{"id":4870,"date":"2020-12-19T17:57:03","date_gmt":"2020-12-19T16:57:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=4870"},"modified":"2021-05-22T17:48:06","modified_gmt":"2021-05-22T16:48:06","slug":"einsicht-episode-zu-weihnacht-2020","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/einsicht-episode-zu-weihnacht-2020\/","title":{"rendered":"Einsicht &#8211; Episode zu Weihnacht 2020"},"content":{"rendered":"<p>Einzelne Schneeflocken verfangen sich im schlohwei\u00dfen Bart und augenblicklich formen die Eiskristalle bizarre Strukturen im gekr\u00e4uselten Haar.<\/p>\n<p>M\u00fcde blicken die w\u00e4ssrigen Augen hinab. Eine Hand noch an der beiseite geschobenen Gardine, aber da ist nichts. Die Stra\u00dfe, der angrenzende mit Str\u00e4uchern bewachsene Platz, leer. Keine Menschenseele. Nicht einmal der Nachbar aus dem \u00fcbern\u00e4chsten Haus, der sonst immer mit seinem Dackel unterwegs ist \u2013 wie ausgestorben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Kalte Luft dr\u00e4ng herein. Der Alte schlie\u00dft das Fenster, verweilt noch einen Augenblick, geht schlie\u00dflich die paar Schritte durchs Zimmer zu einem Sessel, davor ein winziges Tischchen, darauf ein Teller mit Lebkuchen und etwas Weihnachtsgeb\u00e4ck.<\/p>\n<p>Die Kinder von gegen\u00fcber haben es ihm heute Vormittag gebracht, liebevoll verpack in einer T\u00fcte mit Weihnachtsmotiven.<\/p>\n<p>\u201eEs geht eben dieses Jahr nicht\u201c, hatte ihn sein Sohn vor einigen Tagen angerufen. Und seine Tochter kam schon lange nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig. Wie auch, lebte sie mit Ihrer Familie doch fernab irgendwo im Osten.<\/p>\n<p>Ihn fragte niemand, ob er trotz all dieser Einschr\u00e4nkungen gerne einen Besuch gehabt h\u00e4tte. Wenn er ganz ehrlich zu sich war, dann wusste er es selbst nicht, jedenfalls nicht im Augenblick.<br \/>\nNat\u00fcrlich verfolgte er im Fernsehen die verschiedenen Nachrichten und Kommentare. Die ganze Welt schien verr\u00fcckt zu sein. Heimt\u00fcckisch diese Krankheit!<\/p>\n<p>Zum Ende des Krieges war er gerade dreizehn gewesen und an manches konnte er sich noch sehr genau erinnern. Sirenen heulten und die Mutter zog ihn hurtig in den Keller. Und oft war die Umgebung nachher verw\u00fcstet. H\u00e4user brannten, Leute liefen schreiend umher, gelegentlich bem\u00fchte sich die Feuerwehr zu retten, was nicht mehr zu retten war. Soldaten der nahen Kaserne halfen so gut sie es vermochten, aber meist vergeblich. Da und dort ein Schutthaufen mehr, aus dem M\u00f6belteile und anderer Tand hervorragten.<\/p>\n<p>Heimt\u00fcckisch! Ja, das war es gewesen, heimt\u00fcckisch, weil niemand etwas dagegen tun konnte. Es kam einfach. Flieger, Bomben, Feuer, Tot, aus!<\/p>\n<p>Politisch hatte er damals nat\u00fcrlich nicht gedacht. Der Vater war im Krieg, irgendwo, sie wussten es nicht einmal genau. Manchmal, wenn einer auf Heimaturlaub war, und Gr\u00fc\u00dfe ausrichtete, erfuhren sie ein wenig mehr.<\/p>\n<p>Heute waren die Umst\u00e4nde andere. Jedoch wieder war er, waren alle bedroht. Und man konnte nichts machen, es war eben da. <em>Na ja, ein wenig vielleicht doch<\/em>, dachte er. <em>Die Regeln befolgen, <\/em>aber das tat er ja ohnehin. Und trotzdem empfand er es als ein Ausgeliefert sein, bar einer Chance auf reale Gegenwehr. <em>Du kannst nicht gegen etwas \u00a0k\u00e4mpfen, das du nicht siehst. <\/em>Er, in seinem Alter, ohnehin nicht.<\/p>\n<p>Einen Vorteil sah er allerdings schon bei sich. Einsicht! Er besa\u00df Einsicht. Er verstand die Gef\u00e4hrlichkeit und er verstand, dass nur wenig wirksamer Schutz zur Verf\u00fcgung stand. Keine Medikamente, kein Impfstoff, eine fatale Lage.<\/p>\n<p>Dann gab es die anderen. Sie waren dagegen, sagten, diese Bedrohung g\u00e4be es gar nicht, sei alles nur Erfindung, um das Volk gef\u00fcgig zu machen, dem Staat als quasi Sklaven unterzuordnen. Andere meinten, obskure nicht n\u00e4her bezeichnete M\u00e4chte st\u00fcnden dahinter oder sogar einzelne Personen, die nach der Weltherrschaft strebten. Und sie sagten, wir lebten in einer Diktatur. In einer Diktatur?