{"id":947,"date":"2013-08-19T09:00:27","date_gmt":"2013-08-19T07:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=947"},"modified":"2015-02-11T02:47:36","modified_gmt":"2015-02-11T00:47:36","slug":"6-der-freund","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/6-der-freund\/","title":{"rendered":"(6) Der Freund"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Geheimnis war gel\u00fcftet. &#8222;Ihr ward gespannt und habt deshalb etwas Besonderes vermutet, aber es sind nur ein paar Blumen&#8220;, erkl\u00e4rte der <em>Freund\u00a0<\/em>der jungen Frau, als er seine Arme langsam nach vorne nahm.&#8220;Blumen?&#8220;, blickte sie irritiert.<!--more--> &#8222;Warum Blumen? Gibt es einen Anlass? Blumen verlangen doch immer nach einem Grund.&#8220; &#8222;Ja es gibt einen, du bist der Anlass.&#8220; &#8222;Ich, wieso?&#8220; &#8222;Es ist sehr einfach, ich freue mich, dass du hier bist und wie sollte ich es besser ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, als mit Blumen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge Frau waren Gef\u00fchls\u00e4u\u00dferungen in dieser Form fremd. Ein Mann, der ihr Blumen schenkte, wozu? Sie wurde verlegen und f\u00fchlte sich unbehaglich, noch dazu vor seiner Schwester. Eine Erinnerung an die Kindheit tauchte auf. Es war in der Schule gewesen, sie war gelobt worden, vor der Klasse, f\u00fcr etwas ihrer Ansicht nach v\u00f6llig Normales. Warum k\u00f6nnen Menschen einen nicht einfach in Ruhe lassen und akzeptieren wie man ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwie brachte sie dann doch ein <em>es freue sie<\/em> \u00fcber die Lippen. Er nahm es ihr nicht ab, das war deutlich zu sehen, sagte aber nichts weiter. &#8222;Du willst wissen, wer ich bin?&#8220;, fragte er statt dessen. Sie sagte\u00a0<em>ja,<\/em> aber war nicht mehr sicher, ob sie es wirklich wollte. Dann setzt euch, ich will es erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich bin 38 und war mein ganzes Leben ein v\u00f6llig normaler, nicht besonders auff\u00e4lliger Mensch. Einen Teil davon kennt meine Schwester aus der gemeinsamen Zeit in der Familie. Bis zu dem Tag, als sich alles \u00e4ndern sollte. Ich war, wie jeden Tag, auf dem Weg zur Uni. Als junger Mann bereits eine Professur, das kam nicht so oft vor, und ich investierte alles, was mich ausmachte, meine ganze Kraft, in diese Aufgabe. Wie es dazu kam, ist ohne Bedeutung f\u00fcr das Folgende. Ich war tats\u00e4chlich dabei, mir einen Namen in der Gehirnforschung zu machen. Es interessierte mich, und das tut es immer noch, warum Menschen zu bestimmten Verhaltensformen neigen, die andere in ganz \u00e4hnlichen Situationen nicht aufweisen &#8230;&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die junge Frau bemerkte, wie ihr Atem unwillk\u00fcrlich langsamer geworden war. War es die Art, wie er erz\u00e4hlte? Sie konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, hing aber an seinen Lippen, das war ihr bewusst. Was ihr anfangs \u00f6de schien, entpuppte sich zu einer mit Spannung geladenen Episode.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;&#8230; Ich ging in mein B\u00fcro und vertiefte mich umgehend in ein Forschungsprojekt,\u00a0<em>Hypnose als selbstprojezierte Suggestion.\u00a0<\/em>Einfach ausgedr\u00fcckt, ich wollte ergr\u00fcnden, ob Menschen bestimmte Verhaltensformen in einer Art Selbsthypnose praktizieren. Dies h\u00e4tte erkl\u00e4rt, warum manche eben so handeln, wie sie es tun, und andere nicht. Dieser Form der Hypnose m\u00fcsste, wenn sie tats\u00e4chlich existierte, eine extrem tiefe Selbstsuggestion vorausgehen, aus der sich der Betroffene nicht mehr befreien k\u00f6nnte. &#8230; Und sie m\u00fcsste quasi ad hoc einsetzen, zum Beispiel auf ein bestimmtes Ger\u00e4usch oder Signal hin. W\u00e4re dies der Fall, so meine Hypothese, k\u00f6nnte ein solcher Mensch augenblicklich in einen Hypnose \u00e4hnlichen Zustand verfallen, der ihm suggerierte, eine Handlung ausf\u00fchren zu m\u00fcssen, die fr\u00fcher einmal dem Reich seiner Fantasie entsprungen war &#8230;&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schwester sagte nichts. Gebannt, wie die junge Frau, folgte sie den Ausf\u00fchrungen des Bruders. Es waren die Details, die sie fesselten, die sie bisher so nicht gekannt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;&#8230; Weil nun schicksalhafter Weise die realen Umst\u00e4nde mit der Suggestion fr\u00fcherer Fantasien zusammenpassen, man k\u00f6nnte auch sagen, zusammenprallen, passiert das Unausweichliche. Ein Mensch wird in dieser Konstellation zum M\u00f6rder. Ist er nun f\u00fcr seine Tat verantwortlich? Ihr werdet mir entgegnen, das sei spekulativ, so etwas g\u00e4be es in Wirklichkeit nicht. Ich aber erwidere, schaut euch jene T\u00e4ter an, die unisono berichten, sie w\u00fcssten nicht, warum sie die Tat begangen h\u00e4tten, es sei alles abgelaufen wie in