{"id":4874,"date":"2021-05-22T18:07:09","date_gmt":"2021-05-22T17:07:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=4874"},"modified":"2023-03-15T22:30:47","modified_gmt":"2023-03-15T21:30:47","slug":"der-anlass","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/der-anlass\/","title":{"rendered":"Der Anlass"},"content":{"rendered":"\n<p>Der abgekaute Stummel des Stiftes entgleitet seinen kraftlosen Fingern. Der Kopf sinkt zur Seite, dann Ruhe, kein Atemzug, einfach nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Unten im Dorf kommt ein Suchtrupp zusammen \u2013 Bergwacht, Bergsteiger und Menschen, die einfach ihre Hilfe anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hotel herrscht Aufregung. Seit zwei Tagen hat man nichts mehr von ihm geh\u00f6rt. Niemand hat ihn gesehen, niemand wei\u00df etwas.<\/p>\n\n\n\n<p>Und inmitten der Unruhe eine junge Frau. \u201eVeronika\u201c, hatte sie sich vorgestellt. \u201eMein Vater muss hier sein. Er hat mir geschrieben, mich gebeten, herzukommen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In jedem Jahr suchen sie nach abg\u00e4ngigen Touristen, die schlecht ausger\u00fcstet in diese bizarre Welt aufbrechen und herausfordern, was sie besser gelassen h\u00e4tten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hubschrauber landet.&nbsp;<em>Bergwacht,&nbsp;<\/em>weithin leuchtet das Signalrot des Schriftzugs, als wollte er rufen: Bleibt zur\u00fcck, geht nicht!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sie gehen. Sie gehen immer wieder und viele kehren nur als Tote wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Personen in den roten Overalls der Bergwacht eilen auf den Heli zu. Andere gehen hin\u00fcber ins Lagezentrum und manche einfach nach Hause. Nur Leute, die wissen, was jetzt zu tun ist, bleiben zur\u00fcck, f\u00fcr andere ist nicht die Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das dumpfe Knattern des Rotors erf\u00fcllt das Tal, zieht entlang der Bergketten und verliert sich oben im weiten Nichts des blauen Himmels. Angestrengt beobachten die Insassen die vorbeifliegende Landschaft. Jeder hat seine eigene Methode, das Terrain zu scannen. Die \u00c4rztin \u00fcberpr\u00fcft den Rettungskoffer. Alles Lebensnotwendige ist verstaut. Mehr als einhundert Eins\u00e4tze, ein Gedanke setzt sich fest: Werden wir ihn finden, &#8230;rechtzeitig finden?<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht dem Mai entgegen. Die h\u00f6heren Lagen sind noch fest im Griff unnachgiebiger Schneemassen. Unter 1500 Metern verliert sich das Wei\u00df, bis schlie\u00dflich im Tal nichts mehr davon \u00fcbriggeblieben ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch meine, der Mann ist Schriftsteller, warum krabbelt er hier oben herum, ausgerechnet jetzt, um diese Jahreszeit?\u201c, brummt einer der M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stieren sie wieder in die Tiefe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa! Rechts gegen f\u00fcnfzehn Uhr, ein abgel\u00f6stes Schneebrett. Ich geh\u2018 n\u00e4her ran!\u201c Routiniert zieht der Pilot den Heli in die angezeigte Richtung, um dann die Maschine unvermittelt nach unten zu dr\u00fccken. \u201eStrengt euch an! Schaut nach dem kleinsten Hinweis!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist kein Hinweis. So sehr sie es auch w\u00fcnschten, jeden Zentimeter auf das Genaueste abtastend, da ist nichts, au\u00dfer Schnee, blanker Schnee, keine Spuren irgendwelcher Art.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Heli zieht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Lagezentrum haben sie mittlerweile eine riesige Karte an die Wand geheftet. \u201eMa\u00dfstab eins zu zwanzigtausend, da ist beinahe jeder Grashalm drauf!