{"id":918,"date":"2013-08-12T09:00:44","date_gmt":"2013-08-12T07:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=918"},"modified":"2015-09-14T16:37:23","modified_gmt":"2015-09-14T15:37:23","slug":"4-das-gehirn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/4-das-gehirn\/","title":{"rendered":"(4) Das Gehirn"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die junge Frau ist machtlos. Sie kann die Z\u00fcge der Spirale erkennen.\u00a0Jeden einzelnen.\u00a0Nicht besonders scharf, eher nebelig wabernd, rotieren sie gleichm\u00e4\u00dfig nach rechts.\u00a0Was sie erfassen, ist ihnen\u00a0ausgeliefert, wird mitgerissen und unwiederbringlich ins Innere der Spirale\u00a0geschleudert. Ihr Widerstand erlahmt, sie gibt nach, die Spirale greift nach ihr und\u00a0droht, sie als Opfer\u00a0zu verschlingen &#8230;<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem m\u00e4chtigen Get\u00f6se zerfetzt der T\u00fcrgong die Stille. Einmal, zweimal, &#8230; <em>ginggong, <\/em>wobei das\u00a0<em>Gong <\/em>von einem\u00a0tiefen, nachschwingenden Ton getragen wird. Die junge Frau zuckt zusammen, schrickt hoch, kann nicht einordnen, wo sie sich befindet, was geschehen ist, \u00f6ffnet die Augen mit einem starren Blick in die Ferne gerichtet. Langsam findet sie in die Wirklichkeit zur\u00fcck, der T\u00fcrgong, noch einmal sein dr\u00f6hnendes Signal. Sie steht auf, schlurft benommen zur T\u00fcre, \u00f6ffnet Gedanken verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Hallo&#8220;, sagt des Typ, ihr neuer\u00a0<em>Freund,<\/em>\u00a0&#8222;ich habe mir Sorgen gemacht&#8220;, sagt er schlicht.\u00a0<em>Er hat sich Sorgen gemacht, um dich,\u00a0<\/em>h\u00e4mmert es in ihrem Kopf. Wann war das zum letzten Male der Fall gewesen? Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Niemand hat sich je Sorgen gemacht um sie, immer nur gefordert und genommen haben die Menschen, die ihren Weg kreuzten. Nur das war ihr haften geblieben. Die Eltern? Sie verschwendete keinen Gedanken darauf. Die Mutter, hatte sich Anfangs wohl noch um sie bem\u00fcht, hatten ihr sp\u00e4ter Bekannte erz\u00e4hlt, aber mit der Zeit sei sie ihr zum Ballast geworden. Die Mutter liebte das Leben und ein Kind fand da eben nicht seinen Platz. Dann war sie pl\u00f6tzlich verschwunden, hatte sie einfach zur\u00fcckgelassen. Ihren Vater hatte sie nie gekannt. Das war schon alles zu ihrer Familie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was, &#8230; was machst du denn hier?&#8220;, brachte sie m\u00fchsam \u00fcber die Lippen. &#8222;Du bist nicht nach Hause gekommen. Ich dachte, ich sehe mal nach,&#8220; erwiderte er verlegen. Er kannte sie doch eigentlich gar nicht, wusste nichts von ihr. Ihre Adresse hatte er von einem Brief, der einmal aus ihrer Tasche gerutscht war. Sie war ihm nicht gleichg\u00fcltig, ein neues Gef\u00fchl f\u00fcr ihn, er mochte diese Frau ganz einfach, so war es eben. Nun, es hatte schon eine Weile gedauert, bis er das erfasst hatte, genau genommen bis letzte Nacht, als er ihren Schl\u00fcssel nicht sperren h\u00f6rte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Okay, komm rein&#8220;, h\u00f6rte sie sich sagen. &#8222;Sieht ein bisschen w\u00fcst aus, war einige Zeit nicht hier. Na ja, du weisst ja.&#8220; Mit einer Handbewegung r\u00e4umte sie das Sofa leer und sagte, er solle sich doch setzen. Sie suchte im K\u00fchlschrank nach etwas Trinkbarem, vergeblich. &#8222;Ich mache uns einen Tee, wenn du magst?&#8220; Er mochte, obwohl er sonst lieber Kaffee trank. Er musste etwas sagen, brachte aber nichts hervor. Die Kehle, wie zugeschn\u00fcrt. Was war los mit ihm? <em>Ist einfach<\/em>, sagte sein Gehirn, <em>du liebst sie!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich weiss nicht, ich dachte &#8230;, ich wollte ein wenig allein sein&#8220;, stotterte sie daher. &#8222;Ich verstehe&#8220;, antwortete er, &#8222;willst du &#8230;, soll ich gehen?&#8220; &#8222;Nein, nein!&#8220;, schrie sie beinahe. &#8222;Bleib ruhig hier, ist so einsam allein.&#8220; Dann schwiegen sie beide, bis das Wasser f\u00fcr den Tee kochte. &#8222;Ich habe nur einen Fr\u00fcchtetee&#8220;, sagte sie z\u00f6gerlich. &#8222;Fr\u00fcchtetee, ja &#8230; ist ausgezeichnet, trinke ich sehr gerne.