Ruhig und besonnen verrichten die Männer ihre Arbeit. Nur schemenhaft sind sie durch das einsetzende Schneetreiben auszumachen. Auch das Licht der Laternen am Marktplatz kommt dagegen nicht an. So verschmelzen die Arbeiter mit der Umgebung immer mehr zu einer undurchdringlichen, weißgrauen Wand.

Wäre nicht für heute Nachmittag der schwere Autokran bestellt, dann hätten sie sicher die Arbeiten verschoben, dachte Hubertus Fichtner.

Rundherum war Geschiebe und Gehämmer zu hören, durchdrungen von Kommandos, von Gelächter, da und dort auch von einem Fluch, wenn es nicht so lief, wie es sollte. So glich ein Jahr dem anderen, wenn der Christkindlmarkt aufgebaut wurde.

In diesem Jahr kam allerdings etwas hinzu. Tonnenschwere Betonblöcke sollten die Zufahrt für Motorfahrzeuge unmöglich machen. Nur über zwei schmale Seitenstraßen, die mit versenkbaren Pollern versehen waren, würden Polizei, Rettungsfahrzeuge und Zulieferer auf den Platz gelangen können.

Was für eine Zeit, sinnierte Hubertus, Vorarbeiter des Bautrupps der Stadtverwaltung, Stahlbeton, um Wahnsinnige  abzuhalten! Wer hätte das gedacht?

Indessen tagten in der Sicherheitsfirma die Chefs und Einsatzleiter, um wieder und wieder Detail um Detail durchzukauen. Was ist wenn…? Wenn noch mehr Schnee runterkommt, was machen wir dann, wie sollen wir die Leute kontrollieren?, wollte einer wissen. Eins war klar, egal ob viel oder wenig Schnee daherkäme, ob man die Hand nicht vor Augen sehen könnte oder blauer Himmel herrschte: Kein Besucher durfte unkontrolliert auf den Platz!

Das mach mal, wenn hunderte auf den Platz drängen, dachte einer, der schon mehrmals solche Einsätze mitgemacht hatte, und was wir so an Personal haben. Die Truppe, so nannten die Einsatzleiter ihre Leute, würde wieder aus einer bunten Mischung aller möglichen Menschen bestehen. Manche von ihnen mit Erfahrung, andere nur kurz instruiert. Auf die müsst ihr besonders aufpassen, meinte einer der Chefs.

Im Rathaus hatte der Bürgermeister Vertreter der Polizei und die Chefs der im Gemeinderat vertretenen Parteien geladen. Also, wenn wir das noch weiter auf die Spitze treiben, dann blasen wir den Christkindlmarkt besser ab, sagte einer aus der Opposition. Erstaunlicherweise pflichtete ihm sogar der Bürgermeister bei. Ich schlage vor, sagte einer, einkreisen, eine Wagenburg, wie damals im Wilden Westen, aber, der Zeit angepasst, mit Panzern der Bundeswehr. Witzig heute, der Kollege, war eine spitze Frauenstimme zu vernehmen.

Hin und her wogten die Argumente, bis es schließlich jemand auf den Punkt brachte: So wird das nix, das hat doch mit Weihnachten nichts mehr zu tun! Einigeln, Betonblöcke, schwer bewaffnete Polizei, Sicherheitskontrollen! Leute, es geht nur um den Christkindlmarkt, mehr nicht! Wenn wir dort Angst um unser Leben haben müssen, dann stimmt etwas gewaltig nicht mehr! Das Fest der Liebe…!

Betretenes Schweigen. Vorschläge?, fragte der Bürgermeister.

Draussen nahm der Kran seine Arbeit auf. Mehrere Transportfahrzeuge warteten geduldig, bis sie an der Reihe waren. Block für Block wurden auf den Platz gehievt. Schön war das nicht, das war sogar bei diesen widrigen Wetterverhältnissen schnell zu erkennen. Sei’s drum, fluchte Hubertus Fichtner leise vor sich hin.

Als es dann endlich soweit war, staunten die Besucher nicht schlecht. Überall auf den Blöcken Kunstwerke aus Eis, prächtig geschmückte Christbäume und aus unzähligen Kerzen geformtes weihnachtliches Lichterspiel.

Ja, das haben sie richtig gut gemacht, sagten die Bürger, und, so festlich war es noch nie!

Hubertus fand das auch und war stolz auf seinen Ort.

 

Foto: Creative Commons Lizenz, flickr, Dr. Froehlich