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNiemand kann sagen, wann der Mann aufgebrochen ist, wohin oder in welche Richtung.\u201c, erkl\u00e4rte der Einsatzleiter. \u201eAusger\u00fcstet d\u00fcrfte er sein, jedenfalls hat man im Zimmer des Hotels weder Stiefel, Anorak noch Rucksack vorgefunden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Veronika, die Tochter, l\u00e4uft hin und her, wei\u00df nichts mit sich anzufangen, versteht aber, dass sie hier keinen Beitrag leisten kann. Obwohl es ihren Vater betrifft, wei\u00df sie viel zu wenig \u00fcber ihn. Er schreibt B\u00fccher, Romane, Thriller und dazu zieht es ihn oft an die eigenartigsten Orte, in die entlegensten Gegenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Eingebung! Veronika w\u00e4hlt die Nummer des Verlages, der die B\u00fccher ihres Vaters verlegt. Endlich hat sie die richtige Frau in der Leitung. \u201eSagen Sie, woran arbeitet mein Vater gerade?\u201c Sekunden verstreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWieso, was ist&#8230;, weshalb fragen Sie?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit wenigen Worten erkl\u00e4rt Veronika die Situation. \u201eIch will wissen, ob uns sein neues Buch einen Hinweis geben k\u00f6nnte, das ist alles. Entschuldigung, einen Hinweis, meine ich, wo er sein k\u00f6nnte, was er in den Bergen gesucht hat?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Veronika nickt, h\u00f6rt aufmerksam zu, greift einen Block, macht Notizen. \u201eDanke, ich melde mich, sobald ich mehr wei\u00df!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Einsatzleiter kommt her\u00fcber, Veronikas Gespr\u00e4ch ist ihm nicht entgangen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6ren Sie, der Verlag sagte etwas von einem Roman, der in den letzten Kriegstagen spielt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, und, weiter, wir sind ganz Ohr, erz\u00e4hlen Sie!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend dessen umrundet der Heli das Gebiet um das Schneebrett, erst enge Kreise, dann weitere und so fort. Keine Spur!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir drehen ab, tanken, kurze Lagebesprechung in der Zentrale, dann sehen wir weiter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fchsam murmelt der Mann ein paar unverst\u00e4ndliche Worte. Aber da ist niemand, der ihn h\u00f6ren k\u00f6nnte. Mit \u00e4u\u00dferster Anstrengung und Konzentration gelingt es ihm, mit zwei Fingern den Stift zu greifen und nach mehreren Versuchen im Anorak zu verstauen. Der linke Kn\u00f6chel ist heftig angeschwollen. H\u00f6llischer Schmerz bei jeder noch so geringen Bewegung. Warum war er hierhergekommen? Wo war er \u00fcberhaupt?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarten Sie, der Hubschrauber landet gerade. Erz\u00e4hlen Sie uns Ihre Geschichte, sobald die anderen bei uns sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Vater arbeitet an einer Geschichte, die sich in den letzten Kriegstagen zugetragen haben soll. Ein \u00f6rtlicher Parteifunktion\u00e4r soll Gegenst\u00e4nde von erheblichem Wert bei Seite geschafft und in einer H\u00f6hle oberhalb des Dorfes versteckt haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Burgensteiner H\u00f6hle!\u201c, ruft jemand dazwischen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Burgensteiner H\u00f6hle?