{"id":881,"date":"2013-08-08T13:40:50","date_gmt":"2013-08-08T11:40:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=881"},"modified":"2015-09-14T16:28:39","modified_gmt":"2015-09-14T15:28:39","slug":"3-die-spirale","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/3-die-spirale\/","title":{"rendered":"(3) Die Spirale"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Im Taxi war die Welt irgendwie anders, empfand sie. Merkw\u00fcrdig. Du sitzt auf der R\u00fcckbank rechts, diagonal vorne links sitzt ein Mensch, den du in deinem Leben noch nie zuvor gesehen hast. Du sagst ihm, wohin du willst, und er f\u00e4hrt los. Fast augenblicklich entwickelt sich eine besondere Atmosph\u00e4re, etwas Vertrautes umgibt dich.<!--more--> Du kommst ins Gespr\u00e4ch. Banales, denkst du, er soll dich in Ruhe lassen, warum nur m\u00fcssen alle Taxifahrer der Welt quatschen? Aber du steigst darauf ein und pl\u00f6tzlich ertappst du dich, wie du diesem wildfremden Menschen Dinge erz\u00e4hlst, ganz pers\u00f6nliche Dinge. Du verstehst es nicht, aber du redest weiter, gibst Meinungen von dir und vertrittst Ansichten, die mit dir gar nichts zu tun haben, aber du sagst es, so, als \u00a0w\u00e4re es dir wichtig. Sp\u00e4ter, wenn du ausgestiegen bist und diesen Kosmos verlassen hast, fragst du dich, was da die letzten Minuten vorgegangen war, wieso du Dinge gesagt hast, die dir fremd sind, die dir gar nicht entsprechen, deren Gegenteil deine \u00dcberzeugung sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sprach \u00fcber Alkohol und sagte, sie k\u00f6nne Leute, die trinken, nicht verstehen. Sie sagte auch, man m\u00fcsse hart durchgreifen \u00a0bei solchen Typen, Kulanz w\u00fcrde ihnen nicht helfen und nur das Gegenteil bewirken. Der Fahrer sagte nichts und lie\u00df sie reden oder doch, ab und zu warf er ein aufmunterndes Wort ein, und sie redete weiter, redete sich die Seele aus dem Leib, redete Stuss ohne Ende. Zwei Stockwerke. Sie nahm die Treppe, verschm\u00e4hte den Lift. Wie oft hatte sie sich nach einer helfenden Hand gesehnt, nach einem Menschen, der Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sie gehabt h\u00e4tte, der nicht auf sie herabgeblickt und wegen ihres Trinkens schon von vorne herein verdammt h\u00e4tte. Was war in ihrem Gehirn bloss vorgegangen, gerade auf der Fahrt, im Taxi.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Brust zog sich zusammen, schn\u00fcrte sie ein. Das war nicht sie gewesen. Wie kam sie dazu, Dinge zu verabscheuen, die ihre eigene Situation reflektierten. Tr\u00e4nen stiegen in ihre Augen, entrangen ihr ein Schluchzen, forderten ihr Selbstmitleid heraus, dr\u00fcckten sie nach unten, machten sie zu einem H\u00e4ufchen Elend. Ihre H\u00e4nde fingen an zu zittern, der ganze K\u00f6rper schien sich ihrer Kontrolle entziehen zu wollen, wollte sich aufb\u00e4umen, um dann in sich zusammenzusacken. Ein winziger Funke ihres Verstandes machte sich ganz pl\u00f6tzlich bemerkbar und sagte,\u00a0<em>du darfst es nicht zulassen, halte dagegen!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie griff in ihre Tasche mit den Yogasachen, suchte nach der vertrauten Flasche, ihre H\u00e4nde griffen ins Leere, Panik, keine Flasche, Abgrund &#8230; kein zur\u00fcck! Wieder dieser Funke, im Widerstreit mit ihr selbst,\u00a0<em>lass es\u00a0<\/em><i>nicht zu, du darfst nicht &#8230;\u00a0<\/i>Die Hand aus der Tasche, Griff zum Hals, keine Luft, kein Atem, Beklemmung, ihr Herz raste, Stufe, hinsetzen, einen Augenblick nur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Licht im Treppenhaus erlosch. Das rote Signallicht des Dr\u00fcckers, viel zu weit entfernt, Dunkelheit. Sie rafft sich hoch, zieht sich am Gel\u00e4nder nach oben. Noch eine Treppe, die Wohnung ihres neuen Freundes,\u00a0nur noch ein paar Meter, dann h\u00e4tte sie es geschafft. Unvermittelt peitscht eine Woge durch ihren gepeinigten K\u00f6rper, l\u00e4sst sie f\u00fcr einen Augenblick innehalten, manifestiert sich in der N\u00e4he des Solarplexus, verleiht ihr Kraft. Kraft, die ihr schon fremd geworden war. Jetzt erst konnte sie es einordnen. Sie