{"id":4832,"date":"2020-08-01T12:24:39","date_gmt":"2020-08-01T11:24:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=4832"},"modified":"2020-09-05T22:54:38","modified_gmt":"2020-09-05T21:54:38","slug":"abgrund-2-ein-schmaler-grat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/abgrund-2-ein-schmaler-grat\/","title":{"rendered":"Abgrund (2) &#8211; ein schmaler Grat"},"content":{"rendered":"\n<p>Winzige Gedankenblitze m\u00fchen sich wieder und wieder, das Un\u00fcberwindbare zu durchdringen. Grelles Licht stemmt sich entgegen, wie ein Schutzwall, der Ferdinands Seelenfrieden zu bewahren sucht.\u00a0<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich gewinnen Konturen, verschwommen noch, die Oberhand und das rhythmische Flirren der Augenlieder verr\u00e4t den \u00dcbergang in die reale Welt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinand macht die Umrisse von Gitterst\u00e4ben aus, registriert die gro\u00dfen Fenster, die glei\u00dfende Sonne und versteht pl\u00f6tzlich seine Misere.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du bist eingesperrt,&nbsp;<\/em>sagen seine Gedanken.&nbsp;<em>Es gibt kein Entkommen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein leises Klopfen unterbrach sein Zwiegespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinand h\u00f6rte eine weibliche Stimme, verstand aber den Tenor nicht. Bevor er noch weiter dar\u00fcber sinnieren konnte, \u00f6ffnete sich die T\u00fcr und eine Frau um die Vierzig betrat das Zimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGr\u00fc\u00dfe Sie, Herr Weidenbaum\u201c, sagte die Frau mit einem freundlichen L\u00e4cheln und blieb in der Mitte des Zimmers stehen, als wolle sie eine gewisse Distanz wahren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist los&#8230;, was ist geschehen&#8230;, wo bin ich?\u201c, stammelte Ferdinand orientierungslos.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie sind hier im Isar-Amper-Klinikum Haar\u201c, erkl\u00e4rte die Frau, die Mitte des Zimmers nicht verlassend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn Haar&#8230;? In der Psychiatrie&#8230;?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa. Die Polizei hat Ihre Einweisung verf\u00fcgt,\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Polizei? Was um Gottes Willen&#8230;, warum denn&#8230;?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gedankenfetzen kehren zur\u00fcck, schlie\u00dfen Erinnerungsl\u00fccken und versorgen Ferdinand schonungslos mit den Tatsachen seines Hierseins.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber, weshalb wollte ich das tun? Warum von der Br\u00fccke&#8230;?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDeshalb bin ich hier\u201c, sagte die Frau schlicht. \u201eIch bin Doktor Isabella Werth. Ich arbeite hier und besch\u00e4ftige mich mit den Hintergr\u00fcnden von suizidalem Verhalten.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs stimmt, ich sehe es jetzt wieder ganz deutlich, aber ich kann nicht sagen, warum ich es tun wollte. Ich verstehe es nicht!\u201c, stie\u00df Ferdinand beinahe keuchend hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eQu\u00e4len Sie sich nicht, nehmen Sie sich Zeit! Ich lasse Ihnen ein Heft und einen Stift hier. Wann immer Ihnen etwas einf\u00e4llt, schreiben Sie es einfach auf. Wir werden es herausfinden, Sie werden es herausfinden und ich werde Ihnen dabei helfen&#8230;, einverstanden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Dr. Werth gr\u00fc\u00dfte und sagte im Hinausgehen, dass er auch hier w\u00e4re, um sich zu erholen und wieder in den normalen Alltag zur\u00fcckzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinand ging ein paar Schritte im Zimmer hin und her, um sich dann in einen Sessel zu fl\u00e4zen.&nbsp;<em>Nicht einmal unbequem,&nbsp;<\/em>dacht er. Tats\u00e4chlich war die Einrichtung eher spartanisch, aber nicht geschmacklos. Kameras hatten das Geschehen jederzeit im Fokus.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst gedankenlos, dann \u00fcberlegt, m\u00fchte Ferdinand sich, dem Wirrwarr seiner Gedanken eine Struktur zu geben. Der Stift flog \u00fcber die Seiten des Heftes und sehr bald schon f\u00fchlte er sich entspannt, ja, irgendwie beruhigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit es ihm m\u00f6glich war, schritt Ferdinand zur\u00fcck und suchte nach Erinnerungen an seine ersten Lebensjahre. Vieles blieb schemenhaft, manches trat ihm klar vor Augen. Kein Zweifel, er fand sich selbst privilegiert. Eine tadellose Kindheit, wie er fand, nichts auszusetzen, liebevolle Eltern, keine Geschwister, keine Probleme in der Schule, und so weiter, bis zum Beginn des Studiums kein ungew\u00f6hnliches Ereignis. Seine Welt war schlicht in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, selbst die Zeit an der Universit\u00e4t wies nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches auf. Regelstudienzeit, keine Wiederholungen, alles stets fristgerecht absolviert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich bin ein v\u00f6llig normaler Mensch,&nbsp;<\/em>schrieb er ins Heft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Studium mehrere Stellenangebote,&nbsp;<em>wer hat das schon?