zum Schienenbett, wodurch die Br\u00fccke jedoch mehr und mehr zum Anziehungspunkt<em>&nbsp;<\/em>f\u00fcr Lebensm\u00fcde geworden war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa zur Mitte der Br\u00fccke hin verlangsamte Ferdinand seinen Schritt, blieb schlie\u00dflich stehen, sah, so gut er es durch das Gitter hindurch vermochte, entlang des mittleren Br\u00fcckenpfeilers hinab, markierte mit den Augen einen fiktiven Punkt am Boden, entnahm seinem Rucksack eine Flagge, wie man sie von Streckenarbeitern der Bahn kennt, und befestigte diese derart, dass der Flaggenstiel am Boden des K\u00e4figs durch das Gitter hindurch ins Freie ragte, wobei die Flagge im Luftstrom alsbald dezente Bewegungen vollzog.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinand blickt kurz um sich, niemand jedoch interessiere sich f\u00fcr ihn. Mit entschlossenem Blick straffte er die Riemen des Rucksacks und schritt zielstrebig weiter zum Ende der Br\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchau mal Papa\u201c, sagte der Junge, \u201eda oben an der Br\u00fccke weht eine Fahne. Das ist lustig. Ich will auch so eine haben!\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der Br\u00fccke verlie\u00df Ferdinand den vorgegebenen Fu\u00dfweg, um linkerhand einen kaum sichtbaren Pfad nach oben zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePapa, die Fahne, sie flattert ganz sch\u00f6n! Wie kommt die eigentlich da hin? Ich habe diese vorher noch nie gesehen. Warum ist sie jetzt da?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinand hatte indessen das Schienenbett erreicht, wurde aber durch einen stabilen Zaun am Weitergehen gehindert. Ein zaghaftes L\u00e4cheln huschte \u00fcber sein Gesicht, als er einer Rei\u00dfverschlusstasche am Rucksack einen klobigen Vierkantschl\u00fcssel entnahm, ein kaum auszumachendes Tor \u00f6ffnete, dieses hinter sich wieder ins Schloss zog und schlie\u00dflich neben den Geleisen auf der Br\u00fccke stand.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePapa, Papa, da oben! Schau\u2018 doch, da ist jemand, &#8230;ein Mann! Was macht der da?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater des Jungen sah es sofort. Tats\u00e4chlich, jemand beugte sich \u00fcber das Gel\u00e4nder, als suche er nach etwas.&nbsp;<em>Was will denn ein Fu\u00dfg\u00e4nger da oben? Ein Arbeiter der Bahn&#8230;?,&nbsp;<\/em>dachte der Vater zweifelnd.<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinand beugte sich einige Male \u00fcber das Gel\u00e4nder, bis er die Flagge unter sich wusste. Er \u00fcberlie\u00df nichts dem Zufall. Sein Plan war durchdacht. Aus dem Leben zu scheiden war nicht so einfach, wie manche Menschen sich das vorstellten. Wenn er es tat, dann musste es auch das absolute Ende bedeuten. Von der Br\u00fccke zu st\u00fcrzen, barg seiner Einsch\u00e4tzung nach nur das geringe Risiko, dass sein K\u00f6rper nicht dort auftr\u00e4fe, wo der Tod unweigerlich w\u00e4re, unumkehrbar, absolut.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was tun, wenn der runterspringen will? Mein Bub&#8230;! Der wird das sein Leben lang nicht vergessen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn er exakt an der mit der Flagge markierten Stelle sprang, w\u00fcrde er auf dem Fundament des mittleren Br\u00fcckenpfeilers aufschlagen. 31 Meter, das \u00fcberlebt keiner.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Feuerwehr? Die Polizei? Wer k\u00f6nnte die Tat des Mannes verhindern?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinands Plan war nicht trivial. Bed\u00e4chtig kramte er aus dem Rucksack eine Flasche, eine Box und ein Glas. Seine letzte Mahlzeit. Kein Tod ohne Leben und so wollte er es hinter sich lassen, das Leben, erst symbolisch mit einem letzten Bissen, einem letzten Schluck und dann absolut.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePapa, mit wem sprichst du? Papa&#8230;!<\/p>\n\n\n\n<p>Er h\u00f6rte seinen Sohn nur am Rande, wie im Nebel, nicht real. \u201eK\u00f6nnen Sie nichts tun?\u201c, schrie er beinahe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6ren Sie, beruhigen Sie sich! Wir sind schon unterwegs!