\u201c, fragt der Einsatzleiter achselzuckend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, mein Gro\u00dfvater hatte immer wieder davon erz\u00e4hlt. Von den \u00c4lteren im Dorf kennt diese Geschichte jeder. Soviel ich wei\u00df, waren schon oft Leute oben, haben alles umgest\u00fclpt, aber nie etwas entdeckt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der Anwesenden markierte den gesuchten Ort auf der Karte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist dort, wo wir gerade herkommen, ein paar Meter hin oder her. Dann starten wir am besten gleich nochmal, bevor es zu dunkel wird!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pilot, gefolgt vom Einsatzleiter, der \u00c4rztin und zwei weiteren M\u00e4nnern verlassen die Leitstelle. Der dumpfe Knall des Rotors erf\u00fcllt das Dorf, als der Hubschrauber abhebt und den besorgten Blicken der zur\u00fcckgebliebenen Leute entschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist dunkel. Selbst wenn er die Z\u00e4hne zusammenbei\u00dft, den Schmerz ignoriert, w\u00fcrde er nur Unleserliches aufs Papier bringen.&nbsp;<em>Trotzdem<\/em>,&nbsp;<em>du musst ein paar Zeilen hinterlassen,&nbsp;<\/em>insistiert sein Gehirn.&nbsp;<em>Hinterlassen? Bin ich schon am Ende, erledigt? Noch nicht! Sie werden dich finden, aber dann bist du vielleicht schon tot. Denk realistisch! Mach dir nichts vor!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eN\u00e4her kommen wir nicht ran. Es w\u00e4re zu riskant, wegen des Rotors. Ihr seht die Felswand dort?\u201c Bed\u00e4chtig setzt der Hubschrauber auf, der Motor verstummt, noch ein zwei Uml\u00e4ufe, dann Stille.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDort dr\u00fcben unter dem Schneefeld soll der Zugang zur H\u00f6hle liegen, aber ehrlich gesagt, sehe ich nicht, wie wir paar Leute es schaffen wollen. Die Lawine hat alles versch\u00fcttet und einfach blind dahinstochern bringt nichts!\u201c, meinte der Einsatzleiter. \u201eWir brauchen jemanden, der die Gegend gut kennt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Blick auf die Uhr. \u201eL\u00e4nger als eine Stunde, vielleicht eineinviertel, dann m\u00fcssen wir zur\u00fcck!\u201c, sagt der Pilot bestimmt. \u201eOhne Sicht geht hier nichts, tut mir leid.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOkay, verstanden. Wir stellen die Suche f\u00fcr heute ein und sehen zu, dass wir jemanden auftreiben, der sich hier auskennt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Niemandem gef\u00e4llt diese Entscheidung, aber die Vernunft siegt und der Pilot soll sie schlie\u00dflich wieder heil nach unten bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Streichh\u00f6lzer, kein Feuerzeug, zuhause vergessen, aber eine Taschenlampe, im Rucksack! Er hat ihn nicht, weggerissen. Er erinnert sich. Pl\u00f6tzlich, Bruchteile von Sekunden nur, eine gewaltige Druckwelle, unkontrolliert, erfasst ihn, schleudert ihn in die H\u00f6hle. Die H\u00f6hle, ein Schimmer von Hoffnung, er kennt sie in- und auswendig, ihre Verzweigungen, Zu- und Ausg\u00e4nge. Aber sein Fu\u00df, die Schmerzen!&nbsp;<em>Du kommst hier nicht weg \u2013 gefangen, ohne Hoffnung!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch morgens, sobald der Hubschrauber starten kann, sind sie wieder oben, begleitet von einem Ortskundigen aus dem Dorf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSehen Sie, dort, der Zugang ist unterhalb des Massivs. Wie ich es sehe, sind das wenigsten drei Meter Schnee, die wir erst wegr\u00e4umen m\u00fcssen. Drei Meter, vielleicht sogar mehr, wie sollen wir das per Hand schaffen? Unm\u00f6glich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMaschinen bekommen wir jetzt nicht herauf und einsetzen k\u00f6nnten wir sie ohnehin nicht, wie auch?