<\/p>\n<p>Sie besa\u00dfen keine Einsicht, leider, wie er meinte. Sie wissen noch nicht einmal, was eine Diktatur ist, haben sich nicht kundig gemacht und lallen nach, was ihnen ihre Messiasse vorpl\u00e4rren. Skandieren, sie seien das Volk!<\/p>\n<p>Bl\u00f6dsinn! Sie geh\u00f6ren dazu, aber sie sind nicht <u>das<\/u> Volk. Da sollten sie mal ein Buch zur Hand nehmen und nachlesen, was ein Volk ist. Philosophisch oder staatsrechtlich betrachtet, sie erf\u00fcllen keine der Bedingungen. Und schon gar nicht diese Reichsb\u00fcrger und ihre Sympathisanten. Was soll das denn f\u00fcr ein verquerer Unsinn sein. Alle Annehmlichkeiten des Staates, den es ihrer Ansicht nach gar nicht gab, in Anspruch zu nehmen, um dann zu reklamieren, dass man dieses System nicht akzeptiere und nicht anerkenne. Das verstehe, wer will.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich, so res\u00fcmierte er, k\u00f6nne doch jedermann dieses Land verlassen und sich nach freier Entscheidung hinbegeben, wo die Verh\u00e4ltnisse seinen Vorstellungen idealer oder besser entsprachen. Tut er es nicht, darf er nicht erwarten, der Staat w\u00fcrde seine umst\u00fcrzlerische Gesinnung guthei\u00dfen. Das will die Mehrheit dieser Gesellschaft nicht und \u00fcbrigens auch das Grundgesetzt nicht.<\/p>\n<p>Der alte Mann gr\u00fcbelte und Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Seine Frau, ja, da war es ihm so ergangen wie vielen anderen auch. Irgendwann hatten sie sich getrennt und er hatte keinen neuen Anschluss mehr gefunden oder auch nicht gesucht. Freunde oder gute Bekannte hatte er schon, manche davon j\u00fcnger, \u00e4ltere aber logisch kaum. Wahrscheinlich sa\u00dfen sie heute zuhause, hatten Besuch bekommen von den Kindern oder Verwandten, manche blieben vielleicht auch alleine wie er.<\/p>\n<p>Zu ihm war niemand gekommen. Ehrlich, gew\u00fcnscht h\u00e4tte er es sich schon. Nicht wegen Weihnachten oder doch, ein wenig auch deshalb, sondern einfach nur, weil es sch\u00f6n war, hin und wieder mit jemandem zu reden, nicht nur Floskeln beim Einkaufen auszutauschen.<\/p>\n<p>Vielleicht war es f\u00fcr viele gar nicht mal so \u00fcbel, wenn sie in diesem Jahr keinen oder nur wenig Besuch bekamen. Gab es nicht gerade an Weihnachten best\u00e4ndig Streit aus \u00a0nichtigem Grund?<\/p>\n<p>Er wollte nicht einmal \u00fcber Weihnachten herziehen, es war ihm nur so in den Sinn gekommen.<\/p>\n<p>Was machst du alleine heute Abend?<\/p>\n<p>Keine Geschenke, keine aufmunternden Worte, niemand, der sich ein paar Stunden f\u00fcr dich Zeit nehmen wird!<\/p>\n<p><em>Geschenke? <\/em>War es nicht oft der blanke Unsinn, um es freundlich auszudr\u00fccken, was sich da so hinter dem Geschenkpapier verbarg?<\/p>\n<p>Egal, trotzdem war es immer irgendwie ein prickelndes Gef\u00fchl gewesen. Ja, gewesen! Die Zeit vergeht und in diesem Jahr ist es eben anders. Damit m\u00fcssen sich alle abfinden oder zurechtfinden, sich arrangieren. Im n\u00e4chsten Jahr&#8230;<\/p>\n<p>Das Buch entgleitet den H\u00e4nden des alten Mannes<em>, <\/em>sein Kopf sinkt auf die Brust. Er h\u00f6rt die Glocke an der T\u00fcre nicht mehr: ding, ding, dong&#8230;ding, ding, dong&#8230;<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Hans K. Reiter<\/span><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4872,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[1184,1183,1186,1182,924,1185,795],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4870"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4870"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4870\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4873,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4870\/revisions\/4873"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4872"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4870"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4870"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4870"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}