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sekunden verrannen. Immer wieder sah er hoch. Der Junge sah hoch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bizarr!&nbsp;&nbsp;Der Mann da oben schenkte etwas aus einer Flasche in ein Glas, entnahm etwas einer Box, begann zu essen!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6ren Sie, ich hatte gerade schon angerufen. Der Mann auf der Br\u00fccke, verr\u00fcckt, komplett verr\u00fcckt! Der isst und trinkt. Ist das normal, bevor einer springt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist gut. Das verschafft uns Zeit. Wir sind gleich da!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinand genoss es tats\u00e4chlich, sein letztes Mahl. Es war einfach, nichts Besonderes, ein belegtes Brot nur, dazu einen Chianti, wie er ihn gerne mochte. Noch ein paar Minuten vielleicht, dann w\u00fcrde er es tun.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt erst sah er den Jungen, den Mann daneben.&nbsp;<em>Vater und Sohn, was&#8230;, warum sind sie ausgerechnet jetzt hier, an dieser Stelle, an meiner Stelle?&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist mein Plan. Sie zerst\u00f6ren ihn&#8230;, sie zerst\u00f6ren meinen Plan! Warum sind sie hier&#8230;?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Geht doch weg!,&nbsp;<\/em>wollte Ferdinand rufen, aber kein Ton kam \u00fcber seine Lippen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bruchteilen von Sekunden lief in seinem Kopf ab, was ihn zu diesem Plan veranlasst, ja gedr\u00e4ngt hatte. Es war nicht Traurigkeit, ausweglose Depression oder verschm\u00e4hte Liebe gewesen. Es war eine tiefe, l\u00e4hmende und nicht zu ergr\u00fcndende Qual, die ihn unbeugsam in die Tiefe zwang, die ihn nicht mehr verstehen lie\u00df, warum er so lebte, wie er lebte, die ihm einfl\u00f6\u00dfte, Schluss zu machen, bis er es heute endlich tun w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun: ein Kind und sein Vater&#8230;, jeglicher Wille&#8230;, dahin, &#8230;verloren, &#8230;verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm, gehen wir\u201c, sagte der Vater zum Sohn. Du siehst ja, der Mann da oben hat auf andere gewartet, die jetzt gekommen sind, Arbeiter wahrscheinlich, wegen der Bahn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber, warum haben sie ihm eine Decke um die Schulter&#8230;?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater gab keine Antwort und zog den Jungen mit sich, fort von diesem Ort, an dem ein Mensch beinahe ein grausiges Ende gefunden h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinand, von einer Not\u00e4rztin behutsam von der Br\u00fccke geleitet, f\u00fchlte im ersten Augenblick nichts, dann eine unbeschreibliche Leere. Alles um ihn ohne Wirklichkeit. Er selbst ohne Wirklichkeit. Die Beine verrichteten ein programmiertes Werk, legten Schritte automatisch zur\u00fcck, ja, \u00fcberbr\u00fcckten eine Distanz. Eine weibliche Stimme drang in sein Gehirn, aber er verstand sie nicht, erfasste nicht den Sinn des Gesagten.<\/p>\n\n\n\n<p>Uns\u00e4gliche M\u00fcdigkeit ergriff seinen K\u00f6rper und f\u00fcr einen Augenblick war es, als wollte sein Blick fragen: warum?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt im Rettungswagen drang nicht mehr in Ferdinands Bewusstsein. Eine Beruhigungsspritze, wie es die \u00c4rztin in solchen F\u00e4llen immer wieder genauso tun w\u00fcrde.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4806,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[1169,1168,867,1167,750,1170],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4828"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4828"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4828\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4830,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4828\/revisions\/4830"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4806"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4828"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4828"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4828"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}