<\/em>&nbsp;Nie Zwist mit Vorgesetzten. Ja, selbst dann nicht, wenn er f\u00fcr eine Frau arbeitete. Der Regelbetrieb an der Universit\u00e4t war f\u00fcr ihn nicht Ballast, sondern willkommener Alltag.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du hast keinen Burn Out, von was auch? Du liebst deine Arbeit, hast deine Doktorarbeit mit Auszeichnung geschrieben, arbeitest an deiner Habilitation. Was willst du eigentlich?&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ferdinand legte das Heft zur Seite. Es tat ihm gut. Die klaren, einfachen S\u00e4tze, mit denen er die wichtigen Meilensteine seines Lebens skizzierte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, was war falsch? Was war aus dem Ruder gelaufen? Warum steigt ein Mensch, warum stieg er auf diese Br\u00fccke, um sich in den Tod zu st\u00fcrzen?<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand macht das grundlos!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du musst weitersuchen, den Grund finden!,&nbsp;<\/em>h\u00e4mmern Ferdinands Gedanken.&nbsp;<em>Es darf nicht wieder vorkommen! Verstehst du, niemals wieder!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Selbst mit Frauen hatte er keine Schwierigkeiten. Derzeit gab es zwar keine feste Beziehung, aber es bahnte sich etwas an. Erika, er hatte sie k\u00fcrzlich kennengelernt. Sogar die Trennung von Valencia war problemlos verlaufen. Sie war nach Australien gegangen \u2013 ein Lebenstraum, mehr nicht. Fertig, kein Abschiedsdrama, nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr heute war es genug. Ferdinand legte das Heft und den Stift sorgf\u00e4ltig in eine Schublade, die verschlie\u00dfbar war.&nbsp;<em>Verschlie\u00dfbar, in einer Irrenanstalt?,&nbsp;<\/em>schoss es ihm durch den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Isabella Werth war p\u00fcnktlich. Und wieder verharrte sie in der Mitte des Zimmers.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Merkw\u00fcrdig,&nbsp;<\/em>dachte Ferdinand.&nbsp;<em>Warum setzt sie sich nicht einfach auf einen Stuhl?,&nbsp;<\/em>aber er fragte nicht und lie\u00df sie stehen, wo sie war. Nicht seine Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSind Sie vorangekommen?\u201c, fragte sie, \u201eich meine mit der Erforschung der Gr\u00fcnde f\u00fcr Ihr Handeln?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa und nein\u201c, antwortete Ferdinand nach einer oder zwei Sekunden des \u00dcberlegens.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas meinen Sie mit ja und nein? Wollen Sie dar\u00fcber sprechen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun, ich habe versucht, mein Leben zu erinnern. Verstehen Sie, zur\u00fcck bis in die Kindheit, aber ich konnte nichts finden, was Ausl\u00f6ser f\u00fcr meine geplante Tat h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Ich hatte nie Probleme, keine Schwierigkeiten, in keinem Alter und in keiner Lebenslage. Lief alles immer glatt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHm, nichts, wirklich nichts? Vielleicht etwas, das Sie verdr\u00e4ngt haben und deshalb f\u00fcr den Augenblick nicht erinnern k\u00f6nnen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMag sein, aber wie soll ich Ihre Frage beantworten, wenn ich, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, keine Erinnerung daran habe?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, nat\u00fcrlich k\u00f6nnen Sie das nicht. Ich meine nur, es k\u00f6nnte sein, nicht wahr?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs k\u00f6nnte sein, vieles k\u00f6nnte sein, vieles k\u00f6nnte auch nicht sein. Vielleicht wollte ich es einfach nur ausprobieren? Ob ich es tats\u00e4chlich machen w\u00fcrde, unumkehrbar, ultimativ oder mich am Ende der Mut verlie\u00dfe?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDenken Sie weiter nach! Ich komme morgen wieder.