\u201c, meinte der Einsatzleiter und dr\u00fcckte am Funkger\u00e4t die W\u00e4hltaste der Leitstelle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir brauchen dringend Unterst\u00fctzung. Fragt bei den Gebirgsj\u00e4gern nach, sie sollen einen Trupp M\u00e4nner mit Bergungsger\u00e4t hochfliegen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Er sieht nichts, Durst schn\u00fcrt ihm die Kehle zu.&nbsp;<em>Ich muss den Rucksack haben!&nbsp;<\/em>Er wei\u00df nicht, wie lange er zwischendurch vor Ersch\u00f6pfung eingenickt war. Jedes Zeitgef\u00fchl ist verloren. Die Schmerzen gleichbleibend, irgendwie monoton, ein Teil seines K\u00f6rpers geworden. Er zieht den G\u00fcrtel aus dem Hosenbund. Mehrere Anl\u00e4ufe, dann schafft er es, den Kn\u00f6chel zu stabilisieren. Eine Tortur, aber es muss sein, der Rucksack!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a0&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHauptmann Eisenbichler mit zehn Mann,\u201c Die Gebirgsj\u00e4ger waren schnell vor Ort. \u201eWir brauchen auf jeden Fall Spundw\u00e4nde, um nachrutschenden Schnee zu verhindern, wenn wir graben.\u201c Der Hauptmann erteilt Anweisungen an den Piloten und telefoniert mit seinem Bataillon. \u201eUnd schafft noch weitere M\u00e4nner hoch, je mehr desto besser!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Soldaten arbeiten routiniert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein halber Meter, ein Meter, kr\u00e4ftezehrend. \u201eWir m\u00fcssen n\u00e4her an die Felswand heran!\u201c Schicht um Schicht gibt das eisige Element nach, Spundw\u00e4nde werden gesetzt und mit Querst\u00fctzen gesichert. Die Felswand r\u00fcckt n\u00e4her!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Er h\u00e4tte nicht geglaubt, dass es funktioniert, aber es gelingt. Seiner Erinnerung nach kann er den H\u00f6hlenboden gefahrlos absuchen, gef\u00e4hrliche Abgr\u00fcnde und Spalten sind im vorderen Teil der H\u00f6hle nicht zu erwarten. Tastend robbt er schlie\u00dflich am Boden entlang, erst nach links, dann nach rechts uns so fort. Der Rucksack muss schlie\u00dflich irgendwo liegen. Taschenlampe, Verpflegung und Wasser, \u00fcberlebenswichtige Sch\u00e4tze, er muss ihn finden!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Meter f\u00fcr Meter ist abgetragen. Die M\u00e4nner atmen schwer, Pausen sind einzulegen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielleicht zwei bis drei Meter nach rechts, dann sollten wir es geschafft haben\u201c, sagt der Mann aus dem Dorf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit verrinnt unbarmherzig, ohne R\u00fccksicht auf die Situation.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDrei\u00dfig Minuten noch, dann m\u00fcssten wir f\u00fcr heute abbrechen!\u201c Hauptmann Eisenbichler und der Einsatzleiter der Bergwacht sind sich einig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs sei denn, wir biwakieren und arbeiten mit Scheinwerfern weiter. Was meinen Sie? Wie ist die Wettervorhersage f\u00fcr heute Nacht?\u201c, fragt Eisenbichler.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gebirgsj\u00e4ger fliegen das ben\u00f6tigte Material nach oben. Alle bleiben. Der Hauptmann teilt die Mannschaft in Schichten ein. Mannschaftszelte stehen, Dieselaggregate liefern Strom und Heizung, das grelle Licht der Scheinwerfer ist bis hinunter ins Tal auszumachen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann in der H\u00f6hle wei\u00df davon nichts. Er wei\u00df auch nicht, wieviel Zeit die bisher erfolglose Suche nach dem Rucksack gekostet hat. Ersch\u00f6pfung zerm\u00fcrbt ihn, raubt ihm die notwendige Kraft. Es geht nicht mehr! Noch ein letzter Meter und noch einer. Schwer atmend m\u00fcht er sich noch eine Strecke ab, dann ist Schluss. Keuchend bleibt er liegen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben den Eingang!