Trance. Man befragt sie weiter und immer tiefer, kommt aber zu keinem Schluss. Die Tat haben sie objektiv begangen und sie werden daf\u00fcr verurteilt &#8230;&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der jungen Frau wurden ihre Erlebnisse bewusst. War das, was der\u00a0<em>Freund<\/em> hier schilderte, \u00e4hnlich. K\u00f6nnte sie sich soweit verlieren, dass sie nicht mehr gewusst h\u00e4tte, was sie tut? Sie w\u00fcrde ihn fragen, sp\u00e4ter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;&#8230; Ich komme jetzt auf den Punkt. In diesem Zustand des sich hineinversetzen in die menschliche Psyche verlasse ich mein B\u00fcro, um irgend etwas belangloses zu erledigen. Meine Gedanken sind immer noch gefangen von der erstellten Hypothese, da geschieht es. Ich komme zu mir, Menschen halten mich fest, andere stehen um mich gruppiert. Ich kann nicht sagen, was geschehen ist. Man sagt es mir. Ich bin entsetzt und verstehe mich und die Welt nicht mehr &#8230;&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden Frauen halten den Atem an. Es herrscht eine Stille, man h\u00e4tte die buchst\u00e4bliche Stecknadel fallen h\u00f6ren. Fragen brennen in ihnen, aber sie sagen nichts, sind unf\u00e4hig ein Wort hervor zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;&#8230; Ich h\u00e4tte versucht, einen Kollegen niederzuschlagen, der zuf\u00e4llig des Weges gekommen w\u00e4re und im Spass gefragt habe, ob ich wieder im Reich der Fantasien versunken sei. In Realita hatte ich mit einem Gegenstand, einer schmalen Vase, sagte man mir, auf ihn eingedroschen und ihn erheblich verletzt, so schwer verletzt, das er wenige Tage sp\u00e4ter im Krankenhaus verstarb. Ich war nicht mehr der geachtete Professor. In den Augen der \u00d6ffentlichkeit, in den Augen meiner Kollegen, war ich von einer Sekunde auf die andere zu einem mordenden Monster mutiert &#8230;&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die junge Frau stie\u00df einen spitzen Schrei aus und f\u00fchlte, es z\u00f6ge ihr den Boden unter den F\u00fcssen weg. Sie war machtlos, meinte, in Ohnmacht zu fallen, aber das Bewusstsein hielt sie mit letzter Kraft aufrecht oder war es ihr Gehirn oder waren es andere Organe oder Funktionen ihres K\u00f6rpers? Sie wusste es nicht und wollte es auch nicht wissen, nicht im Augenblick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8220; &#8230; Gutachter attestierten mir schizophrene Anlagen und so kam ich nicht ins Gef\u00e4ngnis, sondern musste mich einer mehrj\u00e4hrigen Behandlung in der Psychiatrie unterziehen. Ich weiss nicht, was besser gewesen w\u00e4re. Als ich entlassen wurde, fing ich an, zu trinken. Alles war zerst\u00f6rt, mein Leben, meine Zukunft. Niemand, der von mir h\u00e4tte etwas wissen wollen. Meine Familie, meine Schwester halfen mir schliesslich wieder auf die Beine. Es brauchte viel Zeit und Geduld, von mir, aber noch mehr von jenen, die versuchten, mir Halt zu geben &#8230;&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schwester konnte die Tr\u00e4nen nicht mehr stoppen und sagte: &#8222;Du musst nicht weiter reden, lass es gut sein.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;&#8230; Ich war ein \u00fcbler Bursche in dieser Zeit. Eines Tages aber traf ich zuf\u00e4llig einen ehemaligen Kollegen, der mich kaum wieder erkannte, wie er sagte. Tiefe Augenh\u00f6hlen, ein vom Alkohol gezeichnetes Gesicht. &#8222;Wissen Sie&#8220;, sagte er, &#8222;dass ich Ihre Hypothesen weiter verfolgt habe.&#8220; Er dr\u00fcckte mir eine Karte in die Hand und bat mich, ihn die n\u00e4chsten Tage zu besuchen, zuhause, privat. Das habe ich gemacht und er war es, der mich zu einer Therapie schleppte, die mir half, vom Alkohol loszukommen. Es hat allerdings einige Zeit gedauert und dann sagte er zu mir, er wolle mit mir zusammenarbeiten, mein fr\u00fcheres Gebiet mit mir zusammen vertiefen. Das ist es, was ich heute tue, mit grossem Interesse und Engagement und ich verdiene sogar Geld damit.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die junge Frau sah ihm ins Gesicht und sagte offen: &#8222;Ich danke dir, ja, du weisst gar nicht, wie sehr. Ich danke dir auch f\u00fcr die Blumen. Jetzt mag ich sie. Vorher mochte ich sie nicht, du hattest recht gehabt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":953,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[203],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/947"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=947"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/947\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2580,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/947\/revisions\/2580"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/953"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=947"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=947"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}