{"id":614,"date":"2013-07-11T10:00:30","date_gmt":"2013-07-11T08:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=614"},"modified":"2015-02-11T01:37:39","modified_gmt":"2015-02-10T23:37:39","slug":"3-bombe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/3-bombe\/","title":{"rendered":"(3) Bombe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die n\u00e4chsten Tage bis zu unserm Abflug h\u00f6rte ich noch eine Menge \u00fcber Zucker. Du kannst aus Blantyre nicht einfach so jeden Tag in jede Richtung fliegen. Das geht vielleicht nur zweimal die Woche und wenn du Pech hast, bleibst du h\u00e4ngen, weil genau deine Maschine einen Defekt hat oder erst gar nicht in Blantyre angekommen ist.<!--more--> Der informierte Vielflieger weiss nat\u00fcrlich, Blantyre konnte nur von Flugzeugtypen mit hochliegenden Triebwerken angeflogen werden. Das lag am Sand neben der Piste. Da wirbelt es jedes mal derartige Mengen davon auf, dass andere Maschinen zwar landen, aber nicht mehr h\u00e4tten starten k\u00f6nnen oder nur mit hohem Risiko. Bei uns war es so, dass wir gute sieben Stunden warten mussten, bis einige Mechaniker und Ingenieure auf den Vorplatz schlurften, wieder zur\u00fcck kamen, ihre H\u00e4upter bedenklich wiegten, bis dann schlie\u00dflich der Kapit\u00e4n, ein Holl\u00e4nder, \u00fcber Lautsprecher bekannt gab, wir br\u00e4uchten uns keine Sorgen zu machen, jetzt w\u00fcrde es gleich so weit sein. Ich kann dazu nur sagen, nach der bew\u00e4hrten Paris\/Kinshasa Methode kippten wir uns mit Schottischem zu, den gab&#8217;s reichlich im Duty Free, und ignorierten die Situation und alles, was der Kapit\u00e4n die n\u00e4chsten Stunden von sich gab. Irgendwann starteten wir und sind heil in Nairobi gelandet. Das war meistens der Zwischenstopp, bevor es weiterging nach Frankfurt oder M\u00fcnchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nairobi, hatte man mir in Blantyre noch mitgegeben, spiele im internationalen Zuckergesch\u00e4ft eine nicht unbedeutende Rolle. &#8222;Dort treffen sich regelm\u00e4\u00dfig einige der Schattenm\u00e4nner, um Beschl\u00fcsse \u00fcber Marktregulative zu treffen.&#8220; Ich hatte bis dahin nicht geh\u00f6rt, Kenia habe eine Bedeutung beim Anbau von Zuckerrohr. Kaffee und Tee ja, Zuckerrohr auch, aber in geringen Mengen, Fischfang sicher. Insgesamt auf die Gr\u00f6\u00dfe des Landes bezogen, erbringt Landwirtschaft aufgrund der trockenen B\u00f6den und Wasserknappheit nur einen bescheidenen Ertrag. Inwiefern spielt da Zucker eine Rolle?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bekam einen Grundkurs in Sachen Zucker, danach verstand ich die Zusammenh\u00e4nge etwas besser, aber keinesfalls tief genug. Zucker sei mehr als nur s\u00fcss. &#8222;Schauen Sie, gehen Sie mit wachsamen Augen durch das Land, \u00fcberall begegnet Ihnen Zucker.&#8220; Ich schaute ungl\u00e4ubig, \u00fcberall Zucker? Mein Gesicht musste diese Frage deutlich signalisiert haben, denn mein Gespr\u00e4chspartner fuhr fort: &#8222;Gehen Sie in ein Kaufhaus, was begegnet ihnen? Zucker. Zucker als Schokolade, Zucker in allen Arten von S\u00fcssigkeiten, Zucker in Getr\u00e4nken, in Fruchts\u00e4ften, im Ketchup, in Speisen, ja sogar in allen m\u00f6glichen Lebensmitteln als Zusatz, zur Geschmacksverst\u00e4rkung, als Konservierungsmittel und vieles mehr. Und vergessen Sie nicht das \u00dcbriggebliebene bei der Gewinnung von Zuckersaft, es wird verarbeitet in der M\u00f6belindustrie, In Spanplatten und so weiter. Ja sogar in Kleidung finden sie diesen Rest, um das noch anzuf\u00fcgen!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Und was hat das mit Nairobi zu tun?&#8220;, wollte ich wissen. &#8222;Gar nichts. Nicht mit der Stadt oder dem Land. Nairobi ist einfach ein praktischer Ort, um sich zu treffen, hier in Afrika. Man k\u00f6nnte es auch in S\u00fcdafrika machen oder anderswo, aber man trifft sich eben in Nairobi. Da tappt man mit dem Thema Zucker in niemandes Pfr\u00fcnde, verstehen Sie?&#8220; Das verstand ich. Eine Art neutraler Boden, f\u00fcr diese Leute, genannt\u00a0<em>Die Schattenm\u00e4nner<\/em>. Ich h\u00f6rte noch, lokale Gr\u00f6\u00dfen profitierten durchaus auch von diesen Meetings. Keine Zusammenkunft ohne Obolus an diejenigen, die es duldeten. &#8222;Stellen Sie sich vor, wir beide w\u00e4ren so m\u00e4chtig, dass wir die Menge des Anbaus von Zuckerrohr oder die Effizienz bei der Gewinnung von Zuckersaft bestimmen k\u00f6nnten, dann geh\u00f6rten wir zu diesem erlauchten Club.