Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit, brummte der Oberholzer Ferdinand.

Hast recht, nur ein paar Wochen noch, dann ist’s wieder soweit…, wie jedes Jahr, presste der so Angesprochene kaum vernehmbar zwischen den Zähnen hervor.

Schweigend stapften die beiden weiter den Berg hinan. Eine malerische Gegend hätte es sein können, hier um den Waxenstein herum, dachte der Ferdinand, wenn es nicht gerade wie aus Kübeln geschüttet hätte. Auf das höchste konzentriert setzten sie ihre Schritte. Die kleinste Unachtsamkeit und der matschige Steig hätte blitzschnell zur tödlichen Gefahr werden können.

Trotz des unablässigen Regens formte der schwerer Atem der Männer winzige Nebelbänke vor ihren bärtigen Gesichtern. Lange würden ihre Wetterflecke dieser Sintflut nicht mehr standhalten können. Die Rucksäcke darunter schwer bepackt, schienen den Männern das letzte an Kraft und Ausdauer abzuverlangen. Und unablässig peitschte der Wind die scharfen Nadelspitzen des Eiswassers in ihre Gesichter.

Wird’s Schnee haben, oben, fauchte der hintenan stapfende Brunnlechner Vinzenz. 

Kaum dass die Wortfetzen den Ferdinand erreichten. Mir reicht das Schlamassel schon jetzt, aber, wie du sagst, gleich wird’s noch dicker kommen!

Und als hätte jemand mit dem Lineal eine Linie gezogen, verwandelte sich der Regen mit einem Mal und ohne Übergang in messerscharfe Eiskristalle. Schnee, jede Menge Schnee! Kaum, dass sie noch eine Markierung des Weges ausmachen konnten.

Jetzt wird’s brenzlig!, brüllte der Ferdinand über die Schulter nach hinten.

Nur noch ein paar hundert Meter!, schrie des Vinzenz zurück, gleich um die nächste Kehre, dann haben wir’s geschafft!

Hier heroben am Johannissteig, etwas abseits der üblichen Wanderrouten, war das Refugium der Männer. Eine massive Hütte, die schon viele Jahrzehnte in dieser rauen Bergwelt überdauert hatte. Vinzenz‘ Großvater hatte sie einst errichtet und seither war sie Schauplatz für allerlei Amüsements gewesen.

Schnell war das tropfnasse Zeug auf die Kleiderhaken neben der Türe verteilt und während sich der Vinzenz sogleich daran machte, ein Feuer anzuschüren, packte Ferdinand die Rucksäcke aus. 

Glück gehabt, alles trocken und vor allem ohne Bruch!

Schnell breitete sich eine behagliche Wärme aus. Ich bring unser Schlafzeug und so weiter schon mal nach nebenan, sagte Ferdinand und verschwand in dem mit drei Stockbetten ausgestatteten Schlafgemach der Hütte. Dazu gehörte ein Waschraum und eine abgeteilte Toilette. 

Mach die Schieber auf, damit es überall warm wird, rief der Vinzenz hinüber und er meinte damit, der Ferdinand solle das einfache, aber ausgetüftelte Heizsystem in Gang setzen, das ausschließlich mittels des alten Kachelofens betrieben wurde, den er soeben anheizte.

Eine Stunde später, Brotzeit und Bier hatten die Strapazen des Anstiegs vergessen gemacht, hantierten die beiden mit allerlei Zeug. Bald schon war eine Destille zusammengesetzt. Branntwein und Schnaps, darin waren sie Spezialisten und gerne nahmen Freunde, zu denen auch der Dorfgendarm, Pfarrer und Bürgermeister zählten, zu Weihnachten eine Flasche der edlen Stoffe entgegen.

Ich meine, wir machen besser erst morgen weiter, schlug der Ferdinand vor.

Einverstanden, für heute reicht’s eh.

Als die Männer drei Tage später wieder hinab ins Tal stiegen, zog jeder ein Gefährt hinter sich her, unter dessen Räder sie Kufen befestigt hatten. Die Ausbeute ihrer heimlichen Arbeit war beachtlich. 

Geschickt waren die Kisten mit Stroh ausgekleidet und die Flaschen mit dem kostbaren Gut wohl verstaut.

Mühselig  war ’s schon, denn was da an Schnee heruntergekommen war, machte jeden Schritt zum Abenteuer.

Eine gute Stunde noch, dann sind wir an der Mittelstation, sagte der Ferdinand keuchend. Trotz der Schneeschuhe kostete der Abstieg Kraft und Konzentration. 

Wir schaffen es auf jeden Fall rechtzeitig vor der letzten Fahrt, brummte der Vinzenz und nickte bestätigend.

Müssen wir auch! Schau, da drüben, da braut sich wieder etwas zusammen!

Tiefe, gräulich schwarze Wolkentürme bauten sich auf, schoben sich ineinander, trennten sich und wiederholten das Schauspiel. 

Nicht mehr lange, dann wird’s wieder ein Pfund runterhauen,

Und wie auf Kommando suchten die ersten verwegenen Flocken ihren Weg ins Tal. Leise, schwebend kamen sie daher, aber sehr bald schon würden Windböen das Geflinsel vor sich hertreiben und jedes Weiterkommen unmöglich machen.

Ein paar Minuten noch! Die beiden Männer stapften, so schnell dies mit ihrer kostbaren Fracht möglich war, weiter, immer weiter.

