{"id":993,"date":"2013-09-06T09:00:55","date_gmt":"2013-09-06T07:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=993"},"modified":"2015-09-14T16:56:51","modified_gmt":"2015-09-14T15:56:51","slug":"euphrat-und-tigris","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/euphrat-und-tigris\/","title":{"rendered":"Euphrat und Tigris"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mesopotamien! Geheimnisvolles dr\u00e4ngt sich uns auf, wenn wir an diese Kulturlandschaft Vorderasiens denken. Alexander \u00a0der Gro\u00dfe kommt uns in den Sinn, bizarre Bilder aus dem Alten Orient geistern durch das Ged\u00e4chtnis und wir erinnern uns, dass dort eine der Wiegen unserer Menschheit liegt, die viele tausend Jahre vor unsere Zeitrechnung zur\u00fcckreicht.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfang der 80er Jahre, ich war damals Mitte Drei\u00dfig, bin ich an einer Hotelbar mit einem etwa gleichartigen Mann ins Gespr\u00e4ch gekommen. Wenn du viel unterwegs bist, merkst du im Laufe der Zeit, wie einfallslos eigentlich solche Bars sind. Immer der gleiche lange Tresen, manche in U-Form, andere bilden ein L oder sind fantasielos geschwungen. Du bestellst ein Bier, klotzt auf einen der zahlreichen Bildschirme, die gegen\u00fcber an einem Schwenkarm h\u00e4ngen, und siehst unentwegt Golf, Segelregatten oder andere Sportarten. Manche zeigen unabl\u00e4ssig bl\u00f6dsinnige Musikvideos oder Modeshows. Das Absurde ist zus\u00e4tzlich noch dadurch auf die Spitze getrieben, weil du keinen Ton h\u00f6rst. Stumm geschaltet. Musikvideos ohne Ton, das ist kaum noch zu \u00fcberbieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann erz\u00e4hlt mir von seiner ersten Reise nach Bagdad. Am Abend waren sie gelandet. Die Landebahnbefeuerung erlosch sofort, kaum, dass die Maschine aufgesetzt hatte. Der Irak befand sich damals im Krieg mit dem Iran. Zwei Nachbarn schlagen sich die Sch\u00e4del ein. Niemand h\u00e4tte geglaubt, dass so etwas im 20sten Jahrhundert noch einmal m\u00f6glich w\u00e4re. Aber es war m\u00f6glich, erkl\u00e4rte mein Barbekannter. &#8222;Da unten brodelt es st\u00e4ndig&#8220;, sagte er. &#8222;1980 hat Saddam Hussein die iranische Erd\u00f6lprovinz\u00a0Khuzestan\u00a0 \u00fcberfallen, um sich die Vorherrschaft im Mittleren Osten zu sichern. Aber daraus ist nichts geworden. Saddams Plan ging nicht auf. Seit dem liegen die beiden Staaten im Krieg. Welche Rolle der Westen dabei spielt, ist nicht durchschaubar. Ich erkl\u00e4re Ihnen, was ich damit meine.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verstohlen blickte ich auf die Uhr und hoffte, es w\u00fcrde nicht zu lange dauern. Was er mir aber dann erz\u00e4hlte, lie\u00df die Zeit wie im Flug vergehen: &#8222;Als ich die Passkontrolle erreichte, erlebte ich meine erste \u00dcberraschung. Ordentlich reihte ich mich ein, um zu warten, bis ich dran sei. Es gab mehrere Schalter und gut sichtbar waren die Buchstaben des Alphabetes angebracht, f\u00fcr die sie zust\u00e4ndig waren. Endlich war ich dran. Der Beamte war sehr freundlich und lachte. Ich verstand nicht so recht, was er mir sagen wollte, aber er wiederholte, ich sei am falschen Schalter. Am falschen Schalter, wieso, mein Name beginnt doch mit einem <em>R<\/em>? Ihr zweiter Name, das ist richtig erkl\u00e4rte mir der Beamte, aber Ihr erster Name beginnt mit einem <em>H<\/em>, nicht war? Er lachte immer noch. Da ging mir ein Licht auf. Erster Name gleich Vorname bei uns und zweiter Name gleich Familienname. Das R\u00e4tsel war geknackt. Bevor er mich dann tats\u00e4chlich zum Schalter f\u00fcr <em>H<\/em> geschickt h\u00e4tte, sagte er, geben Sie her, und klatschte den Stempel auf eine leere Seite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erste Nacht verbrachte ich in einem abenteuerlichen Hotel in der Stadt. Ich hatte ein Zimmer mit zwei Fenstern, wie es schien. Eines links, das andere rechts. Der Vorhang vor beiden zugezogen. Das ist wegen der Verdunkelung, dachte ich, l\u00f6schte das Licht im Zimmer und zog einen der Vorh\u00e4nge