&#8220; &#8222;Du L\u00fcgner! Du magst ihn doch \u00fcberhaupt nicht&#8220;, lachte sie etwas zutraulicher. &#8222;Ja, gut, &#8230; stimmt schon irgendwie, aber ich w\u00fcrde gerne mal eine Ausnahme machen.&#8220; Unbeholfen, was er da so von sich gab, aber was sollte er tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Weisst du&#8220;, sagte er dann unvermittelt &#8222;mit unserem Gehirn ist das so eine Sache, wir tun Dinge, von denen wir glauben, sie seien wohl durchdacht, in Wirklichkeit sind sie bestimmt von Reaktionen der Nerven, die dem Gehirn Informationen zuleiten, etwa in der Art von Vorahnungen. Wenn Dinge schon sehr oft in unserem Leben eingetreten sind, sind solche Informationen dadurch im Gehirn schneller verf\u00fcgbar. Im Ergebnis bedeutet das, wir reagieren wesentlich schneller, als es auf dem Weg \u00fcber unser Bewusstsein m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die junge Frau schaute ihn mit gro\u00dfen Augen an. &#8222;Was du so alles weisst!&#8220; &#8222;Na ja&#8220;, wiegelte er ab. &#8222;Ich habe mich einmal daf\u00fcr interessiert.&#8220; &#8222;Was heisst das, du hast dich einmal daf\u00fcr interessiert?&#8220; &#8222;Ich bin einmal zur Universit\u00e4t gegangen, wie ein richtiger, braver Student.&#8220; &#8222;Bevor du das durchgemacht hast, von dem du sprachst, ohne es n\u00e4her zu benennen?&#8220; &#8222;Ja, davor&#8220;, sagte er karg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Gehen wir etwas Essen, ich h\u00e4tte Lust darauf. Ich lade dich ein.&#8220; &#8222;Ich weiss nicht, wenn du meinst?&#8220; &#8222;Gleich um die Ecke, ein kleines Bistro.&#8220; Sie setzten sich in eine Ecke und bestellten ein paar Kleinigkeiten. &#8222;Ich m\u00f6chte dir etwas erz\u00e4hlen&#8220;, sagte die junge Frau pl\u00f6tzlich. &#8222;Wenn du keine Lust darauf hast, sag es ruhig, ich h\u00f6re dann sofort auf.&#8220; &#8222;Nein, nein, ich &#8230;, erz\u00e4hle nur!&#8220; Sie berichtete von der Therapie und was sie soeben in ihrer Wohnung erlebte. Erz\u00e4hle aus ihrem Leben und dem verfluchten Zwang nach Alkohol und wie sie das alles verabscheute und sich bem\u00fchte, da wieder heraus zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich werde dir helfen, wenn du das willst&#8220;, sagte er. &#8222;Ich m\u00f6chte dich verstehen&#8220;, wobei er\u00a0<em>m\u00f6chte<\/em> betonte. Der jungen Frau war diese kleine Nuance nicht entgangen und sie f\u00fchlte, wie ihr diese winzige Bemerkung gut tat, ihr ein Gef\u00fchl von Geborgenheit einhauchte und bevor sie etwas sagen konnte, fuhr er schon fort: &#8222;Ich kenne\u00a0<em>Das Meer der Ruhe,\u00a0<\/em>ich kenne auch\u00a0<em>Die Spirale.<\/em> Du wird sie eines Tages durchschreiten, sie hinter dir lassen und einen Schritte n\u00e4her heran gekommen sein an\u00a0<em>Das Tal der Sehnsucht.\u00a0<\/em>Ich bin dort gewesen. Danach wirst du deine Probleme bew\u00e4ltigt haben, und Alkohol keine Gefahr mehr f\u00fcr dich sein. Du bist auf dem richtigen Weg, halte daran fest und verlasse ihn nicht!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die junge Frau war \u00fcberrascht, mit welcher Bestimmtheit in der Stimme er gesprochen hatte, ganz so, als g\u00e4be es nicht den geringsten Zweifel, alles w\u00fcrde genau so eintreten, wie von ihm vorhergesagt. \u00dcber sich hatte er nichts erz\u00e4hlt, auf ihre Fragen nur gesagt, eines Tages, wenn es soweit w\u00e4re, w\u00fcrde sie alles erfahren. Sie gingen zu ihm. In dieser Nacht versp\u00fcrte sie seit langem wieder ein Gef\u00fchl nach W\u00e4rme, zaghafte Impulse von Sehnsucht keimten hoch, und sie schlief ein, ohne einen Gedanken an die t\u00f6dliche Flasche in ihren Fantasien bek\u00e4mpfen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Foto HKReiter<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":930,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[203],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/918"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=918"}],"version-history":[{"count":15,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/918\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2579,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/918\/revisions\/2579"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/930"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=918"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=918"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}