{"id":4863,"date":"2020-10-10T16:43:39","date_gmt":"2020-10-10T15:43:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=4863"},"modified":"2020-12-19T18:00:12","modified_gmt":"2020-12-19T17:00:12","slug":"falsches-spiel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/falsches-spiel\/","title":{"rendered":"Falsches Spiel"},"content":{"rendered":"<p><strong><u>Figuren:<\/u><\/strong><\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u>Wechselhuber Andreas \u2013 der Hundsfott<\/p>\n<p>Primelmeier Notburga \u2013 die Dorfpomeranze<\/p>\n<p>\u00dcberall auf der Welt gibt es Leute, die es besser wissen. Wenn sie es jedoch nach au\u00dfen kehren, trifft sie nicht selten der Spot der anderen.<\/p>\n<p><em>Wer hat es gesagt? <\/em><\/p>\n<p><em>Nat\u00fcrlich der Klugschei\u00dfer<\/em>!<\/p>\n<p>Und wenn dem so ist, erf\u00e4hrt das Gesagte meist keine besondere Wertsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Der Wechselhuber Andreas war so einer. Allerding weniger in der Rubrik <em>Gscheidhaferl<\/em> oder <em>Klugschei\u00dfer<\/em>, wie man hierzulande auch sagt, als vielmehr mit dem Makel eines Hundsfotts versehen, was aber in der Wertsch\u00e4tzung eher noch schlechter wegkommt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Was ist geschehen?<\/p>\n<p>Im Gesch\u00e4ft der Primelmeiers kaufen die Leute die Waren des t\u00e4glichen Bedarfs und mehr. Und weil das schon sehr, sehr viele Jahre der Fall ist, um genau zu sein, bereits der Gro\u00dfvater und der Urgro\u00dfvater dieses Gesch\u00e4ft betrieben hatten, vielleicht sogar schon davor, ist die Familie Primelmeier zu betr\u00e4chtlichem Wohlstand gelangt.<\/p>\n<p>Aber nicht nur dieser Umstand hie\u00df die Herren ehrf\u00fcrchtig den Hut l\u00fcften, wenn es sich des sonntags beim Kirchgang schickte, dass ihr Weg sich mit dem der Primelmeiers kreuzte. Auch wenn sie es nicht eingestanden, war der eigentliche Grund f\u00fcr ihr ehrerbietiges Verhalten eher das Fr\u00e4ulein Tochter, die selbstverst\u00e4ndlich, wie alle unverheirateten T\u00f6chter, die Eltern zur Messe begleitete.<\/p>\n<p>Die Primelmeier Notburga allerdings, das muss der Vollst\u00e4ndigkeit halber erw\u00e4hnt werden, war nicht blo\u00df irgendeine Tochter, sie war schlicht die Sch\u00f6nste und die Bezauberndste im ganzen Gau. Und es gab nicht einen der Heiratsf\u00e4higen und so manch anderen des m\u00e4nnlichen Balzvolkes, der sie nicht gerne zur Frau gehabt h\u00e4tte. F\u00fcr die zuletzt genannten allerdings war der Zug abgefahren, weil sie entweder schon anderweitig vergeben oder zu alt oder nicht dem gesellschaftlichen Niveau der Primelmeiers entsprachen.<\/p>\n<p>Und genau das wiederum wurmte den Wechselhuber Andreas m\u00e4chtig. Nicht dass er als Mann unansehnlich gewesen w\u00e4re, aber mehr als der Durchschnitt der Burschen hergab, war auch bei ihm nicht auszumachen. Und weil das Geld halt irgendwie immer eine gewisse Rolle spielt, war es um seine Karten auch diesbez\u00fcglich nicht gut bestellt. Die bescheidene Landwirtschaft der Eltern ern\u00e4hrte alle zwar redlich und ausk\u00f6mmlich, konnte jedoch mit den H\u00f6fen so mancher Nachbarn nicht Schritt halten.<\/p>\n<p>Alles in allem eine missliche Lage&#8230;, f\u00fcr den Andreas.<\/p>\n<p>Und so kam es nicht von ungef\u00e4hr, dass Notburga nach und nach zun\u00e4chst von wenigen und schlie\u00dflich von den meisten als<em> Pomeranze<\/em> bezeichnet wurde.<\/p>\n<p>Das war beleidigend, wie Notburga fand, der nat\u00fcrlich das Getuschel nicht verborgen geblieben war. Sie war alles, aber eine Pomeranze sicher nicht.\u00a0<em>Der Begriff bezeichnete M\u00e4dchen vom Land, die jung und unbedarft waren und deren er\u00f6tete Wangen an die Farbe reifer Pomeranzen, also Bitterorangen, erinnerten.<\/em> So oder so \u00e4hnlich hatte sie dar\u00fcber gelesen.<\/p>\n<p>Und selbstverst\u00e4ndlich griffen die Abgeblitzten und die noch nicht einmal in Ihre N\u00e4he Gelangten begierig nach jeglicher Schm\u00e4hung und scheuten sich nicht, k\u00fcbelweise Dreck \u00fcber sie auszukippen.<\/p>\n<p>Obwohl von Andreas eingef\u00e4delt, n\u00fctze ihm die Initiative nichts. Im Gegenteil. War er bisher schon nicht n\u00e4her an Notburga herangekommen, so war es jetzt nahezu unm\u00f6glich. Notburga zog sich n\u00e4mlich zur\u00fcck und mied jegliche \u00d6rtlichkeiten des gemeinen Volkes, wie sie es nannte.