{"id":734,"date":"2013-07-26T09:00:35","date_gmt":"2013-07-26T07:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=734"},"modified":"2015-09-14T16:14:07","modified_gmt":"2015-09-14T15:14:07","slug":"7-gift","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/7-gift\/","title":{"rendered":"(7) Gift"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich rechnete mit dem Schlimmsten und hatte doch eine vage Hoffnung. Der Fahrer! Wenn ich nicht zur\u00fcckk\u00e4me, er w\u00fcrde sicher nach mir fragen, Alarm schlagen. Erstaunlich war, ich versp\u00fcrte keine Panik.<!--more--> Es war irgendwie so, als m\u00fcsste ich etwas tun, das mir unangenehm ist, es aber trotzdem mache. Jeder kennt das Gef\u00fchl, wie es ist, wenn man seinem Chef zum Beispiel sagen muss, man habe einen Fehler begangen oder du musst die Polizei rufen, weil du einen Unfall verschuldet hast. So \u00e4hnlich war das. Sie bugsierten mich zu einem Hinterausgang, \u00fcberlegten es sich auf halber Strecke dann aber anders und schoben mich wieder zur\u00fcck. Ich verstand dieses Man\u00f6ver nicht die Bohne, bis ich mitbekam, dass einer der M\u00e4nner offensichtlich anders lautende \u00a0Instruktionen \u00fcber seinen Ohrst\u00f6psel erhalten haben musste. Praktisch diese Dinger, dachte ich, funktioniert beinahe, wie die Fernbedienung eines Roboters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00e4nner waren keine Roboter, sehr real standen sie vor mir. Unschl\u00fcssig, was nun mit mir zu geschehen habe, dr\u00fcckten sie mich auf einen Stuhl. Der mit dem Ohrst\u00f6psel schien eine weitere Instruktion erhalten zu haben, denn er gab seinem Kollegen ein Zeichen und sagte zu mir, ich solle warten, dann verlie\u00dfen sie den Raum. Es tat sich nichts. Die Sekunden verrannen zu Minuten. Nichts! Schliesslich stand ich auf, ging zur T\u00fcre, dreht den Knauf und \u00f6ffnete. Weit und breit niemand, der mich \u00a0gehindert h\u00e4tte, einfach zu gehen. Ich ging nicht. Entfernt nahm ich den L\u00e4rmpegel vom Buffet wahr. Es waren also noch Leute hier, logisch, seit meiner Entdeckung waren vielleicht gerade mal 20 Minuten verstrichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neugierig folgte ich dem Ger\u00e4uschpegel und traf ohne M\u00fche auf den Rest der Zuh\u00f6rerschaft von vorhin.\u00a0<em>Rest<\/em> war die richtige Bezeichnung, denn vom Konsortium der Schattenm\u00e4nner und ihrer Security-Mannschaft war keiner mehr anwesend. Machten sie es hier, wie in Nairobi? Was nicht zu beweisen war, hat auch nicht stattgefunden? Die anderen, hier noch am Buffet Verweilenden, w\u00fcrden nichts best\u00e4tigen, davon war ich \u00fcberzeugt. Sie kamen alle aus der gleichen Ecke und eine Kr\u00e4he hackt der anderen kein Auge aus, zumal solches vermutlich auch h\u00f6chst gef\u00e4hrlich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was konnte ich noch tun? Mich darauf zu verlassen, der Zufall k\u00e4me mir ein weiteres Mal zu Hilfe, schien mir etwas d\u00fcrftig. Ich hatte nicht die Mittel f\u00fcr eine Jagd um den Globus, auf den Verdacht hin, diese Klique ein weiteres Mal aufzusp\u00fcren. Und selbst wenn, was h\u00e4tte ich gewonnen? Ihre Taktik schien eine einfache zu sein. Sie entzogen mir ganz einfach jede Handhabe, etwas gegen sie zu unternehmen. Kein Journalist, keine Zeitung, kein Magazin w\u00fcrde meiner Geschichte ohne die n\u00f6tigen Beweise irgend einen Glauben beimessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Buffet hatte ich noch geh\u00f6rt, wie zwei sich unterhielten und eine Theorie entwickelten, die ohne weiteres auch von den Schattenm\u00e4nnern h\u00e4tte stammen k\u00f6nnen. Ihrer Meinung nach lag ein hohes Potenzial zur Umsatzsteigerung im geschickten Einsatz von S\u00fcssstoff. Sie nannten eine Reihe von Namen, von denen ich einige behalten habe und wovon einer wiederum besonders sch\u00e4dlich f\u00fcr den menschlichen Organismus war.