{"id":697,"date":"2013-07-22T09:00:56","date_gmt":"2013-07-22T07:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=697"},"modified":"2015-09-14T16:13:21","modified_gmt":"2015-09-14T15:13:21","slug":"6-perseus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/6-perseus\/","title":{"rendered":"(6) Perseus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Was habe ich oder meine Situation mit Perseus zu tun, werden Sie fragen. Nichts im Sinne der Griechischen Sagen- und G\u00f6tterwelt. Aber der Reihe nach. Nairobi habe ich wenige Tage nach der omin\u00f6sen Visite in der Nobelvilla verlassen. <!--more-->Der Vertreter unserer Firma, vorsichtig befragt, konnte mir nicht weiter helfen, er kannte die beschriebene Villa nicht. Das fragliche Stockwerk konnte ich im Hotel tats\u00e4chlich nicht vorfinden, genau, wie es mein Gastgeber in der Villa vorhergesagt hatte. Die Bedienfelder aller Lifte waren durchgehend nummeriert, kein Stockwerk, das mit einem Spezialschl\u00fcssel h\u00e4tte angesteuert werden k\u00f6nnen. Angekommen in M\u00fcnchen rief ich einen meiner Freunde an, Ingenieur und Inhaber einer kleinen Firma, die mit der Entwicklung modernen Aufzugsteuerungen ihr Geld verdiente. Von ihm erfuhr ich, es w\u00e4re nichts Besonderes, in Geb\u00e4uden wahlweise Stockwerke f\u00fcr den allgemeinen Verkehr zu blockieren. Berechtigte verf\u00fcgten entweder \u00fcber einen Minisender, der den gew\u00fcnschten Halt herbeif\u00fchrte oder \u00fcber einen Schl\u00fcssel, der beispielsweise vom Zugang in der Tiefgarage aus funktionierte und nat\u00fcrlich in dem betreffenden Stockwerk. Zu diesem Zweck w\u00fcrde man ganz einfach die jeweilige Ruftafel austauschen. Die blockierte Etage w\u00fcrde normalerweise von niemanden unberechtigt gerufen, weil sie nicht vermietet ist. Dr\u00fcckte trotzdem jemand auf den Knopf, w\u00fcrde, je nach Komfort, eine Stimme erkl\u00e4ren, man habe das falsche Stockwerk gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was machte ich jetzt mit meiner Weisheit? Die Drohung, mich f\u00fcr verr\u00fcckt zu erkl\u00e4ren, sollte ich nicht friedlich sein, nahm ich nicht besonders ernst. Ich lebte schliesslich in Deutschland und nicht irgendwo auf der Welt. Zwei Tage sp\u00e4ter war ich auf dem Weg nach Buenos Aires und verdr\u00e4ngte die Schattenm\u00e4nner und ihren Zuckerkomplex. Der \u00f6rtliche Repr\u00e4sentant unserer Firma war deutschst\u00e4mmig, was seine gepflegte Sprache erkl\u00e4rte. &#8222;Ich dachte, ich tue Ihnen einmal etwas Gutes&#8220;, sagte er zur Begr\u00fc\u00dfung und erkl\u00e4rte mir freundlicher Gestik, er habe mich in einem der besten Hotels in der Stadt untergebracht. Am Abend w\u00e4ren wir zum Essen verabredet und ich solle doch die paar Stunden nutzen, um mich von dem langen Flug zu erholen und mich etwas frisch zu machen. Ich schmiss mich aufs Bett, dr\u00fcckte wahllos einen Knopf der TV-Fernbedienung und wenig sp\u00e4ter flimmerte ein englischsprachiger Kanal. Ich schloss die Augen und gab mich dem einschl\u00e4fernde Ges\u00e4usel des Fernsehers hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich, mit einem Mal, war ich hellwach. Ein Stichwort hatte in meine Gehirnwindungen eingeschlagen. Zucker! Unbewusst hatte ich eine Sendung \u00fcber Landwirtschaft in Argentinien gew\u00e4hlt und ein Sprecher erkl\u00e4rte soeben, das die Ertr\u00e4ge an Fr\u00fcchten und Zuckerrohr im Norden des Landes zugenommen h\u00e4tten und von welcher Bedeutung der Rio Negro f\u00fcr die gesamte Region sei. Zuckerrohr! Da waren sie wieder, meine Barone und Schattenm\u00e4nner. Verfolgten Sie mich? Ich beruhigte mich, es war ja nichts passiert, ein Fernsehbericht nur. An Schlaf war jetzt nicht zu denken, zum einen stand die Tageszeit nicht daf\u00fcr und zum anderen wollte