zur\u00fcck. Ich fasste es nicht. Dahinter kam nicht ein Fenster zum Vorschein, sondern einfach nur die eine Wand des Zimmers. Es gab kein Fenster. An der gegen\u00fcberliegenden Wand gab es zwar ein Fenster, aber das hielt man besser geschlossen, wenn es \u00fcberhaupt zu \u00f6ffnen gewesen w\u00e4re. Es f\u00fchrte lediglich auf den Hotelflur, von dem die anderen Zimmer abzweigten. Mein Zimmer war ein K\u00e4fig, nicht mehr. Daf\u00fcr 500 Dollar pro Nacht, auch nicht \u00fcbel, dachte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag zog ich in eines der gro\u00dfen Hotels einer franz\u00f6sischen Kette, das haupts\u00e4chlich Ausl\u00e4nder beherbergte. Unmittelbar neben dem Hotel befand sich die IRNA, die Iraq News Agency. \u00dcber der Stra\u00dfe zog der Tigris mit schmutzig, braunen Wogen seine Bahn. An der IRNA vorbei, ein St\u00fcck weiter, nach links \u00fcber eine Br\u00fccke, erreichte man schnelle den Suk, den Basar Bagdads. Die Luft war fast immer von Abgasen geschw\u00e4ngert, die das Atmen schwer machten. Schon nach wenigen Z\u00fcgen brannten Nase, \u00a0Hals und Lungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Hotelanlage geh\u00f6rten Pavillons mit verschiedenen Restaurants und L\u00e4den. Die Leute sa\u00dfen auch gerne in der Bar im 18. Stock, obwohl Nachts wegen bef\u00fcrchteter Luftangriffe meist verdunkelt war. Aus der Ferne h\u00f6rte man Gefechtsl\u00e4rm. Artillerie oder Flugabwehr. Dumpfe und helle Schl\u00e4ge oft mit Pausen, \u00fcber Stunden hinweg. Anfangs bist du schockiert. Sp\u00e4ter legt sich das dann, obwohl dir bewusst wird, wie nahe der Frontverlauf sein musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war unterwegs f\u00fcr eine Firma, die mit der Regierung zu tun hatte. Keine Waffen, muss ich dazu erg\u00e4nzen, damit kein falscher Eindruck entsteht. Mir ist aufgefallen, dass viele der Geb\u00e4ude, in denen Besprechungen stattfanden, inmitten von Wohngebieten lagen. Auch milit\u00e4rische mussten darunter gewesen sein, weil sie von schwer bewaffneten Soldaten bewacht waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal am fr\u00fchen Abend eines normalen Tages, an dem ich viele Besuche abgewickelt hatte, und mich gerade daran machte, die Ereignisse des Tages in einer Notiz festzuhalten, gab es eine f\u00fcrchterliche Detonation. Das Hotel erzitterte, wie bei einem Erdbeben. Sofort ging das Licht aus, die Klimaanlagen liefen aber weiter. Im ersten Moment dachte ich an einen Bombenabwurf. Die Iraner mussten durchgekommen sein, anders war diese Detonation nicht zu erkl\u00e4ren. Vorsichtig schob ich den Vorhang zu Seite und sah zwischen den Pavillons aufgeregte Menschen hin und her laufen. Wahrscheinlich ein Treffer dort, hoffentlich nicht eines der Restaurants, schoss es mir durch den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberall zuckende blaue und rote Lichter. Polizei und Feuerwehren. Ich fuhr nach oben in den 18. Stock und bestellt einen Drink an der Bar. Au\u00dfer mir waren noch einige andere Hotelg\u00e4ste anwesend. Die meisten waren wohl auf ihren Zimmern geblieben, um abzuwarten. Aufgeregt bedeutete uns der Barkeeper, die Lammellen der Vorh\u00e4nge nicht zu \u00f6ffnen. Das sei Vorschrift und er wolle nicht in Schwierigkeiten geraten. Es gelang mir aber trotzdem, einen Blick nach unten zu werfen. Das gleiche Bild, blaue und rote Lichter. Ein gro\u00dfe Anzahl kriegsm\u00e4\u00dfig ausger\u00fcsteter Soldaten hatten den gesamten Platz abgesperrt. Niemand w\u00e4re durchgekommen. Das Telefon schlug an und der Barkeeper erkl\u00e4rte uns, dass niemand das Hotel verlassen d\u00fcrfe. Also bestellte ich mir noch einen und beschloss, zu warten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es m\u00f6gen gut zwei Stunden gewesen sein, die ich da an der Theke hockte und mir einige Whiskeys in den Hals sch\u00fcttete, als der Barkeeper mit einer neuen Information aufwartete. Die Bar war mittlerweile gut gef\u00fcllt. Es habe einen Sprengstoffanschlag auf die IRNA gegeben. Das Geb\u00e4ude