<\/p>\n<p><em>Dann muss es halt anders gehen, <\/em>sagte sich Andreas und fing an, dar\u00fcber zu gr\u00fcbeln.<\/p>\n<p>Und schon bald wurden an den Stammtischen die absonderlichsten Geschichten erz\u00e4hlt. Notburga habe dieses und jenes getan oder Notburga sei in allerlei verwickelt und \u00fcberhaupt sei sie gar keine Hiesige, weil schon die Mutter nicht von hier sei und erst der Vater&#8230;<\/p>\n<p>Das war der Punkt, an dem Notburga schlie\u00dflich der Kragen platzte und sie beschloss, der Ursache all dieser Diffamierungen auf den Grund zu gehen. Und so wurde sie mit Andreas Wechselhuber bekannt. Nat\u00fcrlich nicht einfach so per Zufall, sondern durch Vermittlung seiner Hochw\u00fcrden, des Herrn Pfarrers.<\/p>\n<p>Wie auch anderen Orts, z\u00e4hlte der Pfarrer zu den Honoratioren des l\u00e4ndlichen Lebens. Und in diesem besonderen Fall hatte der geistliche W\u00fcrdentr\u00e4ger nicht die Spur von Bedenken, als er Notburga auf ihre dr\u00e4ngenden Fragen hin ungeniert Andreas als den Mann benannte, der \u00fcber alles Bescheid w\u00fcsste. Dazu muss man wissen, dass die Primelmeiers zum einen zu den Spendablen in der Gemeinde geh\u00f6rten und, auch das darf nicht unter den Teppich gekehrt werden, zum anderen der Herr Pfarrer entgegen aller Gel\u00f6bnisse gerne ein Auge auf die weiblichen Reize der feschen Tochter warf. Es war ihm auch bewusst, dass er es diesbez\u00fcglich mit der Beichte seiner S\u00fcnden nicht so genau nahm und Notburga des n\u00e4chtens gerne durch seine Traumwelt geisterte.<\/p>\n<p><em>Wie kommst grad auf mich?, <\/em>wollte Andreas wissen, als Notburga ihn am Sonntag nach der Messe rundheraus ansprach.<\/p>\n<p><em>Der Hochw\u00fcrden meinte, du wei\u00dft alles oder kannst zumindest herausfinden, was es mit dem sch\u00e4ndlichen Geschw\u00e4tz auf sich hat.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>Ja, ja, <\/em>erwiderte der Andreas bed\u00e4chtig und wiegte sein Haupt grad so, als w\u00fcrde er selbstverst\u00e4ndlich aufs \u00c4u\u00dferste missbilligen, was da so an Schmutz und L\u00fcgen im Umlauf war. <em>Eine Schande ist\u2018s, <\/em>f\u00fcgte er noch an, zog dabei die Stirn in tiefe Falten und verengte die Augen zu messerscharfen Schlitzen, was h\u00f6chste Konzentration des Nachdenkens signalisieren sollte.<\/p>\n<p>Notburga war beeindruckt und wagte es nicht, den Andreas bei seiner offensichtlichen Gedankenarbeit zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mit einem langegezogenen Zischen lie\u00df Andreas schlie\u00dflich die angehaltene Luft entweichen, n\u00e4mlich bevor ihm schwindelig geworden w\u00e4re, was aber Notburga nat\u00fcrlich nicht wissen konnte, und sagte schwergewichtig: <em>Ich w\u00fcsste eine L\u00f6sung, aber nicht hier. Sagen wir heut\u2018 Nachmittag bei der Kuchenresi.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Die <em>Kuchenresi<\/em> war ein gern besuchtes Caf\u00e9. Und so war es kein Wunder, dass Andreas Rechnung in diesem Punkt vollends aufging. Blitzschnell wusste es jeder im Ort: Der Andreas und die Notburga waren nachmittags bei der Resi gewesen.<\/p>\n<p>Und wenn zwei junge Leut\u2018 sich treffen, kann das ja nur eines bedeuten&#8230; So entstehen neue Ger\u00fcchte und die Nahrung hierf\u00fcr gab es gratis.<\/p>\n<p>Nachdenklich ging Notburga in ihrem Zimmer auf und ab. Der Andreas hatte zwei Burschen genannt, von denen er geh\u00f6rt habe, dass sie in ein Komplott gegen sie verstrickt w\u00e4ren, dessen Ursache sie selbst sei, weil sie die beiden habe abblitzen lassen. Notburga kannte die beiden sehr gut und mochte sich nicht vorstellen, dass dies stimmen sollte.<\/p>\n<p>Kurzerhand griff Notburga zum Handy. Sie war impulsiv und wenn so manches Abtr\u00e4gliche \u00fcber sie genau damit hausierte, so stimmte zumindest der Tenor.<\/p>\n<p><em>Notburga, du kennst uns. Traust du uns diesen Dreck wirklich zu?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Das war der Punkt. Nicht bei der Kuchenresi, sondern ganz einfach bei sich zuhause hatte sie mit den beiden eine Unterredung gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dieser Hundsfott Andreas! Notburga begann, sein mieses Spiel zu durchschauen. <em>Pass auf, du Drecksack, das kannst du haben, aber zu meinen Bedingungen!, <\/em>murmelte sie aufgebracht.