{"id":933,"date":"2013-08-17T09:00:15","date_gmt":"2013-08-17T07:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=933"},"modified":"2015-09-14T16:36:14","modified_gmt":"2015-09-14T15:36:14","slug":"4-der-ring","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/4-der-ring\/","title":{"rendered":"(5) Der Ring"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In der K\u00fcche klapperte Geschirr. &#8222;Fr\u00fchst\u00fcck&#8220;, sagte eine ihr unbekannte Stimme.\u00a0Irritiert h\u00fcpfte die junge Frau aus dem Bett, um sich Gewissheit zu verschaffen. Tats\u00e4chlich, eine Frau, etwa in ihrem Alter, goss Kaffee in zwei Tassen. &#8222;Guten Morgen&#8220;, sagte sie. &#8222;Setz dich doch und leiste mir Gesellschaft:&#8220; &#8222;Ich verstehe nicht &#8230;&#8220;, stammelte sie verwirrt. Wer war diese Frau und wo zum Teufel steckte ihr <em>Freund<\/em>?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ach so, wir kennen uns ja nicht. Mein Bruder hat mich gebeten, nach dir zu sehen. Er musste zu einem Termin, ein Auftrag, glaube ich.&#8220; \u00a0<em>Nach ihr sehen, Auftrag?<\/em> Ihr Gehirn signalisierte Unverst\u00e4ndnis, und die Mimik ihres Gesicht schien dies deutlich auszudr\u00fccken, denn die Schwester des\u00a0<em>Freundes\u00a0<\/em>lachte und sagte: &#8222;Keine Sorge, mein Bruder meinte nur, du w\u00e4rest momentan in einer etwas schwierigen Phase und da sei es besser, wenn ich hier w\u00e4re.&#8220; &#8222;Sagte er das&#8220;, antwortete sie zur\u00fcckhaltend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wusste nicht, was sie mit der Frau reden sollte, aber es tat ihr gut, jemanden um sich zu haben. Ein merkw\u00fcrdiger Typ ihr\u00a0<em>Freund, <\/em>dachte sie<em>.\u00a0<\/em>Irgendwie schien er immer zu wissen, was f\u00fcr sie gut war. Sie wusste nichts von ihm, vielleicht eine Gelegenheit, mit seiner Schwester ins Gespr\u00e4ch zu kommen. &#8222;Erz\u00e4hl mir von deinem Bruder&#8220;, sagte sie schliesslich. &#8222;Ihr kennt euch noch nicht sehr lange, nicht war? Was soll ich sagen, mein Bruder ist, entschuldige bitte, wenn ich das so ausdr\u00fccke, ein wenig verr\u00fcckt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Verr\u00fcckt?&#8220;, flocht die junge Frau ein. &#8222;Was meinst du damit?&#8220; &#8222;Nicht verr\u00fcckt im Sinne von, na ja, &#8230; von psychisch labil. Er macht verr\u00fcckte Sachen, das meine ich. Geht zum Beispiel auf Leute zu, die irgendwie auff\u00e4llig geworden sind, und redet mit ihnen, will verstehen, was sie dazu veranlasst hat.&#8220; &#8222;Was heisst das, auff\u00e4llig?&#8220;, fragte sie dazwischen. &#8222;K\u00fcrzlich hat er Jungendliche in einer Klinik aufgesucht, die dort wegen zuviel Alkoholkonsum behandelt werden mussten. Er spricht mit Leuten, die im Affekt schlimme Sachen angestellt haben oder geht zu ausgeflippten K\u00fcnstlern, um sie nach ihren Beweggr\u00fcnden zu befragen. Vor ein paar Wochen wollte er herausfinden, was Leute antreibt, ihr Geld mit Stunts zu verdienen. Das Verr\u00fcckte dabei ist, er spricht nicht nur mit diesen Menschen, er versucht auch, ihr Besonderheiten nachzuahmen. Er sagt, das sei notwendig, sonst k\u00f6nne er ihre Empfindungen nicht beurteilen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was ist dein Bruder?&#8220;, fragte die junge Frau. &#8222;Hat er dir das nicht gesagt?&#8220; &#8222;Nein, hat er nicht. Wir haben bisher \u00fcberhaupt nur sehr wenig gesprochen.&#8220; &#8222;Dann wird er seine Gr\u00fcnde haben, es dir sp\u00e4ter einmal zu erz\u00e4hlen. Frag&#8216; ihn selber danach.&#8220; Damit schien das Gespr\u00e4ch beendet. Die Schwester wirkte jetzt nicht mehr so offen, hatte sie den Eindruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Er hat mir gesagt, du \u00fcbst dich in Entspannungsmethoden, \u00e4hnlich dem autogenen Training?&#8220;, fragte die Schwester dann beil\u00e4ufig.