{"id":490,"date":"2013-07-02T18:17:39","date_gmt":"2013-07-02T16:17:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=490"},"modified":"2015-02-11T01:35:04","modified_gmt":"2015-02-10T23:35:04","slug":"1-flugangst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/1-flugangst\/","title":{"rendered":"(1) Flugangst"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Leute, die steigen in ein Flugzeug, setzen sich hin, und kaum sind die Anschnallzeichen nach dem Start erloschen, klappen sie ihre Lehne nach hinten, rollen sich irgendwie ein und fallen augenblicklich in einen tiefen, festen Schlaf.\u00a0<em>Beneidenswert<\/em><em>\u00a0<\/em>meinen andere, f\u00fcr die jeder Flug zur Qual wird. Flugangst! <!--more-->Schon beim Buchen im Reiseb\u00fcro oder zuhause im Internet wird ihnen schlecht. Schwei\u00dfausbr\u00fcche, Zittern am ganzen Leib, Fieber, als w\u00fcrde sich eine schwere Influenza ank\u00fcndigen. Dieser Kategorie Mensch fehlt jedoch nichts. Sie sind absolut gesund, stabiler Blutdruck, Zucker normal, alle Blutwerte mehrfach gecheckt, wie gesagt, eben gesund, und trotzdem sind sie todkrank, leiden f\u00fcrchterlich, sind froh, wenn es vor\u00fcber ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wissen Sie&#8220;, h\u00f6re ich den Bediensteten am <em>Check In<\/em> sagen, &#8222;es gibt keine Luftl\u00f6cher, glauben Sie es mir.&#8220; Wenig \u00fcberzeugt greift der Mann in seine rechte Jackentasche, zieht eine Schachtel heraus und entnimmt ihr zwei Pillen, die er kurz entschlossen in den Mund steckt und mit einem kr\u00e4ftigen Schluck aus seiner Colaflasche hinuntersp\u00fclt. &#8222;Sicher ist sicher&#8220;, sagt er, nimmt sein Handgep\u00e4ck auf und marschiert Richtung Security.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stunden mussten mein Kollege und ich auf diesen Anschlussflug am General de Gaulle in Paris warten. Der Flug aus M\u00fcnchen war p\u00fcnktlich gewesen, aber aus technischen Gr\u00fcnden, glaube ich, sagte die Fluggesellschaft, war der geplante Weiterflug ausgefallen. Ein sch\u00f6ner Mist. Wir kauften uns im Duty Free eine Flasche guten Highland Whisky und verbrachten die Stunden mit schlauen Reden und einem gelegentlichen Nickerchen. Als es dann endlich soweit war, war die Flasche leer und wir hatten einen sitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich einmal in Miami gelandet bin, ohne Flugangst wohlgemerkt, kam es pl\u00f6tzlich zu einem unheimlichen Ereignis. Todes\u00e4ngste in den Gesichtern mancher Passagiere, einige gelblich verf\u00e4rbt, andere schon nach T\u00fcten greifend. Unheimlich! Niemand, der noch stand, auch die Stewardessen nicht. Alle sassen in ihre Gurte gepresst. Mit einem ohrenbet\u00e4ubenden Gejaule sogen die Triebwerke die Luft an und pressten sie mit f\u00fcrchterlichem Schub nach r\u00fcckw\u00e4rts. Mit unwiderstehlicher Gewalt zog das Flugzeug nach oben, und was nicht angebunden oder sonst wie arretiert war, flog nach hinten. Nach einer Weile war dieses Szenario vor\u00fcber und diejenigen, die einen Fensterplatz besa\u00dfen, konnten die Erkl\u00e4rungen des Kapit\u00e4ns bildlich mit verfolgen. W\u00e4hrend unsere Maschine, das Fahrwerk ausgefahren, schon fast die Landebahn ber\u00fchrte, war ein anderes Flugzeug auf unsere Piste gekreuzt. Unvorstellbar! Entsetzen im Tower, die Flugsicherung machtlos, niemand konnte mehr etwas unternehmen, der Zusammenprall unausweichlich, als der Kapit\u00e4n unser aller Leben rettete, indem er gerade noch rechtzeitig alle Hebel nach vorne schob und das Flugzeug mit unb\u00e4ndiger Kraft beschleunigte.\u00a0<em>Es war knapp<\/em>, sagte der Kapit\u00e4n, w\u00e4hrend die Passagiere in tosenden Beifall ausbrachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Sicherheitskontrolle sah ich den Mann mit der Flugangst nur kurz noch einmal im Wartebereich des Fluges nach Kinshasa. Er nickte mir zu und vergrub sich in einem der St\u00fchle. Das Boarding ging routiniert von statten und alle warteten auf den Start. Der \u00fcbliche Service, Essen, Trinken. Wir hielten uns an Wasser, des Whiskys wegen. Ich weiss nicht mehr, wie lange wir schon unterwegs waren, als wieder ein Essen serviert wurde, in Tabletts, best\u00fcckt mit Schalen, die mit Alufolie \u00fcberzogen waren. Jetzt muss ich vorausschicken, mein Kollege und ich hatten eine Angewohnheit, wir waren immer angeschnallt, au\u00dfer, es musste mal einer auf die Toilette.