\u00a0<em>Aspartam<\/em>, 200 fach h\u00f6here S\u00fcsskraft als gew\u00f6hnlicher Zucker. Etwa 90 L\u00e4nder verwenden diesen S\u00fcssstoff in rund 9.000 Nahrungsmitteln. Das ergaben meine Recherchen und noch etwas hatte ich herausgefunden, gerade dieser S\u00fcssstoff ist in h\u00f6chstem Ma\u00dfe gesundheitssch\u00e4dlich. Kopfschmerzen, \u00dcbelkeit, Gewichtszunahme, Schlaflosigkeit, Schwindelanf\u00e4lle und Atmungsschwierigkeiten oder Sehst\u00f6rungen sind nur einige der Folgen des Konsums dieses Mittels f\u00fcr den Menschen. Eine \u00a0Studie belegt sogar, dass S\u00fcssstof-Konsumenten im Vergleich zu jenen, die normal Zucker\u00a0zu sich nahmen, \u00a0nach einem Jahr deutlich mehr Gewicht zugelegt hatten. Fluggesellschaften verboten ihren Piloten, Getr\u00e4nke mit <em>Aspartam<\/em> zu sich zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das System\u00a0<em>Zucker<\/em> schien auf eine subtile Art zu funktionieren, fein strukturiert und schwer zu durchschauen. Eines war jedoch sicher, die Zuckerlobby mit all ihren Ausw\u00fcchsen und Anh\u00e4ngen war m\u00e4chtig, vielleicht sogar die m\u00e4chtigste in der Welt. Ihre K\u00f6pfe waren nicht zu greifen, agierten im Verborgenen, und machten Profit ohne Ende. Ich hing meinen Gedanken nach und bemerkte das Ger\u00e4usch der sich \u00f6ffnenden T\u00fcre erst viel zu sp\u00e4t. Im Hotel reagierst du sowieso anders, als das zuhause der Fall ist. Instinktiv meinst du, es m\u00fcsse irgend ein Service sein. Es war keiner. Zwei M\u00e4nner standen im Zimmer und sagten, ich solle mitkommen, man m\u00f6chte mit mir sprechen. Wer oder was immer auch\u00a0<em>man<\/em> war, meine Alternativen waren mehr als begrenzt, also ging ich mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir fuhren nur wenige Minuten. Ich sass hinten. Die Scheiben get\u00f6nt und ein zus\u00e4tzlicher Vorhang verhinderte zu erkennen, wohin die Fahrt ging. Wozu der Firlefanz, fragte ich mich, als wir am Hafen ausstiegen. Meine Begleiter rechts und links von mir. \u00dcber eine Gangway betraten wir eine ansehnliche Motoryacht, das hei\u00dft meine Begleiter blieben am Fu\u00dfe der Gangway zur\u00fcck. &#8222;Kommen Sie mit&#8220;, sagte eine mir vertraute Stimme, deren Klang ich folgte. Die Person zur Stimme war nicht auszumachen. Ich folgte einer schmalen Treppe ins Innere des Bootes und fand mich in einem komfortabel eingerichteten Saloon wieder. Zwei M\u00e4nner waren anwesend. Den einen kannte ich nicht, der andere war unser lokaler Repr\u00e4sentant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Darf ich Ihnen Mister&#8220;, er sagte einen spanisch klingenden Namen, &#8222;vorstellen.&#8220; Verbl\u00fcfft fragte ich, was das ganze sollte. Er zeigte auf den Man mit dem spanischen Namen und sagte mit einem L\u00e4cheln: &#8222;Sie haben scheinbar die Gabe, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein.&#8220; &#8222;Wie meinen Sie das?&#8220;, fragte ich und er best\u00e4tigte, was ich schon vermutete. &#8222;Sie stecken Ihre Nase in Dinge, die Sie nichts angehen und von denen Sie auch nichts verstehen. Mein Gast hier beklagt sich dar\u00fcber \u00a0und meint, er wolle das nicht l\u00e4nger hinnehmen.&#8220; &#8222;Wieso Ihr Gast &#8230;?&#8220;, fragte ich etwas bel\u00e4mmert. &#8222;Wir arbeiten auf manchen Gebieten zusammen. Mein Gast pflegt Verbindungen, die unserer Firma gro\u00dfe Auftr\u00e4ge zukommen lassen und eben diese Verbindungen f\u00fchlen sich durch ihr zweifelhaftes Engagement bel\u00e4stigt.&#8220; &#8222;Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?&#8220; &#8222;Sie m\u00fcssen nichts tun, das wird mein Gast f\u00fcr Sie erledigen.&#8220; Ich verstand nicht und sagte dies auch. &#8222;Warten Sie es ab. Wir machen jetzt eine Bootsfahrt, dann werden Sie verstehen.