\u00a0\u00a0Hatte sie sich nur etwas eingebildet? \u00a0Die Frage war v\u00f6llig normal und freundlich gestellt, anstelle von Zur\u00fcckhaltung eher Vertrautheit. &#8222;Ja, ich habe mit einer Therapie begonnen, zuviel Alkohol und andere Probleme, weisst du. Wir \u00fcben, uns total zu entspannen und unter Anleitung, eine andere Ebene unseres Bewusstseins zu erreichen. Wir erleben andere Zust\u00e4nde und manchmal w\u00fcrde ich daraus am Liebsten nicht mehr zur\u00fcckkommen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Frag&#8216; meinen Bruder, er wird die erkl\u00e4ren, wie diese Dinge zusammenh\u00e4ngen. In Wirklichkeit bist du dabei, dein Bewusstsein zu verlassen. Dein Gehirn \u00fcbernimmt die Regie, wie schon zuvor nat\u00fcrlich, aber jetzt tats\u00e4chlich noch intensiver. Was du in diesem Zustand erlebst, kommt ja gerade nicht aus deinem Bewusstsein. Du f\u00fchlst dich frei, dein Bewusstsein w\u00fcrde dich an die Erde ketten und das Gegenteil bewirken. Das Meiste in unserem Leben steuert unser Gehirn unter Umgehung des Bewusstseins, anders w\u00e4re unser Leben mehr als kompliziert. Wenn wir etwas Neues erlernen, sagen wir Tanzen, strengen wir anfangs unser Gehirn an, lernen die Schritte, machen uns Gedanken \u00fcber Figuren und so weiter, aber langsam und unbemerkt denken wir beim Ablauf immer weniger an diese Dinge, sondern automatisieren sie. Schon bald beherrschen wir den erlernten Tanz in einer Weise, dass wir ihn ausf\u00fchren k\u00f6nnen ohne nachzudenken und uns dabei mit unserem Partner \u00fcber andere Dinge unterhalten.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Du meinst, die Therapie will genau dies bewirken? Das Negative, den Alkohol und alles, aus dem Bewusstsein vertreiben, damit es frei wird f\u00fcr Neues?&#8220; &#8222;So k\u00f6nntest du es durchaus sehen. Dein Gehirn steuert dein Leben. Das bedeutet beispielsweise auf das Trinken bezogen, noch bevor dein Bewusstsein sagt\u00a0<em>greif zur Flasche\u00a0<\/em>hat dein Gehirn schon entschieden, zur Flasche zu greifen. Die Therapie will also tats\u00e4chlich bewirken, dein Gehirn frei zu machen von solchen Gedanken. Wenn es befreit ist, wirst du nicht mehr zur Flasche greifen wollen, verstehst du?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was du sagts ist, wenn ich glaube, etwas bewusst zu tun, dann lag die Entscheidung hierf\u00fcr bereits vorher in meinem Gehirn fest? Das, was wir Bewusstsein nennen ist nur eine Art vorgeschobener Wall, damit unser Gehirn in seiner Arbeit nicht beeintr\u00e4chtigt wird?&#8220; &#8222;Siehst du, ich bin auch keine Spezialistin in diesen Dingen, aber ist es nicht so, wir brauchen unser Bewusstsein prim\u00e4r als Reflexionsebene, um mit uns selbst sozusagen in einen Disput einzutreten, Abw\u00e4gungen vorzunehmen et cetera.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wer bin ich dann wirklich?&#8220;, fragte die junge Frau nach ein paar Sekunden des Nachdenkens. &#8222;Mein Bruder hat es mir einmal so erkl\u00e4rt, wenn wir den Ring geschlossen haben und die Zusammenh\u00e4nge erkennen, erst dann erhalten wir eine vage Ahnung von dem, was oder wer wir tats\u00e4chlich sind. Zu viele Dinge bestimmen unser Leben, die auf anderen Ebenen stattfinden, als dem Bewusstsein. Deshalb ist es oft so unendlich schwer, Handlungen und Straftaten von Menschen zu verstehen, die sie selbst nicht verstehen, f\u00fcr die sie keine Erkl\u00e4rung finden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unbemerkt von den beiden Frauen hatte sich die Zimmert\u00fcre einen Spalt breit ge\u00f6ffnet. Sie sahen die H\u00e4nde des Mannes nicht, sahen nicht, was er hinter seinem R\u00fccken verborgen hielt. Ein knappes R\u00e4uspern nur, und doch erschraken sie derart, dass jede Farbe aus ihren Gesichtern entwich. &#8222;Ich h\u00f6re euch schon eine Weile zu&#8220;, sagte der Mann. &#8222;Es gibt nicht mehr viel, was ich erg\u00e4nzen k\u00f6nnte.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wer bist du?&#8220;, fragte die junge Frau spontan. &#8222;Ich werde es dir sagen. Ich denke, du bist bereit daf\u00fcr und kannst die Wahrheit jetzt ertragen.&#8220; &#8222;Willst du, dass ich bleibe?&#8220;, fragte seine Schwester. &#8222;Bleib ruhig&#8220;, sagte der Mann. &#8222;Es gibt Dinge, die auch du noch nicht kennst.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Foto HKReiter<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":942,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[203],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/933"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=933"}],"version-history":[{"count":15,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/933\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2578,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/933\/revisions\/2578"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/942"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=933"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=933"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=933"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}