versp\u00fcrte erstmals seit langem wieder so etwas wie Gl\u00fcck. Ja, es war ein unb\u00e4ndiges Gef\u00fchl von Gl\u00fcck, das jetzt begann, sich langsam auszubreiten und alle Fasern ihres K\u00f6rpers einnahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erreichte den Druckknopf, Licht, dann machte sie kehrt. Jetzt nicht zu diesem Mann, der ihr zwar Freund war, aber sie f\u00fchlte, sie m\u00fcsse nach hause und alleine sein. Ein paar Kilometer durch die Nacht, zu Fuss. Niemand unterwegs, vereinzelt ein Fahrzeug, keine Passanten. Sie genoss es, f\u00fchlte sich befreit, hatte es geschafft ohne einen Tropfen aus der Flasche. Sie musste hart bleiben, durfte niemals mehr nachgeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie registrierte die Unordnung in ihrer Wohnung, aber sie war hier, in ihren eigenen vier W\u00e4nden. Im Schlafzimmer ging es einigerma\u00dfen. Sie riss die Fenster auf, saugte gierig die frische Luft in ihre Lungen und empfand mit einem Mal eine wohltuende Mattigkeit. Angezogen legte sie sich aufs Bett und begann unbewusst damit, die einzelnen Partien ihres K\u00f6rpers nach den Regeln zu entspannen, die sie in der Therapiegruppe gelernt hatte. Es gelang ihr sehr schnell, den Zustand der Schwere und damit einhergehend, den der Leichtigkeit zu erreichen. Sie sah die Wand, schritt hindurch, sah die Wiese, ging auf sie zu, schritt dar\u00fcber hinweg, liess sich noch tiefer fallen und befand sich augenblicklich an diesem wundersamen Ort der absoluten Ruhe, den sie das <em>Meer der Ruhe<\/em> genannt hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr eine Weile genoss sie diesen unendlichen Frieden, dann schritt sie weiter, einer Eingebung folgend, lie\u00df sich unendlich tief fallen, schwebte \u00fcber\u00a0<em>das Meer der Ruhe\u00a0<\/em>hinweg direkt auf eine Dimension von Farben zu, wie sie sie niemals zuvor gesehen hatte. Schleier von Farben wurden abgel\u00f6st durch Fl\u00e4chen, um wieder in neue Schleier einzum\u00fcnden, die sich in gewaltigen, Wolken gleichen Gebilden verloren. Weit entfernt nahm sie einen hellen Schein wahr. Ein Schein, der trotz seiner gewaltigen Strahlkraft ausnehmend sanft wirkte und sie magisch anzog. Unwiderstehlich, einer Spirale gleich, wie sie jetzt feststellte, je n\u00e4her sie kam, und diese Spirale drehte sich, nach rechts, von ihr weg, forderte sie auf, n\u00e4her zu kommen, einzusteigen und sich dem Lauf der Bewegung hinzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schwebte unmittelbar davor, sah, wie alles um sie in dieser Spirale entschwand, gleichsam aufgesogen, f\u00fchlte sich von einem Luftstrom getrieben, unaufhaltsam direkt auf den riesigen Mund der Spirale zu. Das anf\u00e4ngliche, uns\u00e4gliche Gef\u00fchl eines nicht gekannten Gl\u00fcckes wandelte sich nunmehr in abwehrende Panik.\u00a0<em>Nein<\/em> schrie etwas in ihr,<em> nicht da hinein, du bist nicht vorbereitet, kennst das Ende nicht &#8230;\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Widerstand schwand, erlahmte, wurde bedeutungslos angesichts der gewaltigen Kraft, der sie sich nicht mehr entziehen zu k\u00f6nnen schien. Irrational war sie gefangen in den von ihr selbst geformten Vorstellungen, als Mensch ihrer \u00a0Selbstbestimmung beraubt, nur noch ein vom Gehirn gesteuertes Wesen ohne Bewusstsein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Foto HKReiter<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":901,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[203],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/881"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=881"}],"version-history":[{"count":38,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/881\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2575,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/881\/revisions\/2575"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/901"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=881"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=881"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=881"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}