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die anf\u00e4ngliche Euphorie ist schnell getr\u00fcbt, als die M\u00e4nner feststellen, dass der dieser vollst\u00e4ndig versch\u00fcttet ist. \u201eWeitergraben, es gibt keine Alternative!\u201c, spornt Eisenbichler seine M\u00e4nner an.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Gier nach Wasser! Die Schmerzen, unertr\u00e4glich!\u00a0<em>Du wirst es nicht schaffen,\u00a0<\/em>h\u00e4mmert sein Gehirn. Mit letzter Kraft kann er sich halbwegs aufrichten. Pause! Notizblock aus der Brusttasche fingern. Pause! Wie ein rohes Ei, fummelt er den Bleistift heraus. Seine H\u00e4nde zittern. Nur blo\u00df jetzt den Stift nicht fallen lassen! Es gelingt. F\u00fcr einen kurzen Augenblick durchstr\u00f6mt ihn ein uns\u00e4gliches Gef\u00fchl von Gl\u00fcck. So gut es eben im Dunkeln m\u00f6glich ist, beginnt er zu schreiben. Immer wieder gleitet seine Hand ab, bis er nicht mehr f\u00e4hig ist, sie anzuheben. Bis er zu nichts mehr f\u00e4hig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHallo&#8230;, hallo!\u201c Die von Schnee angef\u00fcllte H\u00f6hle schluckt die rettenden Rufe.&nbsp;&nbsp;Der Lichtkegel einer Stablampe bohrt sich ins Innere. \u201eNichts zu sehen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Soldaten schaufeln weiter, legen einen gr\u00f6\u00dferen Teil frei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDort, ein Notizblock!\u201c, ruft jemand und hebt ihn auf. \u201eAber sonst keine Hinweise auf den Mann!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWo kann er blo\u00df sein?\u201c Eisenbichler ist mit seinem Latein am Ende, auch die Leute der Bergwacht haben keine Erkl\u00e4rung. Sie waren weit in die H\u00f6hle vorgedrungen, mussten ihre Bem\u00fchungen jedoch nach stundenlanger Arbeit erfolglos abbrechen. Der Mann bleibt unauffindbar.<\/p>\n\n\n\n<p>In krakeliger Schrift, kaum lesbar und verschmiert, l\u00fcftete der Notizblock sein Geheimnis. Veronika sitzt mit den M\u00e4nnern der Bergwacht um einen Tisch in der Leitstelle.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich wei\u00df nicht, was geschehen ist. Ein gewaltiges Etwas (Druckwelle einer Lawine vielleicht?) hat mich in die H\u00f6hle geschleudert. Auf dem Boden kriechend und robbend habe ich nach meinem Rucksack gesucht. Ist jetzt egal. Ich werde es nicht schaffen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich kann nicht sagen, wie lange ich hier schon so liege, scheine aber ohnm\u00e4chtig gewesen zu sein. Ich lutsche Schnee. Im Rucksack ist, was ich brauche, aber ich habe ihn nicht. Uns\u00e4gliche Schmerzen im linken Bein, vielleicht Fu\u00dfgelenk gebrochen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich kenne die H\u00f6hle und werde mein Gl\u00fcck versuchen, so gut ich es eben vermag.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Bei Sonnenaufgang des n\u00e4chsten Tages bringt der Hubschrauber eine Gruppe H\u00f6hlenforscher mit nach oben, die in Windeseile aus dem ganzen Land zusammengetrommelt wurden. Besser als die Bergretter sind sie mit der besonderen Situation vertraut.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spannung in der Leitstelle, im ganzen Dorf und dar\u00fcber hinaus ist unertr\u00e4glich. Die Nachrichten der Rundfunk- und TV-Stationen berichten unabl\u00e4ssig und heizen die Dramatik weiter an. Die ersten Touristen aus den Nachbarregionen trudeln ein, damit ihnen nicht entgehe, was der Mensch glaubt, als erlebtes Grauen vor Ort mitnehmen zu k\u00f6nnen. Die Polizei muss einschreiten, Gedr\u00e4nge und Geschiebe verhindern, den Einsatzkr\u00e4ften Raum verschaffen. Hubschrauber kommen und gehen, spuken neue TV-Teams und Berichterstatter aus, die mit wichtiger