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und so vergingen die Tage. Doktor Isabella Werth besuchte ihn jeden Tag zur gleichen Zeit, blieb in der Mitte des Zimmers stehen, lie\u00df ihn reden, stellte Fragen, dann ging sie, um am n\u00e4chsten Tag wieder zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Wochen war Ferdinand nun schon hier. Er dachte tats\u00e4chlich viel nach und er lernte schnell, wie sein Gehirn funktionierte, zumindest eine Besonderheit fiel ihm auf. Je angestrengter er sich auf ein Thema konzentrierte, und glaubte, ein bestimmtes Ergebnis erzielen zu m\u00fcssen, desto weniger gelang es ihm. Es erm\u00fcdete ihn und nicht selten verlor er dann die Lust, weiter nachzudenken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dagegen war es ganz einfach, Dinge sacken zu lassen, wie er es nannte, sich anderen Themen zuzuwenden und nicht partout auf einem Resultat komplizierter Denkvorg\u00e4nge zu beharren. Und wie aus dem Nichts blitzten pl\u00f6tzlich mitten hinein in v\u00f6llig andere Denkprozesse oder auch einfach, wenn er dem s\u00fc\u00dfen Nichtstun fr\u00f6nte, Resultate aus fr\u00fcheren, abgebrochenen, abgesackten Denkvorg\u00e4ngen, gerade so, als h\u00e4tten sich Bereiche seines Gehirns v\u00f6llig unbewusst mit diesen Themen weiter besch\u00e4ftigt und f\u00e4nden es nun an der Zeit, die Ergebnisse ihrer Arbeit mitzuteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSetzen Sie sich doch!\u201c, forderte Ferdinand Isabella Werth dieses Mal auf. \u201eSie stehen da immer, wie eine Statue. Ich m\u00f6chte Ihnen etwas sagen.\u201c Und er berichtete ausf\u00fchrlich \u00fcber seine Feststellung.<\/p>\n\n\n\n<p>Isabella Werth l\u00e4chelte wissend, unterbrach Ferdinand aber mit keiner Silbe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df nun, warum ich auf die Br\u00fccke gestiegen bin, und ich werde es Ihnen erz\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe damit gerechnet, dass Sie es herausfinden werden. Sie haben sehr hart daf\u00fcr gearbeitet und ich bin gespannt &#8211; erz\u00e4hlen Sie!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs scheint banal, wenn ich es recht betrachte, aber das ist es nicht. Sehen Sie, ich habe es ins Heft geschrieben, ich habe Ihnen davon berichtet: In meinem Leben lief alles immer und immer wieder ab, wie programmiert, ohne Tadel, ohne Fehler, ohne Probleme. Ich habe den Sinn meines Lebens nicht mehr verstanden. So habe ich den Plan gefasst, meinem Leben eine neue, ultimative Richtung zu geben. Und was k\u00f6nnte ultimativer sein, als der Tod? Wenn es auch nur f\u00fcr einen unumkehrbaren Augenblick w\u00e4re, von der Br\u00fccke zu springen und nichts mehr dagegen tun zu k\u00f6nnen, das Leben hinzugeben, um es zu befreien, ja, um ihm einen neuen Sinn zu geben, den Tod.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Isabella Werth folgte den Ausf\u00fchrungen Ferdinands mit angehaltenem Atem. Niemals hatte sie bei einem ihrer Patienten so viel Emotion, so viel Wahrheit gesp\u00fcrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs bleibt noch eine Frage offen\u201c, sagte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df\u201c, entgegnete Ferdinand, \u201ew\u00fcrde ich es wieder tun?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, das ist die entscheidende Frage. Sie haben es exakt erfasst!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein! Ich w\u00fcrde es nicht wieder tun. Ich habe die Antwort auf mein Lebensziel gefunden, also gibt es keinen Grund mehr, es wiederholen zu m\u00fcssen, nicht in meiner Welt. Ich wei\u00df jetzt, dass wir zu kurz denken, wenn wir nur die vordergr\u00fcndigen, vermeintlich wichtigen Dinge betrachten. Das Leben ist mehr, viel mehr. Es zu vergeuden oder gar hinzuwerfen, den schmalen Grat zu \u00fcberschreiten, w\u00fcrde ihm nicht gerecht werden. Es bietet so viel mehr, wir m\u00fcssen es nur wollen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePacken Sie Ihre Sachen, Sie k\u00f6nnen nach Hause. Ich habe keine Sorge mehr um Sie!&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1056,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[1174,1172,1037,1173,1171],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4832"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4832"}],"version-history":[{"count":11,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4832\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4843,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4832\/revisions\/4843"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1056"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4832"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4832"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4832"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}