{"id":854,"date":"2013-08-05T09:00:08","date_gmt":"2013-08-05T07:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=854"},"modified":"2015-09-14T16:29:30","modified_gmt":"2015-09-14T15:29:30","slug":"2-geduld","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/2-geduld\/","title":{"rendered":"(2) Geduld"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte die Abfahrt des letzten Busses verpasst. Ihre Gedanken irrlichterten immer noch um <em>Das Meer der Ruhe. <\/em>Es war ein sch\u00f6ner, angenehmer Augenblick gewesen. \u00a0Immer wieder f\u00fchrte sie sich die einzelnen Schritte vor Augen. Zuhause w\u00fcrde sie einen Versuch wagen, es sollte gelingen, auch ohne Therapeutin. Warum war sie \u00fcberhaupt vor Wochen schon zu dieser Gruppe gegangen?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zeitraster verschwamm vor ihren Augen, schob sich ineinander, das Ende an den Anfang, der Anfang in die Mitte &#8230; Genau so hatte alles angefangen, vor Monaten. Wieder einmal hatte sie die Schnauze voll gehabt von einem jener Typen, die st\u00e4ndig in ihr Leben platzten. \u00a0Ein aufgeblasener Idiot, der nach wenigen Wochen bereits die Hand auf sie legen wollte, ihr sagen, was sie zu tun und zu lassen habe. Dieses Besitz von ihr ergreifen, hatte sie noch nie gemocht. Schon als Kind nicht, wenn die Eltern sie herumreichten, den Freunden und Bekannten damit imponieren wollten, was f\u00fcr ein begabtes Kind sie doch ihr Eigen nannten. Bis zur \u00dcbelkeit hatte es sie angewidert, immer wieder etwas auf dem Klavier vorspielen zu m\u00fcssen, im Garten R\u00e4der zu schlagen, irgend einen Bl\u00f6dsinn vorzulesen, nur um zu zeigen, wie gut sie es konnte, obwohl erst f\u00fcnf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war nicht so, dass sie M\u00e4nner nicht gemocht h\u00e4tte und es stimmte auch, was ihre Freundinnen mit Erstaunen quittierten, dass sie in immer schnellerer Abfolge neue Gestalten an Land zog. Sie gestand sich ein, Freude daran zu empfinden, ihnen den Laufpass zu geben. Einfach so, ohne lange Begr\u00fcndung. Sie klotzten immer so herrlich bl\u00f6de, eine Erfahrung machend, die ihnen bisher nicht untergekommen war. Sonst waren sicher sie die <em>Helden,<\/em> die bei ihren Freunden damit prahlten, wenn sie wieder eine abserviere hatten. Nicht bei ihr. Bei ihr waren sie zahme W\u00fcrstchen, nicht verstehend, was ihnen soeben widerfahren war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann hatte es pl\u00f6tzlich begonnen, von einer Sekunde auf die andere konnte sie bestimmte Geschehnisse zeitlich nicht mehr richtig einordnen. Genau genommen waren es ihre M\u00e4nnergeschichten. Es fing damit an, dass sie die Reihenfolge ihrer Bekanntschaften durcheinander brachte, dann konnte sie die Namen nicht mehr zuordnen, bis sich schlie\u00dflich die Ereignisse in ihrem Kopf ineinander verschoben. Es entstanden v\u00f6llig neue Bilder, neue Szenerien, bis sie Fiktion und Realit\u00e4t nicht mehr von einander unterscheiden konnte. Sie bekam Angst, f\u00fcrchterliche Angst, wie noch niemals vorher. War sie dabei, ihre Identit\u00e4t zu verlieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wem konnte sie sich anvertrauen? Im Film und in Romanen gibt es immer eine\u00a0<em>beste Freundin<\/em>. In ihrem Leben nicht. Freundinnen \u00a0schon, aber niemanden f\u00fcr solche Geschichten. Die waren alle viel zu abgehoben. Alle sch\u00f6n, erfolgreich und weiss Gott, was noch alles? Sie hatten alle nur die tollsten M\u00e4nner, Geld, dar\u00fcber sprachen sie nicht einmal. Bei diesem Gedanken versp\u00fcrte sie so etwas, wie Heiterkeit in ihr aufsteigen. Die meisten liessen sich aushalten, liessen ihre M\u00e4nner daf\u00fcr blechen, dass sie sie vorzeigen durften.\u00a0<i>Gratuliere, was f\u00fcr eine tolle Frau Sie haben\u00a0<\/i>und \u00e4hnliches. Sie verstand nicht, was es da zu gratulieren gab? Etwa f\u00fcr die Bl\u00f6dheit der M\u00e4nner, denen ihr Unverm\u00f6gen, die Realit\u00e4t zu erkennen, eine Stange Geld kostete?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wurde immer schlimmer. Ihr Zustand \u00fcberraschte sie mittlerweile mehrmals am Tag. Eine geregelte Arbeit war da kaum noch m\u00f6glich. Sie nahm Urlaub. Dachte daran irgend wohin zu fahren, auf andere Gedanken zu kommen. Landete auf Sylt, ausgerechnet dort! Warum konnte sie nicht mehr sagen. Das Erste, was ihr \u00fcber den Weg lief, war einer jener Typen, die sie doch zu Gen\u00fcge kannte und vor denen sie die Flucht hatte ergreifen wollen. Die Flucht klappte nicht. Sie liess sich mit ihm ein, noch am selben Tag, als sie sich kennen gelernt hatten. Bl\u00f6dsinniger Zufall. Er stand so herum, wie sie fand, und sie fragte ihn, warum, hatte sie vergessen, ob sie ihn mitnehmen k\u00f6nne? Sie konnte und er kam gleich zur Sache, kaum, dass er geholfen hatte, ihre Koffer aufs Zimmer zu schleppen. Und sie, die Abstand hatte gewinnen wollen, lie\u00df es zu. Das alte Muster. Sie schmiss ihn raus, aber er lachte nur h\u00f6hnisch. Insofern war er anders gewesen, als seine Vorg\u00e4nger.