ich mich kundig machen \u00fcber Verflechtungen von Zucker und Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurzerhand rief ich in der Deutschen Botschaft an und fragte, welche Veranstaltungen f\u00fcr heute und die n\u00e4chsten zwei Tage in Buenos Aires angesetzt waren. Ich sagte mir, es k\u00f6nne kein Zufall sein, dass im Fernsehen ein Bericht \u00fcber Zuckerrohr gesendet wurde. Die Deutsche Botschaft reagierte irgendwie herzig, w\u00fcrden vielleicht einige dazu sagen. Statt mir eine einfache Auskunft zu geben, fragten sie, warum ich das wissen wolle und ob ich nicht einfach einen Veranstaltungskalender zurate ziehen k\u00f6nne. Ich bedankte mich und h\u00e4ngte ein. Wenn du administrativen Betonk\u00f6pfen begegnest, bist du machtlos. An der Rezeption im Hotel, war man um einiges freundlicher. Ein paar Minuten sp\u00e4ter hielt ich einen Veranstaltungsplan f\u00fcr den laufenden Monat in H\u00e4nden. Es war einiges geboten in dieser Stadt, aber das, wonach ich suchte, war nicht darunter. Entt\u00e4uscht legte ich den Prospekt zur Seite, als das Telefon schnurrte. Es g\u00e4be noch eine Veranstaltung, die erst nach Drucklegung gemeldet worden w\u00e4re, kl\u00e4rte mich ein Mitarbeiter des Hotels auf. Das ist Service, wie er sein muss, freute ich mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Abend trafen sich Vertreter der gr\u00f6\u00dften Nahrungsmittelproduzenten unseres Planeten zu einem Kolloquium \u00fcber\u00a0<i>Weltbev\u00f6lkerung und Ern\u00e4hrung. <\/i>Da musste ich hin, aber wie sich Zugang verschaffen, ohne Einladung oder Eintrittskarte oder was immer dort verlangt wurde. Ich bem\u00fchte noch einmal die Rezeption. &#8222;Kein Problem&#8220;, h\u00f6rte \u00a0ich, &#8222;lassen Sie uns nur machen.&#8220; \u00a0Ich hatte lediglich gesagt, ich w\u00e4re als Journalist interessiert, habe es aber vers\u00e4umt mich zu akkreditieren. Es dauerte wieder nur ein paar Minuten, als es an der T\u00fcre klopfte. Ich war im Besitz einer Einladung. Mein Name prangte fein s\u00e4uberlich gedruckt auf einer Karte, die mich als Vertreter des \u00f6rtlichen Ausl\u00e4ndervereins auswies. Was es alles gibt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tag zog sich mit einigen Besprechungen dahin und ich wartete ungeduldig auf den Abend. Unserem Vertreter sagte ich, dass ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen wolle, verschwieg aber meine wahren Beweggr\u00fcnde. Er sch\u00fcttelte den Kopf und meinte, es sei mein Abend und er w\u00fcrde mir einen Fahrer schicken, damit ich auch wirklich sicher hin und wieder zur\u00fcck k\u00e4me. Au\u00dferdem w\u00fcrde sich das besser machen, meinte er noch zum Abschied. Beginn 21:00 \u00a0Uhr. Eine viertel Stunde vorher wurde ich von einem Bediensteten zu meinem Platz gef\u00fchrt. Interessant f\u00fcr mich war die Tatsache, dass dort tats\u00e4chlich mein Name auf der Tischkarte zu lesen war. Der Verlauf war einigerma\u00dfen langweilig. Redner, Diskussionsbeitr\u00e4ge, Fragen, Antworten, diplomatisches Ges\u00fclze ohne jeden Wert, f\u00fcr meine Begriffe jedenfalls. Bis fast schon am Ende der Veranstaltung ein Redner in einem kurzen Beitrag darauf hinwies, man habe noch ein Spezialthema, das man aber von der eigentlichen Veranstaltung entkoppeln wolle, weil es sicher nur einige interessiere. Man wolle noch etwas \u00fcber <em>Nahrung und Di\u00e4ten<\/em> sprechen. Alle anderen seien herzlich zum Buffet eingeladen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peng, der Raum leerte sich in Windeseile und alle dr\u00e4ngten zum Buffet. Ich wartete noch eine Weile, sah aber auf Anhieb niemanden, der \u00fcber <em>Nahrung und Di\u00e4ten<\/em> sprechen wollte. Also winkte ich einem der Bediensteten und fragte danach. &#8222;Sir&#8220;, sagte er auf Englisch, &#8222;diese Runde findet nicht hier statt, wenn sie mir aber bitte folgen wollen.