&#8220; Schlagartig war ich mir der Gefahr bewusst. Boot, Meer, <em>sie werfen dich \u00fcber Board<\/em>, h\u00e4mmerte mein Gehirn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der\u00a0<em>Gast<\/em> zog pl\u00f6tzlich eine Pistole, richtete sie auf mich und sagte in einem breiten Englisch, ich solle mitkommen. Wenn du keine Optionen hast, ist die Entscheidung leicht. Ich stolperte die Stufen der schmalen Treppe wieder hoch. Eigenartig, irgendwie schien sie mir jetzt l\u00e4nger zu sein und gewunden. Vielleicht hatte ich es bei der Ankunft nicht bemerkt. Das Boot hatte Fahrt aufgenommen und sehr schnell den Hafen hinter sich gelassen. Szenen geisterten durch meinen Kopf, als es zu Zeiten der Milit\u00e4rjunta zu Massenabw\u00fcrfen von Regimegegnern gekommen sein soll. Man habe sie in Frachtmaschinen gezw\u00e4ngt, bet\u00e4ubt und \u00fcber dem offenen Meer abgeworfen. Frass f\u00fcr Raubfische, mehr nicht. Keine Spuren, nichts, was zur\u00fcckgeblieben w\u00e4re. Ein \u00e4hnliches Schicksal w\u00fcrde ich zweifellos in wenigen Augenblicken auch erfahren. Keine Hilfe, nirgend wo. Einsamkeit, Trauer, dass es so enden w\u00fcrde, mein noch junges Leben, Gedanken an die Familie, Abschied! Ich sah wie der\u00a0<em>Gast\u00a0<\/em>die Pistole hob, sah seinen Zeigefinger, der sich langsam dem Abzug n\u00e4herte, ihn erreichte, sich um ihn kr\u00fcmmte, ihn durchzog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schuss brach, ein ohrenbet\u00e4ubender Knall. Stille. Es dauerte eine ganze Weile bis eine zwingende Frage mein Gehirn erreichte: <em>Wieso hast du den Schuss geh\u00f6rt? <\/em>Meine Logik sagte:\u00a0<em>Ein\u00a0<\/em><i>t\u00f6dlich Getroffener h\u00f6rt den Schuss nicht, der ihm das Leben raubte. Geschwindigkeit des Geschosses, \u00dcberschall. Der Tod tritt ein, bevor die Schallwellen das Ohr erreichen.\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du lebst, bist nicht tot! Ich fing an zu zittern, immer heftiger, ohne jede Kontrolle. Der\u00a0<em>Gast<\/em>\u00a0stiess ein h\u00f6hnisches, h\u00e4ssliches Lachen aus, seine Gestalt fing an, sich zu drehen, immer schneller, verwand sich in sich selbst, wurde zu einem Strang, fiel wie ein St\u00fcck Tau auf den Boden. Das Boot, es schien sich aufzul\u00f6sen, das verzerrte Gesicht unseres Repr\u00e4sentanten zwischen den Bohlen, irrlichternde Augen bis zum Wahnsinn hervorquellend. Mein Herz raste, mein Atem nur noch Sch\u00fcbe, immer k\u00fcrzer werdende Sch\u00fcbe, Verzweiflung, das Boot, kein Halt, die unweigerliche, gierige Tiefe des Meeres, schwarz und unnahbar. Das Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schweissgebadet kam ich zu mir, fand endlich heraus aus diesem Teufelskreislauf, lag auf meinem Bett im Hotel und atmete stossweise. &#8222;Ruhen Sie sich ein wenig aus&#8220;, hatte der Repr\u00e4sentant unserer Firma bei meiner Ankunft gesagt, &#8222;und machen Sie sich frisch, wir sind heute Abend eingeladen. Ich hole Sie sp\u00e4ter ab.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Foto von <a style=\"color: #999999;\" title=\"Juergen\" href=\"http:\/\/juergenreiter.com\" target=\"_blank\">Juergen Reiter<\/a><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":751,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[126],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/734"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=734"}],"version-history":[{"count":31,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/734\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2571,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/734\/revisions\/2571"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/751"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=734"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=734"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=734"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}