<\/p>\n<p>Am folgenden Samstagabend dr\u00e4ngte Notburga ins <em>Biwak<\/em>, ein angesagter Diskoschuppen, nicht oberstes Level, mit T\u00fcrsteher und so, aber doch schon mehr als etwa nur der Saal eines Gasthofes.<\/p>\n<p>Nur wenige Minuten sp\u00e4ter sah man auch den Andreas, im Schlepp die Hofzeller Elisabeth, welche bekannterweise seine derzeitige Freundin war. Eng schmiegte sie sich an ihn, um ja bei dem umstehenden Frauenvolk keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen zu lassen.<\/p>\n<p>Es brauchte nicht viel und die Stimmung schoss auf den Siedepunkt zu. Hits und Nichthits, je nach Gusto, heizten das Jungvolk auf und der geh\u00f6rig flie\u00dfende Alkohol jeglicher Sorte tat das seine und sorgte f\u00fcr rote und schwitzende Gesichter. Bei manchen der Damen konnte leider schon bald das gew\u00e4hlte Makeup mit den Anforderungen dieses ausgelassenen Treibens nicht konkurrieren und zeichnete ungew\u00fcnschte Spuren in die an sich nicht unansehnlichen Gesichter.<\/p>\n<p><em>Ja, h\u00e4i, Andreas!; <\/em>pl\u00e4rrte es unverhofft in des so genannten Geh\u00f6r.<\/p>\n<p>Andreas\u2018 alkoholgef\u00e4rbte Wangen verloren schlagartig jede Ausstrahlung und st\u00fcrzten augenblicklich ab in ein fahles Blass, als er realisierte, wer ihn das so unverbl\u00fcmt angegangen war.<\/p>\n<p><em>Ah, die&#8230;, du&#8230;, Notburga?, <\/em>stotterte er fragend, obgleich eine Verwechslung kaum m\u00f6glich gewesen war.<\/p>\n<p><em>Ja, ich bin\u2019s<\/em>. <em>Wolltest du mich nicht zuhause abholen?, <\/em>f\u00fcgte Notburga mit einem unversch\u00e4mt versch\u00e4mten Blick hinzu, der an Eindeutigkeit nichts offen lie\u00df. <em>Aber ich seh\u2018 schon, bist ja bereits in Begleitung. Magst uns ned vorstellen?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>Ja, eh&#8230;, d\u2018 Elisabeth. Eine Bekann&#8230;., Freundin, <\/em>korrigierte er sich noch schnell, aber den sensibilisierten Sinnen Elisabeths waren die Feinheiten nicht entgangen.<\/p>\n<p><em>Nicht eine Freundin, sondern seine&#8230;, jedenfalls bis grad eben noch!, <\/em>erg\u00e4nzte Elisabeth die verungl\u00fcckte Vorstellung. <em>Und wer bist nachat du?<\/em><\/p>\n<p><em>I bin die Notburga und hab\u2018 eigentlich g\u2019meint, er t\u00e4t mit mir heut ausgehn. Aber wie es scheint, is er halt a blo\u00df so a Hallodri, wie a Dutzend andere. Mit mir geht des eh ned. So an Kasperl wie eam, k\u00f6nnt ich an jeder Hand zehne ham, verstehst?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Elisabeth verstand und bevor Andreas sich\u2018s versah, klatschte ihm die flache Hand der (jetzt) Ehemaligen mitten ins Gesicht. <em>Damit\u2018st no a Andenken hast, du Gischpi. Schleich di und lass di bei mia nimma blicken!<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Grad als er sich schon aus dem Staub machen wollte, ereilte ihn noch Notburgas Ratschlag: <em>Und kipp koan Dreck mehr \u00fcber mi aus, sonst wird\u2019s noch h\u00e4rter&#8230;, f\u00fcr dich!<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Es bleibt noch zu erw\u00e4hnen, dass alle im Biwak den unr\u00fchmlichen Abgang des Andreas mitbekommen haben. F\u00fcr eine kurze Weile stoppte der DJ n\u00e4mlich seine schwulstigen Hits und meinte: <em>Pfundig, heut r\u00fchrt sich was!<\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: H.K.Reiter\/Autor<\/span><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4865,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352,1113],"tags":[1127,1181,1112,796,1179,797,1180],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4863"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4863"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4863\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4866,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4863\/revisions\/4866"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4865"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4863"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4863"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4863"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}