&#8220; Ich wollte. Ein paar T\u00fcren weiter tat sich ein kleinerer Raum auf, in dem bereits einige Personen Platz genommen hatten. Ich gesellte mich dazu und wartete gespannt, was nun kommen w\u00fcrde. &#8222;Meine sehr verehrten Herren&#8220;, Damen waren in der Tat keine anwesend, &#8222;reden wir nicht lange um den hei\u00dfen Brei herum. Unsere Ums\u00e4tze nehmen leider nicht den Zuwachs, wie wir uns das versprochen und einige Marktforscher prognostiziert haben.&#8220; Ich war verbl\u00fcfft. Ein offenes Wort. Vermutlich nahm keiner der Anwesenden an, es k\u00f6nne sich ein Subjekt, wie ich es bin, hierher verirrt haben. Die nahmen offensichtlich an, sie w\u00e4ren unter sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorsichtig schaute ich mich um und glaubte, das eine oder andere Gesicht schon einmal gesehen zu haben. Kein Zweifel, hier sassen Leute, die mir bereits in Nairobi begegnet waren. Mir wurde warm, Schwei\u00df bedeckte meine Stirne und meine H\u00e4nde wurden feucht. Nicht noch einmal, das hatten wir doch schon. Und dann h\u00f6rte ich, wie der Redner erl\u00e4uterte, auf welch perfide Weise man den Umsatz steigern wolle. &#8222;Auf einen Nenner gebracht, wir propagieren S\u00fcsses, steigern die Abh\u00e4ngigkeit, machen sie dick und fett. Wir forcieren Kampagnen, die den Leuten einh\u00e4mmern, wie entscheidend es f\u00fcr ihre Gesundheit w\u00e4re, Kohlenhydrate zu essen, viele, viele davon. Gleichzeitig werfen wir Slim Fast Produkte auf den Markt, die ihnen suggerieren, etwas f\u00fcr ihre Gesundheit zu tun, indem sie nur Halbfettprodukte und \u00e4hnliches verzehren. Daran werden wir eine Menge verdienen, aber die Spitze kommt erst noch. Sie werden \u00fcbergewichtig, also brauchen sie Di\u00e4tprodukte, viele, viele Di\u00e4tprodukte. Die Folge ist, sie nehmen ab. Schade meine Sie, f\u00fcrs Gesch\u00e4ft? Nein, im Gegenteil, keine Di\u00e4t ohne JoJo-Effekt. Der tritt immer ein und dann fressen sie wieder und f\u00fcllen unsere Taschen.&#8220; Ersch\u00f6pft hielt der Redner inne, w\u00e4hren die anderen begeistert in die H\u00e4nde klatschten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich klatschte nicht. Zwei Arme, wie Schraubzwingen, mit zwei H\u00e4nden daran, wie Klammern, hielten mich fest. &#8222;Kommen Sie mit&#8220;, sagte eine Stimme hinter mir. Ich dachte, Sie w\u00e4ren kl\u00fcger, aber wer nicht h\u00f6ren will &#8230;, Sie kennen das Sprichwort.&#8220; Die W\u00e4rme, die ich soeben noch versp\u00fcrt hatte, war wie weggeblasen. Ich fror. K\u00e4lteschauder jagten meinen R\u00fccken rauf und runter. Es schien, als w\u00fcrde es dieses Mal keinen Ausweg geben. &#8222;Wissen Sie&#8220;, sagte die Stimme weiter, &#8222;Sie sind nicht Perseus, Sie werden nicht einen Schild haben, der Sie vor dem Unweigerlichen sch\u00fctzt. Hier gibt es keine Pallas Athene, die zu Hilfe eilt. Hier sind nur wir und Sie.&#8220; Dann schoben Sie mich hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Foto von <a style=\"color: #999999;\" title=\"Juergen\" href=\"http:\/\/juergenreiter.com\" target=\"_blank\">Juergen Reiter<\/a><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":698,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[126],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/697"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=697"}],"version-history":[{"count":38,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/697\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2570,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/697\/revisions\/2570"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/698"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}