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade, als wir dabei waren, die Alufolien abzuziehen, geschah es. Die Maschine verlor urpl\u00f6tzlich an H\u00f6he und zwar in einem Ausmass, dass ich verstehe, wenn Menschen von Luftl\u00f6chern sprechen, die es aber gar nicht geben soll. Zusammengeklappt, wie ein Taschenmesser hingen wir \u00fcber dem Gurt. Der K\u00f6rper wollte nach oben, aber der Gurt hielt ihn zur\u00fcck. Passagiere in den Reihen vor uns rei\u00dft es aus ihren Sitzen, sie knallten erst gegen die Decke, um anschlie\u00dfend nach unten zu schie\u00dfen, wobei manche auf die Armlehnen der Sitze prallten oder sich anderweitig, teilweise schwer verletzten. Das Flugzeug fing sich wieder. Essen, Gl\u00e4ser, Tabletts und sonst noch einiges bedeckten den Boden des Flugzeuges. Es sah unbeschreiblich aus. Menschen st\u00f6hnten vor Schmerzen. Stewardessn liefen mit Sauerstoffflaschen umher, die sie selber h\u00e4tten gebrauchen k\u00f6nnen und versuchten alle einigerma\u00dfen zu beruhigen. Aussichtslos. Paradoxerweise waren mein Kollege und ich noch im Besitz des vollen Tabletts, einschliesslich je einer Flasche Wein und Wasser. Zusammengeklappt \u00fcber den Tabletts konnte nichts davon entweichen. Wir hatten alles mit unseren K\u00f6rpern festgepinnt. Ich gebe zu, es sah makaber aus, als wir anfingen zu essen, w\u00e4hrend die anderen mit ihrem Schicksal haderten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erlebnisse gibt es viele, wenn du st\u00e4ndig unterwegs bist und das \u00fcber viele Jahre hinweg. Flugangst habe ich trotzdem niemals bekommen. Auch nicht bei noch so denkw\u00fcrdigen Versuchen der Kapit\u00e4ne, ihre Flugzeuge halbwegs sicher auf die Landebahnen zu hieven, w\u00e4hrend orkanartige St\u00fcrme \u00fcber London Heathrow hinweg fegten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re es nicht tats\u00e4chlich geschehen, h\u00e4tte ich die Geschichte erfinden m\u00fcssen. Ich war unterwegs nach Malawi, ein sehr armes, aber auch sehr sch\u00f6nes Land. Ich landete in Lilongwe, der Hauptstadt, mietete einen Wagen und wartete auf Kollegen, die aus anderen Richtungen kommend, dazu sto\u00dfen w\u00fcrden. Weil nicht alle von uns einen Anschlussflug nach Blantyre erreichen konnten, hatten wir kurzer Hand beschlossen, die Strecke mit dem Fahrzeug zur\u00fcck zu legen. Eine gute Gelegenheit, ein wenig vom Land zu sehen, dachten wir. Wir hatten ausgerechnet, die knapp 400 km in gut f\u00fcnf Stunden zur\u00fcckzulegen. Normalerweise w\u00e4re dies kein Problem und die Zeit reichte sogar noch f\u00fcr zwei kleine Pausen. Bei uns verlief allerdings nichts normal. H\u00e4tten wir gewusst, auf was wir uns da eingelassen haben, ich bin sicher, wir h\u00e4tten gewartet und w\u00e4ren am n\u00e4chsten Tag mit dem Flugzeug \u00a0aufgebrochen. So aber quetschten wir uns nichts ahnend in den Wagen und fuhren los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #666699;\"><em>Foto von <\/em><em><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/slipstreamblue\/2796909095\/\"><span style=\"color: #666699;\">bloody marty<\/span><\/a><\/em>\u00a0unter einer\u00a0<em><a title=\"creative commons 2.0\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #666699;\">Creative Commons Lizenz<\/span><\/a><\/em><\/span><em><a title=\"creative commons 2.0\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/\" target=\"_blank\"><br \/>\n<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":560,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[126],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/490"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=490"}],"version-history":[{"count":65,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/490\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2084,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/490\/revisions\/2084"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/560"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=490"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=490"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=490"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}