Pass auf!, schrie der Vinzenz noch, aber seine Warnung kam zu spät. 

Messerscharf hatte er trotz des immer dichter werdenden Schneetreibens bemerkt, wie sich plötzlich bei einem von Ferdinands Schneeschuhen ein Befestigungsriemen löste. 

Ferdinand registrierte zwar Vinzenz‘ Schrei, konnte aber nicht zuordnen, was er meinte. Dann ging’s auch schon dahin. Sein rechter Stiefel glitt aus dem Schneeschuhe, augenblicklich verlor er die Balance und stürzte ein paar Meter nach nach vorne, links in den Schnee. Sein zum Schlitten umfunktioniertes Gefährt schoss an ihm vorbei, bahnte sich einen Weg durch das Schneegestöber und war nicht mehr zu orten.

Was sind wir doch für Idioten! Wir hätten Stöcke mitnehmen sollen!, schimpfte der Vinzenz lauthals. Jedem Deppen sagen wir es: Zum Schneeschugehen gehören Stöcke, aber wir…!

Mußt mir aufhelfen, ich komm nicht hoch!, rief der Ferdinand indessen. Der Fuß, der Knöchel… Ich weiß es nicht!

So gut es ging, versuchte der Vinzenz dem Gefährten zu helfen. Mit einer Hand nur. Um die andere hatte er sich den Strick geschlungen, an dessen Ende sein Schlitten hing.

Es geht nicht, stellte der Vinzenz nüchtern fest. Ich brauche beide Hände! Kurzerhand räumte er die Ladung vom Schlitten und hievte den Freund darauf. 

Wenige Minuten später erreichte sie die Mittelstation. 

Wir wären gerade noch in der Zeit, sagte der Vinzenz, aber sie fahren nicht, weil sie bei dem Wetter auch nicht fahren können, ergänzte er noch.

Mist!, entfuhr es Ferdinand. Was machen wir jetzt? Zur Hütte können wir nicht zurück. Das schaffe ich nicht. Ist vielleicht gebrochen.

Ja, das geht nicht, bestätigte Vinzenz. Auch mit dem Schlitten nicht. Zu steil, das schaffe auch ich nicht!

Warte, ich schau mich um, sagte der Vinzenz. Ich hab’s mir schon gedacht, sagte er, als er nach einer Weile zurückkam. Die Station ist abgeschlossen, da kommen wir nicht hinein. Wird ungemütlich werden, im Freien! Und weiter laufen, du auf dem Schlitten… Das können wir vergessen… Der Schnee, der Wind… Das geht nicht!

So gut es möglich war, kauerten sich die beiden unterhalb eines Mauervorsprungs, stellten als Schutz den Schlitten quer… und sprachen nicht aus, was ihnen durch den Kopf ging. 

Ich geh‘ zurück und schau, dass ich ein paar der Flaschen herbringen kann, sagte der Vinzenz und etwas wie Zuversicht machte sich auf seinem Gesicht breit. Alkohol brennt, also kann es nicht ganz so schlimm werden.

Nimm den Schlitten, dann kannst mehr herschaffen!, sagte der Ferdinand.

Es war eine schlimme Nacht, die Kälte biß sich durch jede Naht, durch jeden Fetzen Stoff, den sie auf der Haut trugen, durch die Wetterflecke, die sie über ihre Köpfe gezogen hatten, einfach überall hindurch, durch die Stiefel, durch die dicken, wollnen Socken…

Sie leben noch!, rief der Mann im roten Overall mit der Aufschrift ARZT  am Rücken zu einer Gruppe von Männern hinüber. Mit geübten Griffen waren die beiden Männer schnell im hinteren Teil des Hubschrauber untergebracht. Der Pilot startete und das laute Knattern der Rotoren erfüllte das ganze Tal.

In den frühen Morgenstunden glaubte jemand im Tal, oben am Berg einen flackernden Feuerschein wahrgenommen zu haben.  Müsste an der Mittelstation gewesen sein, meinte der Beobachter.

Dreißig Minuten, dann können wir starten! Der heraufziehende Morgen warf indessen sein spärliches Licht auf die Männer der Bergwacht, die sorgfältig überprüften, ob alles Notwendige an Board war.

Als der Trupp schließlich oben angekommen war, Schnee und Wind hatten sich Gott sei Dank gelegt, war nicht mehr viel Leben in den beiden. Nur ein wenig später und sie hätten der Natur, der Kälte nicht mehr trotzen können.

Der Schnaps und die Bergwacht haben uns gerettet, erzählten sie später den Leuten im Tal. 

Für euch ist es ja noch einmal gut ausgegangen, bemerkte der Bürgermeister, für uns aber, die wir schon sehnsüchtig auf euer weihnachtlich Gebranntes gewartet haben, für uns brechen nun leider trockene Zeiten an, lachte und klopfte den beiden Männern anerkennend auf die Schulter.

Ein paar Häuser weiter nur zog derweilen eine gebückte Gestalt eine Art Schlitten in einen angrenzenden Schuppen. 

Der Vinzenz und der Ferdinand waren harte Burschen und erholten sich schnell, allerdings sah man im Tal den Ferdinand ein paar Wochen lang mit Gipsbein und Krücken seine Geschichte erzählen, die stets damit endete, dass er es sich ums Verrecken nicht erklären könne, wo sein Schlitten mit den feinen und edlen Branntweinen geblieben war.

Foto: Creative Commons, flickr, https://www.flickr.com/photos/static_view/

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