sei fast v\u00f6llig zerst\u00f6rt, aber dem Hotel sei nichts geschehen. Soweit man das bis jetzt sagen k\u00f6nne, habe es auch keine Opfer unter den Hotelg\u00e4sten gegeben. Wie es drau\u00dfen aussah, davon sagte er nichts, wahrscheinlich wusste er es auch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Glauben Sie mir, der Schock war gro\u00df. Ich stellte mir vor, wie oft ich diesen Platz bei der IRNA schon passiert hatte, und jetzt das. In der selben Nacht noch erfuhr ich, dass ein Selbstmordattent\u00e4ter einen Lastwagen mit Sprengstoff gez\u00fcndet hatte. Etwas im Fernsehen zu sehen oder in den Nachrichten zu h\u00f6ren ist etwas v\u00f6llig anderes, als unmittelbar nebenan gewesen zu sein, als es geschah. Am anderen Morgen sah ich die Verw\u00fcstung. Die Fassade des Hauses war eingest\u00fcrzt und ein kleiner Krater zeugte vom Standort des Fahrzeugs zum Zeitpunkt der Explosion. Viele Tote und verletzte es gegeben hat, dar\u00fcber erfuhr man nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fernsehen liefen die ewig gleichen Aufzeichnungen, Saddam bei Ordensverleihungen, Saddam in Kinderg\u00e4rten, Saddam in Lazaretten, Saddam \u00fcberall. Kein Wort \u00fcber das Attentat. Nach Ansicht der Machthaber hatte es gar nicht stattgefunden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein neuer Freund bestellte der Einfachheit halber zwei weitere Drinks und sagte: &#8222;Als Absacker. Wir haben&#8217;s gut hier. Hier passiert doch nichts!&#8220;, sagte er, trank das Glas in einem Zug leer und verabschiedete sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute, \u00fcber 30 Jahre danach, kommt mir diese Erinnerung hoch. Damals, als der Zeitgenosse im Irak gewesen war, gab es, \u00a0unbestritten, viele Einzelschicksale. Menschen verschwanden oder wurden in Gef\u00e4ngnisse gesteckt, aus denen sie nie mehr zur\u00fcckkehrten. Saddam Hussein war aber Verb\u00fcndeter des Westens. Sie brauchten ihn als Bollwerk gegen den Iran, wo seit dem Sturz des Schahs nichts mehr war wie fr\u00fcher. Hussein beherrschte das Land mit despotischer Brutalit\u00e4t, aber es gab eine Art Balance zwischen den Volksgruppen und Glaubensrichtungen, auch wenn sie erzwungen war. Was hat der Krieg, der Einmarsch der Amerikaner und ihrer Verb\u00fcndeten f\u00fcr die Menschen dort wirklich bewirkt? Zehntausende oder gar hunderttausende Tote, Verletzte, Kr\u00fcppel, zu tausenden vergewaltigte Frauen. War es diesen Preis wert gewesen? Ist die Region jetzt friedfertiger und das Zusammenleben f\u00fcr die Menschen besser geworden und von mehr Rechten begleitet?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn aus Freunde Feinde werden, dann wird es immer \u00fcbel, besonders f\u00fcr den Schw\u00e4cheren. Vom alten Regime blieb nichts \u00fcbrig. Vielleicht auch deshalb, damit wir nichts mehr fragen k\u00f6nnen? Zu interessant w\u00e4re es doch, zu erfahren, auf welchen Ebenen sich die verschiedenen politischen Freundschaften abgespielt haben, damals, als Saddam Hussein noch ein Freund des Westens gewesen ist. Manche Dinge passen nicht zusammen, formen nicht das Bild, das man uns vorgaukeln will. Vielleicht sind wir aber doch nicht so dumm, wie einige hoffen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">Foto: Creative Commons-Lizenz:\u00a0http:\/\/www.flickr.com\/photos\/james_gordon_losangeles\/<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1012,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/993"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=993"}],"version-history":[{"count":36,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/993\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2586,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/993\/revisions\/2586"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1012"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=993"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=993"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=993"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}