Heutzutage spricht man allerorts von runden Tischen, wobei die Form des Möbelstückes keinerlei Rolle spielt und noch nicht einmal, ob es sich dabei tatsächlich um einen Tisch handelt.

In Dingharting soll’s gewesen sein, so die Chronik, wo sich das nachfolgend Geschilderte zugetragen haben soll.

Ich selbst habe jenes geschichtsträchtige Ereignis leider nicht miterlebt, konnte aber sehr nahe am tatsächlichen Geschehen recherchieren. Schuld war der öffentliche Nahverkehr. Friday for future-gemäß habe ich meine immer noch benzingetriebene Karosse in der Garage stehen lassen und mich geradewegs zur Bushaltestelle begeben, um mittels des alle zwanzig Minuten verkehrenden Vehikels die nächste S-Bahn zu erreichen.

Da ist es passiert – der Auslöser allen weiteren Ungemachs! Dem Fahrplan nach (Internetapp) sollte der Bus in exakt drei Minuten eintreffen, als ich gerade noch sein Hinterteil in der Ferne entschwinden sah.

Ist klar, bemerkte ein des Weges kommender Zeitgenosse, am Wochenende fahren weniger Leute, da sind die Stops an den Haltestellen kürzer.

Mein fragender Blick rang ihm eine Zugabe ab: Wenn er nicht sowieso verspätet ist, was eigentlich immer der Fall ist (er meinte den Bus), dann ist er halt auch mal schneller, so wie jetzt! Damit zog er seines Weges.

Geduldig wartete ich zwanzig Minuten, das war der Takt, aber es kam keiner. Nirgendwo ein Bus und erstaunlicherweise außer mir auch keine weiteren Fahrgäste.

Verwundert, zugegeben, schon ein wenig verärgert, blickte ich auf den Fahrplan. Hier stand des Rätsels Lösung schwarz auf weiß: Der letzte im zwanzig Minuten Takt war der Schnelle von vorhin. Danach galt bis 16:00 Uhr ein vierzig Minuten Intervall.

Macht nix, obwohl ich mangels eigener Weitsicht innerlich kochte. Selbst, wenn der nächste Bus pünktlich wäre, würde ich mein Ziel in Dingharting unwiderruflich zu spät erreichen. Nichts auf der Welt hätte mir hier noch helfen können.

Ich spare mir an dieser Stelle eine Detailschilderung der weiter erfahrenen Unbillen (lt. Duden veralteter Sprachgebrauch, aber für die erlebten Ereignisse gerade deshalb besonders zutreffend) und fasse lediglich zusammen: Weichenstörungen, ominöse Polizeieinsätze und anderes, rauben mir insgesamt mehr als zwei Stunden.

In der gleichen Zeit, dachte ich flüchtig, fährst du mit dem Auto an einem Sonntag von München nach Zürich, nicht bloß nach Dingharting, meinem Lieblingsort so zahlreicher politischer Ereignisse und nur etwas weniger als vierzig Kilometer entfernt.

Als ich schließlich ins Wirtshaus Zum Hirschen polterte, war alles längst vorbei. Nur eine Handvoll jüngere Leute waren noch zugange, aufzuräumen und Tische und Stühle wieder an die angestammten Plätze zu verfrachten.

Der grüne Tisch, stammelte ich verzweifelt, der grüne Tisch?

Gibt’s nimma, war schon, bist zu spät dran!, zischte mir schließlich ein Jüngling so um die Zwanzig herablassend zu.

Mia hams aufgezeichnet, kannst es gerne anhören, solange wir hier noch zu tun haben, sagte der knäblich wirkende junge Mann und drückte mir ein Diktiergerät in die Hand. Mia hams scho überspuit, sagte er noch, für den Fall, dass’t a falsche Tast’n drückst und der ganze Quatsch gelöscht wird.

Da saß ich nun in diesem Wirtshaus, ein Weißbier auf dem Tisch und ein Diktiergerät in der Hand.

Ich habe diesen grünen Tisch einberufen, vernahm ich die sonore Stimme des Bürgermeisters, weil (jetzt ungeziemendes Gelächter im Hintergrund) ich meine, dass ein paar Wahrheiten nicht nur gesagt sein müssen, sondern auf den Tisch gehören und ausdiskutiert werden müssen (dann mach mal, schrie jemand, aber schnell, eine andere Stimme, weil, wir wollen wieder heim zum Mittagessen, verstehst? – ungezügeltes Gejohle).

So geht des net, der Bürgermeiseter, lasst’s euer Zwischengeplärre, umso schneller san ma durch!

Soweit ich den weiteren Ausführungen entnahm, waren Vertreter des Gemeinderates aller Parteien anwesend ohne die AfD (weil es selbige in Dingharting, bisher jedenfalls, noch nicht in dieses Gremium geschafft hatte).

Was wollen wir eigentlich, fuhr der Bürgermeister fort und meinte mit dem WIR ganz offensichtlich und explizit die Grünen.

Es geht net, dass wir (geschickt wieder dieses WIR), auf der einen Seite Forderungen erheben und gleichzeitig gegen alles sind, was die Ausführung zunichte macht. Da braucht‘s scho no a bisserl mehr Disziplin!

Irgendein Neuling fiel dann doch tatsächlich auf des Bürgermeisters Rhetorik herein und lieferte die ersehnte Steilvorlage. Werden Sie doch endlich konkret, was meinen Sie denn?, feuerte er seine Frage ab.