\u00a0<em>Was glaubst du, wer du bist, mehr hatte ich sowieso nicht gewollt,\u00a0<\/em>hatte er gesagt und die T\u00fcre ins Schloss geworfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nahm eine Flasche aus der Minibar, irgend etwas, es brannte, und sie leerte sie in einem Zug. Dann noch eine. So fing es mit dem Alkohol an. Er bet\u00e4ubte ihre Stimmung, deckte einen Mantel der Sanftmut dar\u00fcber, liess alles in einem weicheren Licht erscheinen. Als sie einige Tage sp\u00e4ter abreiste, fand sie sich nur noch beschissen, hielt an der n\u00e4chsten Tankstelle und kaufte einen kleinen Vorrat an Hochprozentigem. Zuhause verkroch sie sich in ihr Bett, weinte hemmungslos, beklagte sich, die Welt und ihr verpfuschtes Leben. Ein paar Gl\u00e4ser des mitgebrachten Vorrats halfen ihr \u00fcber das Gr\u00f6bste hinweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgend ein Idiot fr\u00fcherer Tage tauchte eines Tages auf, wollte auf einen Sprung hereinkommen, mit ihr reden. Geerdet hatte er wenig, daf\u00fcr sehr schnell angekn\u00fcpft an verflossene Tr\u00e4ume. Sie setzte keinen Widerstand entgegen, trank einen Schluck, fand ihn danach etwas ertr\u00e4glicher und schmiss ihn schliesslich raus, aber das kannte er schon, verzog das Gesicht und schlich sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es machte ihr keinen Spass mehr. Die Freude war dahin. Sie trank, holte Nachschub und trank. Sie verlor den Blick f\u00fcr ihre n\u00e4chste Umgebung, sah nicht, wie ihr zuhause langsam verwahrloste, liess niemand mehr an sie heran, rief schlie\u00dflich in der Firma an und fragte um ein paar Tage mehr Urlaub, Familienangelegenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal war ihr wieder einer \u00fcber den Weg gelaufen. Er tat so, als w\u00fcrde er sie kennen, sie konnte ihn aber nicht einordnen, hatte gerade wieder die Rasterverschiebung, nahm es hin, zog eine kleine, flache Flasche aus der Tasche, nahm einen Schluck, leerte die ganze Flasche. Jetzt ging es ihr besser, das Raster verlor an Bedeutung, es war ihr egal, der Typ sagte etwas, sie verstand es nicht, f\u00fchlte sich pl\u00f6tzlich ohne Halt, verlor den Boden, fiel &#8230;, nahm nichts mehr wahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann war sie aufgewacht, wusste nicht, was geschehen war, fand sich in einer ihr v\u00f6llig unbekannten Umgebung wieder. Neben ihr der Typ, wie hie\u00df er noch mal? Wer war er? Er sagte etwas wie, sie solle sich keine Sorgen machen, soweit sei alles in Ordnung. Sie habe eine Art Schw\u00e4cheanfall gehabt und er habe sie mit zu sich genommen, einen Arzt verst\u00e4ndigt, ja, und nun sei sie eben hier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie brachte ein zaghaftes L\u00e4cheln \u00fcber die Lippen. Sie bei einem Typen, der sich um sie k\u00fcmmerte? Verr\u00fcckte Welt! Eine innere Stimme sagte,\u00a0<em>lass es bleiben<\/em>, aber eines Tages erz\u00e4hlte sie ihm doch ein wenig aus ihrem Leben. Als w\u00e4re es das Selbstverst\u00e4ndlichste, wohnte sie seit einer guten Woche bei ihm. Was war das bloss f\u00fcr ein Kerl? Er versuchte nichts bei ihr. Das war neu, anders, als sie es kannte. Sie fasste zaghaft etwas Vertrauen und er liess es irgendwie geschehen. Gab ihr zu verstehen, in seiner Art, wie er sprach, was er tat, sie k\u00f6nne mit ihm sprechen, wenn sie es wolle oder es auch sein lassen. Er dr\u00e4ngte nicht, forderte nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Taxi tauchte auf, sie winkte. Lass dir Zeit, hatte der Typ eines Tages gesagt, du brauchst Geduld. Ich kenne das, habe es selbst durchgemacht, war beschissen, aber es geht, glaub mir. Du kannst es schaffen. Spielt sich alles nur in deinem Kopf ab, der Rest ist unwichtig. Nur dein Kopf z\u00e4hlt und nur er kann dich aus deinem Schlamassel befreien, nur er &#8230;, sonst niemand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Foto HKReiter<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":874,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[203],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/854"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=854"}],"version-history":[{"count":22,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/854\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2576,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/854\/revisions\/2576"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/874"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=854"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=854"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=854"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}