Mine und Kameraleuten im R\u00fccken vom Ort Besitz ergreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gastst\u00e4tten und Wirtsh\u00e4user sind voll, machen unverhofft gute Gesch\u00e4fte. Blitzschnell sind alle Zimmer ausgebucht. Von irgendwoher kommt ein Grillmobil f\u00fcr Bratw\u00fcrste und H\u00e4hnchen, Pommes usw. Bier flie\u00dft reichlich! Andere mobile H\u00e4ndler schlie\u00dfen sich an. Die Polizei gibt einen Dorfparkplatz frei, wo sie ihre St\u00e4nde aufbauen. Sogar gebrannte Mandeln und T\u00fcrkischer Honig sind zu haben, Zuckerwatte fehlt noch! Daf\u00fcr aber Schn\u00e4pse und anderes Hochprozentiges. Die Stimmung wird ausgelassen. Vorne klappt jemand einen Verkaufsstand mit Fisch- und Wurstsemmeln auf. Die Menschen bilden Schlangen, jeder will etwas erheischen!<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch mehr Touristen. Die Busse werden auf eine Parkfl\u00e4che nahe der Kirche umgeleitet. Die Leute rennen mit Handys und Kameras, schie\u00dfen Fotos, egal von was, hunderte dr\u00fccken sich ins Gew\u00fchl und manche wissen nicht einmal, weshalb es zu diesem Auflauf gekommen ist und warum sie eigentlich hier sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Verkaufsmobile werden abgewiesen oder vor das Dorf dirigiert. Die Polizei erh\u00e4lt Verst\u00e4rkung aus der Luft, die Zufahrtsstra\u00dfen sind l\u00e4ngst verstopft. Leute geben Interviews, wissen angeblich etwas, von dem Sie mit Sicherheit nichts wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wenigen, aktuell Informierten und ins Geschehen Eingebundenen sind in der Leitstelle versammelt und wundern sich \u00fcber den Wahnsinn, der unvermittelt \u00fcber ihre kleine Gemeinschaft hereingebrochen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor Einbruch der D\u00e4mmerung zieht ein Punkt in der Ferne die Aufmerksamkeit auf sich. Der Hubschrauber der Bergwacht kommt n\u00e4her und \u00fcbert\u00f6nt das Stimmengewirr der Menschenmassen. Die Bergungsmannschaft hat ihren Einsatz beendet. Polizeikr\u00e4fte sichern den Landeplatz. Die roten Overalls, gefolgt von den H\u00f6hlenforschern steigen aus, um nach wenigen Augenblicken die Leitstelle zu erreichen. Einer der M\u00e4nner tr\u00e4gt einen orangefarbenen Rucksack \u00fcber der linken Schulter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben den Rucksack, von seinem Besitzer jedoch keine Spur.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abendnachrichten aller Stationen berichten ausf\u00fchrlich. Wor\u00fcber sie nicht berichten, ist der kaum zu erkl\u00e4rende, ausgelassene Taumel der Menschen vor Ort. Die Tragik der Ereignisse war f\u00fcr sie ohne Bedeutung, nicht mehr als ein Anlass.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Tage sp\u00e4ter wird die Suche eingestellt. \u201eAussichtslos!\u201c, sagen die Experten.<\/p>\n\n\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Hans K. Reiter<\/span><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4865,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[1192,1191,895,1190,1189,1187,867,1188],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4874"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4874"}],"version-history":[{"count":27,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4874\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4905,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4874\/revisions\/4905"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4865"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4874"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4874"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4874"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}