Wäre ich anwesend gewesen, hätte ich ganz sicher den verschmitzten Schalk in des Bürgermeisters Augen wahrgenommen. Ein Diktiergerät kann so ein wichtiges Detail natürlich nicht festhalten.

Schau’n Sie mal, sagte der Bürgermeister und entrollte offensichtlich ein Plakat, Flipchart oder ähnliches.

Ich will es Ihnen, uns allen (UNS!), erläutern: Wir alle wollen einen sauberen Strom, aber Sie, und vermutlich zeigte er jetzt dezidiert auf die Grünen, verweigern sich bei allem, was dazu gehört.

Unerhört!, trommelte eine Stimme dazwischen.

Warten’s es ab!, der Bürgermeister.

Kein Atom, keine Kohle, kein Erdgas, das scheint Konsens, aber dann Sie, und wieder ist zu vermuten, dass er dabei die Grünen anpeilte, keine Windräder, keine Biogasgroßanlagen, keine Solarparks und schon gar keine Stromtrassen, weder unter noch über der Erde, und, lassen sie mich das noch anfügen, auf keinen Fall Stauseen zum Betrieb von Turbinen.

Sie verkürzen alles!, rief eine aufgeregte Stimme.

Ich verkürze da gar nix, weil, wenn man für das eine ist, könnt’s bei den Konsequenzen net den Schwanz einziehen! Des sind doch immer Sie und Ihre Sympathisanten, die lauthals kundtun, dass alles noch viel schneller gehen sollte, aber dann, schon am nächsten Tag, bei irgendeiner Demonstration in der vordersten Reihe mit marschieren und lauthals proklamieren, bloß keines der vorher genannten Projekte zu realisieren!

Pause. Merkwürdig denke ich, wieso sagt da keiner etwas?

Krüge klirren. Ich verstehe, die Kellnerinnen bringen Nachschub.

Und schon ist der Bürgermeister wieder in seinem Element. Andere Beispiele Ihrer Halbherzigkeit: Warum sagen Sie den Leuten nicht, was auf sie zukommt, wie durch die geplante CO 2 Steuer alles teuerer werden wird? Oder glauben Sie vielleicht, die Unternehmen wälzen diese Kosten nicht auf ihre Produkte und Leistungen ab? Und wie deshalb auch die Mieten weiter ansteigen werden!

Ich staune, immer noch kein Veto, kein Zwischenruf, was ist los?

Der Bürgermeister: Und was passiert überhaupt mit den zusätzlich erhobenen Steuern? Staatseinnahmen, denen wieder mal nichts zweckgebundenes folgen wird? Wollen Sie das? Oder wollen Sie vielleicht doch noch mal ein wenig nachdenken? Nehmen wir als Beispiel das Benzin, den Diesel: Oben drauf wollen Sie jetzt noch die CO 2 Steuer knallen! Da haben wir dann schon die Mineralölsteuer, andere Steuerumlagen und nun noch die CO 2 Steuer, alles schön eingebettet in den Preis an der Zapfsäule, deren geringerer Anteil übrigens den Preisanteil der Mineralölfirmen ausmacht. Und sozusagen als Zugabe zahlen wir oben drauf noch die Mehrwertsteuer – also, eine Steuer von der Steuer. Absurd, nicht wahr?!

Jemand wollte einen Einwand anmelden, aber der Bürgermeister war so in Fahrt: Nix da, später! Und ich wiederhole meine Frage: Was geschieht mit dem Geld? Und warum glauben Sie überhaupt, dass sich dadurch der CO 2 Ausstoß tatsächlich verringern soll? Was, wenn das ganze Modell lediglich zu einem betriebswirtschaftlichen Hokuspokus verkümmert?

Der Bürgermeister nahm einen Schluck (vermutlich aus dem Krug) und fuhr fort: Und deshalb schlage ich vor, dass wir uns gefälligst hinsetzen, alle, und Ziele erarbeiten und daran orientiert Maßnahmen knüpfen, die uns wirklich weiterbringen. Und wo dann keiner mehr, aus Parteiräson oder anderen Gründen abspringen kann. Und dieses Paket machen wir öffentlich und schicken es an unsere Parteizentralen auf allen Ebenen!

Jetzt reicht’s!, donnerte eine Stimme ….

Und dann brach die schöne Aufzeichnung zusammen oder was auch immer, jedenfalls konnte ich nichts mehr vernehmen.

Batterie!, sagte der junge Mann, der mir das Gerät gegeben hatte. Bevor wir neue einlegen konnten, war der ganze Zauber schon vorbei. Geeinigt haben sie sich schließlich auf nix, aber, so wie ich unsern Bürgermeister kenne, hatte er damit auch gar nicht gerechnet. Er wollte den Grünen halt eins reinwürgen.

Und die Roten, die Freien Wähler, die FDP…?, merkte ich an.

Können’s grad vergessen. Die Roten werden immer weniger und sagen gar nix mehr, die Freien reden viel, stimmen dann aber sowieso dem Bürgermeister zu und die FDP, na ja, die gibt’s zwar schon, aber eigentlich gibt’s es doch net.

Auch eine Taktik, dachte ich, studierte den Fahrplan und machte mich auf den Weg.

Wäre ich bloß mit dem Auto gefahren, ich hätte schon einiges zu sagen gewußt. Aber dank meiner vorbildlichen Entscheidung hat mich der öffentliche Nahverkehr gerade noch rechtzeitig ausgebremst.

Bild: Foto, Hans K. Reiter