&#8220; Ich staunte. &#8222;Noch eines, dann sollte es f\u00fcr heute genug sein. Wer Zucker herstellt, dem geh\u00f6rt auch die verarbeitende Industrie, zumindest gro\u00dfe Anteile davon. Vielleicht k\u00f6nnen Sie sich jetzt vorstellen, wer dort tagt?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stellte mir vor, diese Leute m\u00fcssten tats\u00e4chlich irgendwie m\u00e4chtig sein und Einfluss besitzen, aber einen wirklichen Bezug konnte ich nicht herstellen. Das \u00e4nderte sich, als ich Tage sp\u00e4ter erfuhr, die Macht der Schattenm\u00e4nner liege prim\u00e4r darin, sie nicht zu kennen. Sie arbeiten im Verborgenen, erteilen Direktiven und halten die F\u00e4den in der Hand. Sie sind sich manchmal spinne Feind, wenn es um Marktanteile geht, verstehen sich aber blenden bei der Manipulation der M\u00e4rkte. Sie halten Zucker knapp, um den Preis in die H\u00f6he zu treiben, sie produzieren auf Teufel komm raus, wenn der Preis fallen soll. Das passiert L\u00e4nder und Regionen spezifisch. Sie nutzen jede noch so winzige Chance, um Staatliche F\u00f6rdergelder zu kassieren und sie produzieren S\u00fcssigkeiten ohne Ende, manipulieren den Verbraucher mit teuflischen Werbetricks, machen die Menschheit krank mit ihren Zuckerbomben. &#8222;Wir sprechen und h\u00f6ren von Genussmitteln. In Wirklichkeit sind es Bomben, die uns t\u00e4glich treffen. Ihre Wirkung ist schlimmer noch, als jede Streuwirkung konventioneller Bomben, wie sie zu tausenden in Kriegsgebieten abgeworfen werden, denn sie wirken h\u00e4sslich, im Verborgenen, nicht sofort erkennbar, und sie bringen den unweigerlichen Tod in Form von Diabetes und Bluthochdruck aufgrund von \u00dcbergewicht und gravierender St\u00f6rungen im Stoffwechsel.&#8220; Das war die eindringliche Botschaft des Mannes aus Blantyre. Und er sagte noch: &#8222;Sind Sie vorsichtig, wer sich mit diesen Leuten anlegt, ist schneller tot, als ihn eine Diabetes hinweggerafft h\u00e4tte!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Kollegen hatten Anschlussfl\u00fcge in verschiedene Richtungen, Ich dagegen wollte noch ein paar Tage in Nairobi bleiben. Es gab zwei Gr\u00fcnde hierf\u00fcr: Einmal wollte ich mir die Sonnenfinsternis nicht entgehen lassen, ein Naturschauspiel, das sich am n\u00e4chsten Tag ereignen sollte, und der Besuch beim \u00f6rtlichen Repr\u00e4sentanten unserer Firma. Ein dritter kam hinzu. Im <em>Interconti, <\/em>das Hotel, in dem ich mein Zimmer hatte, fand am Abend eine Konferenz statt, zu der niemand Zutritt bekam, der nicht geladen war, und in die ich trotzdem hineinplatzte. Ein Zufall, werden Sie sagen. Vielleicht war es aber mehr als das. Ich hatte Blut geleckt und sah an jeder Ecke Berge von Zucker, S\u00fcssigkeiten, sich balgende Kinder, die sich das Zeug in ihre M\u00fcnder stopften, immer mehr, bis sie schlie\u00dflich zerbarsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Eingang des Hotels und jedes der Stockwerke war von b\u00e4renstarken, bewaffneten M\u00e4nnern\u00a0in Uniform bewacht. Wer aus einem der Aufz\u00fcge ausstieg, musste seine Zimmerkarte vorweisen. Wir waren sicher dort, die Schattenm\u00e4nner auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>Foto von <a title=\"Juergen\" href=\"http:\/\/juergenreiter.com\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">Juergen Reiter<\/span><\/a><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":633,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[126],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/614"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=614"}],"version-history":[{"count":25,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/614\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2013,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/614\/revisions\/2013"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/633"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=614"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=614"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}